Bernard Cahier / Hulton Archive / GettyDer österreichische Rennfahrer schrammte am Grossen Preis von Deutschland auf dem Nürburgring am Tod vorbei. Nun jährt sich die unglaubliche Geschichte zum 50. Mal. Sie hat den Motorsport wachgerüttelt.30.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenBereits die Länge der Nordschleife, 22,8 Kilometer, flösst den Rennfahrern Respekt ein. Dazu kommt die hügelige Topografie der Eifel. Was den Nürburgring, die berühmte Motorsportrennstrecke in Rheinland-Pfalz, so gefährlich macht, erhöht auch den Reiz. Wer sagt, der Motorsport ziehe seine Faszination auch aus der ständigen Gefahr, findet auf diesem Kurs, der im nächsten Jahr 100 Jahre alt wird, den besten Beweis.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Am 1. August 1976 ereignete sich auf dem Nürburgring beim Grossen Preis von Deutschland eine der schlimmsten Katastrophen der Formel 1 – es handelt sich um einen der spektakulärsten Unfälle der Königsklasse, bei dem nur dank unglaublichem Glück niemand ums Leben kam.Der Crash von Niki Lauda gehört zu den Dramen, die den Motorsport nachhaltig verändert haben. Er steht in einer Reihe mit der Tragödie von Le Mans 1955, als Pierre Leveghs Silberpfeil 84 Zuschauer tötete, und dem schwarzen Wochenende von Imola 1994, an dem Roland Ratzenberger und Ayrton Senna ums Leben kamen.Niki Lauda führt am Grossen Preis von Deutschland 1976 das Feld an der Adenauer Brücke an, hinter ihm der Engländer Guy Edwards, der Amerikaner Brett Lunger und sein Landsmann Harald Ertl. Wenig später erlitt Lauda seinen schweren Unfall.LAT Images / GettyLauda kurz vor dem Unfall auf dem Nürburgring. Er gehörte zu jenen Fahrern, die sich zuvor für mehr Sicherheit auf der Rennstrecke eingesetzt hatten.Rainer Schlegelmilch / GettyBeim zweiten Versuch gelingt die RettungVon den Geschehnissen gibt es vergleichsweise wenig Bildmaterial, was die Legendenbildung bis heute anregt. Amateurfilmer hielten das Inferno auf wackligen Super-8-Bildern fest. Zeitzeugen erinnern sich, dass nach rund acht Minuten der zweiten Runde die Autos wieder an Start und Ziel hätten vorbeikommen müssen. Doch das taten sie nicht. Es herrschte Ratlosigkeit, auch in der Boxengasse. Oben am Dunlop-Turm wurde die Position des Führenden angezeigt, ein Lämpchen leuchtete am jeweiligen Streckenteil auf. Doch die Glühbirne verharrte im Abschnitt Bergwerk. Es war gespenstisch still, von einigen Plätzen aus war ganz kurz eine Rauchsäule zu sehen. Was war passiert?Der Österreicher Niki Lauda, der im Training die schnellste Zeit gefahren war, jagte im Ferrari 312T2 nach einem frühen Boxenstopp auf frischen Trockenreifen über die Strecke. In einer langgezogenen Linkskurve brach bei 220 km/h plötzlich unvermittelt das Heck aus. Der Wagen geriet ins Schlingern, zog scharf nach rechts und durchbrach die Streckenbegrenzung. Die Wucht sorgte dafür, dass der Ferrari die Fangzäune durchbrach und auf einen Erdwall prallte, von dort wurde das Auto auf die Piste zurückgeschleudert. Das Benzin in den vollen Tanks entzündete sich sofort.Lauda verschwand in den Flammen, als die nachfolgenden Fahrer Brett Lunger und Harald Ertl nicht mehr rechtzeitig abbremsen konnten, das Wrack rammten und es dadurch noch tiefer in die Flammenhölle des abgerissenen Tanks schoben.Die Strecke war blockiert, es herrschte Chaos. Laudas Kollegen sprangen aus den Cockpits, versuchten ihn aus dem Inferno zu ziehen. 55 Sekunden lang sass Lauda in den 800 Grad heissen Flammen. Schliesslich gelang es dem Italiener Arturo Merzario beim zweiten Versuch, den bewusstlosen Lauda zu befreien.Das Wrack von Niki Laudas Ferrari nach seinem verheerenden Crash auf dem Nürburgring.Bernard Cahier / Hulton Archive / GettyDer Italiener Arturo Merzario rettete Lauda aus dem Ferrari – das Verhältnis der beiden Rivalen blieb kompliziert.EPAAufgrund der Schwere der Verbrennungen wurde Lauda später mit dem Helikopter in eine Spezialklinik nach Ludwigshafen geflogen, wo er tagelang um sein Leben kämpfte und sogar schon die Letzte Ölung von einem Priester erhielt. Doch Lauda überlebte.42 Tage nach dem Unfall kehrt Lauda zurückZu dem Unfall hätte es gar nicht kommen müssen, hätte sich in der Fahrerbesprechung vor dem Rennen die Vernunft durchgesetzt. Nachdem in den Jahren zuvor viele Fahrer, unter ihnen auch prominente wie Wolfgang Graf Berghe von Trips, Jochen Rindt oder Jo Siffert, ihr Leben verloren hatten, formierte sich eine Bewegung, die mehr Sicherheit forderte, auch von den Streckenbetreibern. Lauda, bei allem Risikobewusstsein, war einer ihrer Wortführer.Vor dem Grossen Preis von Deutschland wurde ein Boykott diskutiert. Der Nürburgring sei nicht mehr zeitgemäss, zumal Regen angesagt war. Eine knappe Mehrheit sorgte dann aber doch dafür, dass das Unheil seinen Lauf nehmen konnte. Der Grand Prix, er sollte der letzte auf der Nordschleife sein, wurde nach den Aufräumarbeiten noch einmal neu gestartet, Laudas Rivale James Hunt gewann. Die Formel 1 kehrte erst 1984 wieder auf den Nürburgring zurück, auf eine neue, 4,5 Kilometer kurze Piste.Die traumatischen Bilder waren im Jahr 1976 noch nicht verblasst, da kehrte Niki Lauda bereits wieder ins Cockpit zurück. Lediglich 42 Tage lagen zwischen dem Feuerunfall, dem Koma und seinem Start beim Grossen Preis von Italien. Ihm half dabei ein bekannter Verdrängungsmechanismus unter Rennfahrern – sie rekonstruieren, wie der Unfall passieren konnte, um dann festen Glaubens, dass so etwas nicht noch einmal geschehen könne, weiterzufahren. In dem Fall des damals 28-Jährigen war es ein Hinweis des Ferrari-Chefmechanikers auf einen Materialfehler am gebrochenen hinteren Längslenker. Bestätigt wurde das nie.Niki Lauda bei seiner spektakulären Rückkehr in Monza, die er mit dem vierten Rang besiegelte.David Phipps / Sutton Images / GettyNur 42 Tage nach dem Unfall fuhr Nicki Lauda wieder Rennen.Zwischen Rivalität und DankbarkeitBeim Comeback in Monza wurde Lauda sofort wieder Vierter. Inzwischen war auch klar, warum er so schwer verletzt wurde. Sein zu grosser Helm wurde verbotenerweise mit Schaumstoff ausgepolstert, blieb aber immer noch zu locker und wurde deshalb beim Unfall von einem Pflock weggeschlagen. Das erklärte die schweren Verbrennungen im Gesicht und am Kopf, vor allem ein Ohr wurde stark in Mitleidenschaft gezogen.Lauda nahm zeitlebens sein Schicksal pragmatisch hin, schliesslich hatte er auf wundersame Weise überlebt und konnte sogar wieder fahren. Erst viel später gestand er, wie verletzend er die Reaktionen vieler Menschen fand: «Die haben sich erschreckt, sie haben nur noch auf mein Ohr geguckt. Ich hab dann gesagt: ‹Wenn Sie mit mir reden, schauen Sie mir in die Augen.›»Niki Lauda tat sich aber selbst auch schwer – mit der Dankbarkeit gegenüber seinen Lebensrettern. Lange Zeit gab es keinen Kontakt. Als er sich schliesslich doch mit Arturo Merzario traf und ihm eine goldene Rolex schenkte, umarmte ihn der Italiener zwar herzlich, sagte aber auch: «Du weisst schon, dass du damals ein A . . . gewesen bist.» Später versöhnten sich die beiden, die sich als Konkurrenten nie leiden konnten, telefonierten immer an Silvester. Über den Unfall redeten sie öffentlich nie.Meist begegnete Niki Lauda den Erinnerungen an die Geschehnisse auf dem Nürburgring mit Selbstironie, bezeichnete den Feuerunfall als «Barbecue». Wirklich schwarzen Humor zeigte er im Jahr 2013, als ihn eine Fernsehjournalistin aus den USA an der Unfallstelle interviewte. Lauda nahm sich vom Hotelbuffet ein Kipferl mit, legte dieses vor der Aufzeichnung ins Gras. Kaum lief die Kamera, schlenderte er zur Wiese, hob etwas hoch und sagte: «Schauen Sie, hier liegt mein Ohr!» Die Moderatorin war entsetzt, die Szene musste neu gedreht werden – und sorgte noch jahrelang im Fahrerlager für Lachsalven.Der Unfall hatte für Lauda lebenslange Konsequenzen – 2019 erlag er seinen Spätfolgen.Erwin Scheriau / APA / KeystoneDie wahren Andenken an den Unfall waren alles andere als heiter. Die giftigen Brandgase hatten viele Organe Laudas angegriffen. Die Lunge war schwer verätzt, die Nieren von den starken Schmerzmitteln stark geschädigt. Zweimal wurden die Nieren transplantiert, 2018 dann auch die Lunge. Davon erholte Lauda sich nie mehr wirklich. Im Mai 2019 starb er im Alter von 70 Jahren an den Spätfolgen im Universitätsspital Zürich.Der Unfall stärkte den Mythos Niki Lauda, jenseits der Erfolge als dreifacher Weltmeister, als Besitzer seiner eigenen Airline und als Teilhaber des Mercedes-Rennstalls. Seine Geschichte schaffte es unter dem Titel «Rush» auch nach Hollywood, Lauda coachte den Schauspieler Daniel Brühl. Der Regisseur Ron Howard sagte über die Verfilmung des Dramas: «Wenn wir diese Geschichte erfunden hätten, würde sie uns niemand glauben.»Passend zum Artikel
55 Sekunden in der Flammenhölle: Niki Lauda überlebte einen der schlimmsten Unfälle der Formel 1
Der österreichische Rennfahrer schrammte am Grossen Preis von Deutschland auf dem Nürburgring am Tod vorbei. Nun jährt sich die unglaubliche Geschichte zum 50. Mal. Sie hat den Motorsport wachgerüttelt.









