Zu viel Urin im Stadtzentrum: Chiasso führt neue Regel für Hundehalter einDie Tessiner Grenzstadt Chiasso verpflichtet Hündeler, den Urin ihrer Tiere mit Wasser wegzuspülen. Es ist ein Schweizer Novum.Peter Jankovsky, Chiasso30.07.2026, 05.27 Uhr4 LeseminutenPinkelt der Hund auf öffentlichem Boden, müssen die Hundehalter den Urin mit Wasser abwaschen – so die neue Regel in Chiasso.Massimo Piccoli / TI-Press / KeystoneEs ist früher Abend, und noch immer drückt die Hitze mit über 30 Grad auf Chiassos Corso San Gottardo. Die rund 1,5 Kilometer lange Hauptallee der Grenzstadt ist fast menschenleer. Was im faszinierenden Sammelsurium der Gebäudestile zunächst untergeht, sind die vielen Hightech-Kandelaber. Stadtpräsident Bruno Arrigoni bleibt vor einem stehen und zeigt auf dessen Sockel. «Fast alle sehen so aus», sagt er. Tatsächlich ziehen sich dunkle Urinspuren von Leuchte zu Leuchte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ein paar Schritte weiter bleibt Arrigoni vor einem Modegeschäft stehen. Die neobarock anmutende Fassade mit ihren Säulen wirkt gepflegt. Wäre da nicht wieder ein störendes Detail. Jede einzelne Säule trägt Spuren von Hunde-Urin. So geht es den ganzen Boulevard entlang weiter, selbst die Poller kurz vor der italienischen Grenze sind markiert.100 Franken für HundepipiChiasso kämpfte früher mit ganz anderen Problemen. Einst gab es Bankenskandale, dann sorgten alkoholisierte Asylsuchende für Schlagzeilen. Heute beschäftigt die Lokalpolitik eine weit alltäglichere Belästigung: Hundepipi auf Strassen, Fassaden, Kandelabern und Autopneus. Was gegen diese Schandflecke tun? Die Antwort darauf ist eine neue Verordnung.Bei einem kühlen Getränk in einer der Bars am Corso erzählt der 64-jährige Bruno Arrigoni mehr darüber. Ab dem 19. August müssen Hundehalter überall auf Chiassos öffentlichem Grund eine Wasserflasche bei sich haben und den Urin ihres Tieres wegspülen – und zwar das ganze Jahr über. Wer von Polizisten oder Polizeiassistenten ertappt wird, erhält zunächst eine Verwarnung, danach kostet es 100 Franken.Der Corso San Gottardo ist die Visitenkarte Chiassos. Entsprechend stören die Hundespuren viele Bewohner und Geschäftsleute. Ladenbesitzer beklagen sich laut dem Bürgermeister immer häufiger über verschmutzte Eingänge. Dazu kamen Reklamationen aus der Bevölkerung und den Quartierkommissionen: Die Flecken seien abstossend und röchen in der Hitze unangenehm. Im Juni reichten deshalb sämtliche Parteien des Gemeindeparlaments gemeinsam eine Petition ein.«Ich war überzeugt, dass es so eine Regelung in der Deutschschweiz längst gibt», sagt Bruno Arrigoni. Erst Journalisten hätten ihn darauf aufmerksam gemacht, dass Chiasso schweizweit Neuland betrete. Im benachbarten Como dagegen gehört die Wasserflasche längst zum Alltag von Hundehaltern. Dasselbe gilt für weitere italienische Städte wie Parma und Livorno sowie in Spanien für Barcelona, Valencia oder Sevilla.Auf 8000 Einwohner 450 HundeAndere Tessiner Städte beobachten Chiassos Vorstoss. Während Lugano und Bellinzona vor allem den Hundekot als Hauptproblem ansehen, prüft Locarno nach dem Beispiel der Grenzstadt ebenfalls eine Regelung für Hunde-Urin.Doch warum wird gerade Chiasso, am äussersten Südzipfel der Schweiz gelegen, zum Vorreiter? «Noch vor einigen Jahren sah man deutlich weniger Hunde», sagt Arrigoni. Heute jedoch würden auf rund 8000 Einwohner etwa 450 registrierte Hunde in der Stadt leben. Die Urinflecken seien für ihn das grössere Problem als Hundekot, der im Zentrum vergleichsweise selten liegenbleibe.Der Kellner Giuseppe, der seit Jahren in Arrigonis Stammbar arbeitet, begrüsst den Entscheid. Weniger der Geruch störe ihn als die sichtbaren Flecken. Die meisten Hundehalter verhielten sich korrekt. Eine kleine Minderheit verderbe jedoch das Flair des ganzen Corso und schade somit dem Ruf Chiassos. «Es ist eine Frage des Respekts.»Ähnlich sieht es die Schriftstellerin Liaty Pisani, die zufällig vorbeiflaniert und bis vor kurzem selbst einen Hund hatte. «Für mich ist das eine Sache der Erziehung und Einstellung.» In einigen Städten Italiens sei das Wegspülen ja seit Jahren selbstverständlich. Die Mitnahme eines Wasserfläschchens störe die Leute dort überhaupt nicht.Hündeler können Regel nachvollziehenDer Hündeler Nikola kühlt seinen Deutschen Jagdterrier an einem Trinkbrunnen auf dem Corso ab. Das Tier lebt sichtlich auf. «Dass grosse Hunde mitten im Zentrum überall ihre Markierung anbringen, sehe ich auch.» Urinflecken seien störend, das könne er nachvollziehen.Für das ganze Siedlungsgebiet gehe ihm die Verordnung aber zu weit. «Wir haben grössere Probleme in Chiasso und auf der Welt.» Ob er ab dem 19. August immer eine Wasserflasche auf sich tragen werde? Nikola grinst: «Wenn ich daran denke.» Als ehemaliger Fussballverteidiger habe er Verwarnungen ohnehin nie gescheut.Inzwischen ist es endgültig Abend geworden. Die Hitze liegt noch immer schwer über dem Corso San Gottardo. Passantin Giovanna aus London geniesst mit ihrem langhaarigen Shih-Tzu-Hündchen ein Gelato. Für sie ist die neue Vorschrift richtig. Sie denkt an ihre Enkelkinder, die beim Spielen Mauern, Kanten oder Pflanzen berühren. «Kinder fassen alles an, Hygiene muss also sein.»Ihr kleiner Shih Tzu interessiert sich an diesem Abend allerdings weder für Kandelaber noch für Hausfassaden. Stattdessen schleckt er genüsslich am Gelato seiner Besitzerin – ohne auch nur ein Bein zu heben.Passend zum Artikel
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