Ganz am Ende der langen Mitteilung, die der Weltfußballverband am späten Dienstagnachmittag verschickte, steht ein kurzer Satz, der absurd klingt nach all den Sätzen zuvor: „Für die FIFA ändert sich nichts.“ Er steht am Ende eines Textes, der den Weltfußball am Dienstag zum Beben gebracht hat, der die Europäische Fußball-Union UEFA auf die Barrikaden treiben dürfte. Und dessen Inhalt, auch wenn die FIFA das anders sieht, für diesen Verband eine Menge auf den Kopf stellen würde.Gianni Infantino hat eine neue, alte Idee. Und wenn der FIFA-Präsident Ideen hat, geht es immer um: Geld. In diesem Fall geht es um sehr viel davon, es geht um die Juwelen des Verbandes. Es geht um die Frage, wer künftig die Fußball-WM kontrolliert. Es geht offenbar auch um Infantino selbst, um seine Zukunft. Und wie so oft in diesem Jahr, wenn der FIFA-Präsident sich regt, geht es um seine Verbindung zu Donald Trump.Es geht um sehr, sehr viel GeldInfantinos Idee sieht so aus: Die FIFA will ein Tochterunternehmen gründen, die „FIFA Forward Enterprise“. In diesem Unternehmen will sie im Grunde alles zusammenführen, was der FIFA Geld einbringt: ihre Übertragungsrechte, Sponsorenrechte, Ticketing, alles. Und, Achtung: „die operative Durchführung der FIFA-Turniere“.Man wolle, schreibt die FIFA, „das volle Potential“ der eigenen Rechte ausschöpfen. In Infantinos neuem Vermarktungsboot sollen neben der FIFA selbst auch Großinvestoren sitzen. Die sollen Anteile erwerben, „Minderheitsanteile“, wie die FIFA schreibt. In britischen Medienberichten ist die Rede von 20 bis 30 Prozent.Das Finale der WM 2026 zwischen Spanien und Argentinien: Ein Spiel für Fans oder Investoren?dpaDie FIFA schreibt, das Unternehmen würde anfänglich mit 20 Milliarden US-Dollar bewertet werden – sie rechnet bei diesem Anteilsverkauf also mit Milliardeneinnahmen. Ihren Mitgliedern, den nationalen Verbänden wie dem Deutschen Fußball-Bund (DFB), verspricht sie also sehr, sehr viel Geld.In seiner Zeit als FIFA-Chef hat Gianni Infantino aus seinem Verband eine gigantische Geldmaschine gemacht. Aus der FIFA, rechtlich eine Non-Profit-Organisation, wurde ein Verband, der auch das Geschehen auf dem Rasen nicht in Ruhe lässt auf der Suche nach Einnahmequellen für sich selbst oder seine Geschäftspartner. Jetzt will er Anteile am Spiel direkt verkaufen, Anteile an der WM. Es wäre der nächste große Schritt in Infantinos Ausverkauf.Die Reaktionen auf den Infantino-Plan klingen scharfSo klingen auch die Reaktionen, die am Dienstagabend und am Mittwoch nicht nur Menschen aus der Welt des Fußballs in die Welt schickten. Die WM sei „der größte Wettbewerb im Weltsport, und niemand hat das Recht, sie zu verkaufen“, sagte Andy Burnham, der neue Premierminister Großbritanniens. „Man kann den Deal schönreden, wie man will. Sobald man einen Teil davon [der WM] verkauft hat, hat man sich verkauft.“ Vor fünf Jahren hat sich Boris Johnson, einer von Burnhams Vorgängern, auch einmal scharf zum internationalen Fußball positioniert, sogar mit legislativen Schritten gedroht – damals wollten ein paar europäische Großklubs die Superliga gründen. Das ist die Größenordnung, in der sich die Bedeutung dieses Deals nun bewegt.Die Europäische Fußball-Union (UEFA) reagierte am Dienstagabend am schnellsten. „Damit wird eine Grenze überschritten, die die Institutionen des Fußballs niemals überschreiten sollten“, schrieb der Verband. „Die Seele und die Governance des Fußballs sind keine Handelswaren (…): Niemand von uns besitzt den Fußball. Es steht der FIFA nicht zu, ihn zu verkaufen.“ Zugleich lag in der Mitteilung des Verbandes ein Appell: Jeder nationale Fußballverband sollte dieses Vorhaben äußerst ernst nehmen.Die nationalen Fußballverbände – das sind letztlich auch die Adressaten der FIFA-Meldung. Denn in der Erzählung des Verbandes spielt natürlich nicht der Ausverkauf an Investoren die entscheidende Rolle. Die Erzählung des Verbandes, die Erzählung Infantinos, ist dieselbe wie immer: Die FIFA will „die Entwicklung des Fußballs“ vorantreiben, das Spiel soll wachsen, auch „in den kleinsten oder abgelegensten Ecken der Fußballwelt“, sagt Infantino. Das soll heißen: Die FIFA will mehr Geld an ihre Mitgliedsverbände verteilen; an jene 211 Verbände, die Infantino im kommenden Jahr wählen sollen. Und die nun auch über den Anteilsverkauf abstimmen müssten.Über weite Strecken ist das Schreiben der FIFA nichts anderes als eine Rechnung: So viel Geld könntet ihr bald bekommen, liebe stimmberechtigte Mitglieder. Eine Steigerung von acht auf 20 Millionen US-Dollar pro Verband für den nächsten Vierjahreszyklus stellt sie in Aussicht. Dann kommt eine Steigerung von 20 auf 22 auf 24 Millionen pro Verband in den Jahren darauf auf die Mitglieder zu – das jedenfalls ist die Rechnung, die Prognose der FIFA. Und sie stellt einmalig 20 Millionen US-Dollar pro Verband beim ersten Anteilsverkauf in Aussicht: für Mitglieder, die interessiert daran sind, am neuen „FIFA Fast Forward Programme“ teilzunehmen, wie der Verband schreibt.Wer bei Infantinos Plänen mitmacht, darf also nicht nur mit Einnahmesteigerungen rechnen, er bekommt auch noch einen Bonus von 20 Millionen. Geld für Gefolgschaft, so klingt das. Die „Forward“-Programme der FIFA sind die Mechanismen, über die das Geld an die Mitgliederverbände verteilt wird. Nun also ein „Fast Forward“-Programm für die Interessierten.„Infantino ist das Problem“„Es sieht aus wie ein Wahlkampf, der mit der Zukunft des Fußballs finanziert wird“, teilte Javier Tebas, der Präsident der spanischen Liga, mit. Und machte auch noch einmal klar, dass er Infantino für nicht mehr tragbar hält: „Wer Politik, Disziplin, Geld und Macht ohne Transparenz vermischt, kann nichts führen. Infantino ist nicht die Lösung für die Führung der FIFA. Er ist das Problem.“So deutlich wie Tebas sagen das normalerweise nicht viele im Fußball. Aber gegen Infantinos neue Pläne formiert sich der Widerstand nun schnell. Hans-Joachim Watzke, Präsident der Bundesliga, Vizepräsident des DFB und der UEFA, stellte ein geschlossenes Vorgehen der europäischen Verbandsmitglieder in Aussicht. Die englische Football Association (FA) schrieb, sie sei „zutiefst besorgt über den Mangel an Verfahren und Governance (…), sowie über den offensichtlichen Inhalt und die damit verbundenen Grundsätze“. Und auch der Kontinentalverband Nord- und Mittelamerikas sowie der Karibik (CONCACAF) teilte dem britischen „Guardian“ am Mittwoch mit, man habe erst aus den Medien von den Plänen erfahren und sei „zutiefst besorgt über das Fehlen eines ordnungsgemäßen Verfahrens“.Die europäischen Verbände werden sich in den kommenden Tagen beraten; britische Medien berichteten am Dienstagabend, auch über einen möglichen Boykott von FIFA-Turnieren werde nachgedacht. Konkret ist das offenbar nicht, aber die UEFA dürfte genau prüfen, mit welchen Waffen sie nun auf das reagieren kann, was Watzke einen „absoluten Angriff auf den Fußball“ nennt. Denn welche Folgen ein solcher Deal hätte, für die FIFA, für den Fußball, das ist kaum absehbar.Die FIFA schreibt zwar, die neuen Anteilseigner bekämen keinerlei Kontrolle über die Führung des Fußballs. Aber auch die FIFA-Mitgliedsverbände werden wissen, dass dies nicht die Art ist, wie Großinvestoren Geschäfte machen. Sie wollen Gewinn sehen für ihr Geld, und sie wollen sicherstellen, dass der Gewinn groß genug ist. Ohne Einfluss, ohne Garantien gibt es kein Investment.Bei den Investoren, mit denen sich die FIFA nun unterhält, wird das sicher nicht anders sein. Und das Geld, das die FIFA ihren Mitgliedern nun in Aussicht stellt, kommt auch nicht von irgendwo. Sondern auch aus dem Umfeld des US-Präsidenten.Reizt ihn die WM? Joshua Kushner (links), der jüngere Bruder von Donald Trumps Schwiegersohn Jared KushnerReuters„Thrive Eternal“, so heißt das Unternehmen, das die Gruppe der neuen Fußballinvestoren anführen soll. Es gehört Joshua Kushner, dem jüngeren Bruder von Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner. Wenn es nach Gianni Infantino geht, gipfelt seine Beziehung zu Donald Trump also darin, dass er mit Investoren aus dem Trump-Kosmos in einem Unternehmen sitzt, das die wertvollsten Güter des Fußballs verwaltet.Denn die Pläne, so berichten das britische Medien, sehen angeblich vor, dass Infantino selbst das neue Unternehmen führt. Ein FIFA-Sprecher teilte mit, über diese Frage sei noch nicht gesprochen worden. Aber natürlich müssten der FIFA-Präsident und die FIFA-Verwaltung in ihrem Tochterunternehmen „eine führende Rolle einnehmen“, um die Kontrolle zu behalten.Spätestens 2031 ginge Infantinos Zeit als FIFA-Chef zu EndeFür Infantino persönlich ergäbe das Sinn: Es würde ihm einen Job sichern für die Zeit nach seiner Präsidentschaft. Im kommenden Jahr will er wiedergewählt werden – den FIFA-Statuten nach hätte schon diese Amtszeit seine letzte sein sollen, er musste sie in seinem Sinne interpretieren, um noch einmal anzutreten. Spätestens 2031 aber ginge Infantinos Zeit als FIFA-Chef zu Ende. Was, wenn er dann einfach CEO in dem Unternehmen werden könnte, das die operativen Geschäfte im Weltfußball leitet?2018 hatte Infantino schon einmal eine ähnliche Idee. Auch damals, im sogenannten „Project Trophy“, ging es um eine Beteiligung großer Geldgeber an FIFA-Rechten, auch um neue Wettbewerbe wie die größere Klub-WM. Damals kam im FIFA-Rat keine Mehrheit zustande für das Vorhaben, das Infantino eilig durchdrücken wollte.Wann nun über die neuen Pläne im FIFA-Rat abgestimmt werden könnte, in dem auch DFB-Präsident Bernd Neuendorf sitzt, ist noch nicht klar. Den Mitgliedsverbänden soll die FIFA Berichten zufolge eine Frist bis zum 19. September gegeben haben, um sich zu entscheiden. Die Frage wird sein, wie viele der 211 Mitgliederverbände vor allem das Geld sehen, das Infantino ihnen anbietet – und wie viele auch die ungewisse Zukunft, in die er den Weltverband damit führt.