Puhdys-Sänger Dieter „Maschine“ Birr tritt mit 82 Jahren beim Hardrock-Festival in Wacken auf. Ein Gespräch über Bierverzicht, Zensur in der DDR und Konzerte für 1000 WestmarkDieter Birr möchte sich bei seinem Stammitaliener in Schöneiche treffen, das liegt östlich von Berlin, noch hinter der bekannten Galopprennbahn Hoppegarten. Früher, sagt der Besitzer, seien die Puhdys alle zu ihm gekommen, aber seit der Trennung der wohl bekanntesten Band der ehemaligen DDR vor zehn Jahren sei nur noch Sänger „Maschine“ da, dafür aber regelmäßig. Am 1. August wird Dieter Birr beim Hardrock-Festival in Wacken auftreten. Er wird mit 82 Jahren dann der älteste Künstler sein, der jemals dort gespielt hat. WELT: Wie schafft man es, sich im hohen Alter noch fit für Auftritte wie den in Wacken zu halten?Dieter Birr: Indem man sein ganzes Leben Musik macht und nie eine Pause einlegt (lacht). Außerdem habe ich offensichtlich ganz gute Gene. Der liebe Gott scheint es jedenfalls gut gemeint zu haben mit mir. Ich möchte kein typischer alter Mann sein.WELT: Was ist denn ein typischer alter Mann?Birr: Na einer, der auf einmal ausgebeulte Cordhosen trägt und krumm läuft. Ich habe da Glück: Meine Frau achtet sehr darauf. Wenn ich mich irgendwie gehen lasse, sagt sie: Lauf mal bitte gerade. Und bei den Klamotten hat sie auch einen guten Geschmack.Lesen Sie auchLesen Sie auchWELT: So fit wie Sie sind, könnte man meinen, Sie hätten nie Alkohol angerührt und nie geraucht.Birr: (trinkt während des Gesprächs ein Bier und lacht): Also ganz ehrlich, ein Leben ohne Bier – ich will jetzt nicht sagen, das geht nicht, aber ich halte das nicht für sehr ratsam. Und geraucht habe ich früher wie ein Verrückter. Bis ich 2003 nach einem Zeckenbiss Borreliose hatte.WELT: Was hatte das mit dem Rauchen zu tun?Birr: Ging nicht mehr. Mein Gesicht war gelähmt, erst die eine Seite, dann beide. Ich lag drei Wochen im Krankenhaus und habe Antibiotika bekommen. Ich konnte nichts mehr machen, nicht rauchen, nicht lächeln, nix. WELT: Sie haben nach dem Krankenhausaufenthalt nie wieder anfangen zu rauchen?Birr: Hab ich versucht. Morgens zwei Zigaretten zum Kaffee, diese Zeremonie hatte ich echt vermisst Ich bin nach dem Krankenhaus mit meiner Frau an die Ostsee gefahren, damals durfte man noch in Restaurants rauchen. Also wollte ich in Ruhe meine erste Zigarette genießen. Ging nicht. War mir irgendwie zu idiotisch. Ich habe nie wieder einen Zug genommen.WELT: Anfang August treten Sie jetzt also neben Judas Priest in Wacken auf. Warum geben Sie sich das?Birr: Timsen Hinrichs von Santiano hat auf seinem Soloalbum 2025 ein Lied von uns gecovert – „Lebenszeit“. Bei der Record Release Party traf ich Holger Hübner, einen der beiden Wacken-Veranstalter. Er hat mich gefragt, ob ich mir das vorstellen könnte, in Wacken aufzutreten. Meine Frau war etwas skeptisch und meinte: Meinst du denn, das passt? Da sagte Holger mit seinem nordischen Charme nur: Sonst würde ich ja nicht fragen.WELT: Also ziehen Sie die Lederjacke an und geben auf der Bühne mit 82 den Headbanger?Birr: Na, es kommt ja noch schärfer. Ich trete mit meinem Streichquintett, den Landstreichern, dort auf. Zwei Geigen, Bratsche, Cello und Kontrabass. Es bleibt ja trotzdem Rockmusik. Ich singe „Alt wie ein Baum“ jetzt nicht als Arie. Die Rolling Stones haben so was auch schon gemacht, zum Beispiel bei „As Tears Go By“ haben sie ein Streichquartett eingesetzt, der Song ist ein Klassiker geworden. So ungefähr hören wir uns dann auch in Wacken an. Das klingt bombastisch, bis jetzt rasten die Leute total aus, wenn wir so spielen. WELT: Trainieren Sie Ihre Stimme?Birr: In dem Sinne nicht, nee. Wenn ich ein paar Wochen nicht gespielt habe, singe ich mich ein, das war’s.WELT: Gibt es jemanden, den Sie ab und an fragen: Geht es noch?Birr: Ja klar, meine Frau. Ihr spiele ich schon immer jedes neue Lied vor, und sie sagt dann entweder: Ja, das ist Gänsehaut – oder: Da musst du noch ein bisschen dran arbeiten.WELT: Die Puhdys werden für ewig in der Geschichte als erfolgreichste Band der DDR stehen. Was bedeutet Ihnen das?Birr: Das freut mich natürlich. Vor allem, dass über uns zehn Jahre nach der Trennung immer noch gesprochen wird, dass einige Leute noch immer schwärmen. Mich wundert, dass unsere Musik eine solche Wirkung hatte. Wir haben vor 22.000 in der Waldbühne gespielt, das Ding war ausverkauft. Wir konnten das damals gar nicht richtig ausleben. Erst viel später erkennst du, was du im Leben geleistet hast. Das geht vielen so, und das ist schön.WELT: Die Puhdys haben 22 Millionen Platten verkauft. Haben Sie mal durchgerechnet, wie reich Sie heute wären, wenn sie die als West-Band verkauft hätten?Birr (lacht): Nee. Das hängt ja auch davon ab, was du für Konditionen ausgehandelt hast. Aber wenn es auch nur ein Euro pro Platte gewesen wäre, wären es ja schon mal 22 Millionen. (Macht eine Pause) Aber war ja nicht so.WELT: Immerhin durften Sie als eine der wenigen DDR-Bands im Westen auftreten. Da gab es doch sicher gutes Geld, oder nicht?Birr: Dass wir ein bisschen Westgeld gemacht haben, das war mir schon wichtig. Denn davon konnte ich mir Platten, Jeans und neue Instrumente kaufen. Allerdings haben wir zum Beispiel in Hamburg in der „Fabrik“ für 1000 Westmark gespielt, obwohl sie ausverkauft war. Davon ging ein Pflichtanteil an die Künstleragentur, in der Band waren wir zu fünft, dazu vier Techniker – kann man sich ausrechnen, was für jeden übrig blieb.Lesen Sie auchWELT: Mussten Sie die Schallplatten, die Sie im Westen gekauft haben, bei der Rückkehr in die DDR einschmuggeln?Birr: Na klar. Es gab ein paar Bands, wie die Rolling Stones, die im Osten unerwünscht waren. Und Zeitschriften jeder Art. Ich hab aber nichts in der Türverkleidung versteckt, sondern in einer Tasche im Kofferraum. Kam selten vor, dass ich die Tasche öffnen musste.WELT: Wurde Ihnen mal etwas beschlagnahmt?Birr: Ja, die erste Platte von Nina Hagen nahmen sie mir ab. Alle anderen durfte ich behalten. Aber Nina Hagen war natürlich damals eine echte Sensation. Hab ich mir später noch mal gekauft. WELT: Wie gut ist eigentlich Ihr Englisch? Birr: Da ist gar nichts.WELT: Hat jemand versucht, es Ihnen beizubringen?Birr: Ach was. Wenn wir englische Lieder gespielt haben, haben wir alles phonetisch aufgeschrieben und dann genau so gesungen. Wenn wir von Deep Purple „Child in Time“ nachgespielt haben, wussten wir ja sowieso nicht, was wir da gesungen haben.WELT: Aber 1980 haben Sie sogar ein Puhdys-Album auf Englisch aufgenommen – es hieß „Far From Home“.Birr: Das war was! Wir waren in London im Studio. Wir haben gerade das Lied „Bis ans Ende der Welt“ neu aufgenommen, es hieß „To the End of the World“. Da war dieses kleine Mädchen, vier, fünf Jahre alt, sie war die Tochter des Tonmeisters. Sie korrigierte mich ständig, sagte beispielsweise: „Das heißt Earth“. Ich zu ihr zurück: „Ja, ja, Örs.“ Sie wieder: „Nein, Earth.“ Ich: „Ja, mach ich doch – Örs“. Ich schaffte es nicht, das „th“ auszusprechen, ich konnte nicht anders (lacht). Und so ging das eine ganze Weile. Das zu meinem Englisch.WELT: Die Puhdys waren einer der wenigen Exportartikel der DDR. Waren Sie somit nicht automatisch auch einer der wichtigsten Botschafter des DDR-Regimes?Birr: Nee, also ich habe uns immer nur als Musiker vertreten, nicht die DDR. Wir hatten nie irgendwelche politischen Ambitionen und schon gar nicht, die DDR zu vertreten. So gut war das nun auch nicht in der DDR.WELT: Aber Ihnen muss doch bewusst gewesen sein, dass die DDR Sie für ihre Zwecke eingespannt hat. Gab es keine Versuche der Einflussnahme?Birr: Die haben uns natürlich vor unseren Auslandsreisen gebrieft und belehrt, vor allem, was den Umgang mit Journalisten betrifft. Wir sollten am besten keine Interviews geben. Als wir 1976 in Hamburg waren, habe ich aber gleich ein Fernseh-Interview gegeben. Sogar die Leute von der Künstleragentur im Westen haben Blut und Wasser dabei geschwitzt. Alle hatten Angst, ich könnte was Falsches sagen.WELT: Was wäre dann passiert?Birr: Dann wären wohl weder wir, noch irgendeine andere Band so schnell wieder in den Westen gefahren.WELT: Wie sind Sie in dieser konkreten Situation in Hamburg damit umgegangen, haben Sie sich selbst einen Maulkorb verpasst, sich also verstellt in dem Interview?Birr: Gar nicht. Ich hab gesagt, wie schön ich alles in Hamburg finde, vor allem die „Fabrik“ als Konzertlocation. Nur, weil ich in einem kapitalistischen Staat war, musste ich doch nicht sagen, ich fände alles mies.WELT: Trotzdem wurden Sie in der DDR von einigen Musikfans als „Staatsband“ bezeichnet. Hat Sie das verletzt?Birr: Ja. Heute weiß ich das anders zu bewerten. Einige haben das damals aus Neid gesagt oder weil sie einfach nicht richtig Bescheid wussten. In der DDR gab es unter jungen Leuten so eine Ist-doch-eh-alles-scheiße-im-Osten-Stimmung. Sobald du auf einer Bühne gespielt hast, die die FDJ hingestellt hat, warst du automatisch eine Staatsband. Aber es gab ja nun mal kaum andere Veranstalter. Irgendwann haben wir es geschafft, dass die Leute unseretwegen Ostradio gehört haben. Das war eigentlich undenkbar. Und manche hielten es eben für unmöglich, so einen Erfolg zu haben, ohne dass da jemand hinter steht.WELT: Welche Kompromisse mit dem System mussten Sie eingehen, um als Rockband in der DDR professionell arbeiten zu dürfen?Birr: Wir durften im Fernsehen keine Jeans tragen, die galt als Westsymbol. Lange Haare waren auch tabu. Wer welche hatte, musste sie sich hochstecken. Und Bart durfte auch niemand tragen.WELT: Machte sich das nur an Äußerlichkeiten fest?Birr: Überwiegend, ja. Wir sind zum Beispiel nach Kuba zu den Weltfestspielen geflogen. Da hieß es vorher, wir sollten für den Flug alle ein FDJ-Hemd anziehen. Ich bin natürlich ohne FDJ-Hemd zum Flughafen gefahren und hab das kurz vor dem Einchecken dort schnell rübergezogen und direkt nach der Landung wieder aus. War eh viel zu heiß dafür. Aber das mussten alle so machen.Lesen Sie auchWELT: Wie sind Sie mit der Zensur von Texten umgegangen?Birr: Na gut, die Texte durften nicht anstößig sein. Da gab es eine gewisse Zensur. Du durftest natürlich nicht über die Mauer singen. Das hast du dann verschlüsselt gemacht, wie wir bei „Ikarus“: „Fliege Ikarus! Fliege uns voraus! Zeige uns den Weg!“ Fliegen war im Osten ein Synonym für Freiheit. Da haben wir uns damals gefreut, dass das durchgegangen ist.WELT: Was wurde denn bei Ihnen konkret mal zensiert?Birr: Auf dem Album „Das Buch“ hatten wir ein Lied, das sollte heißen „Denk ich an Deutschland“. Daraus wurde dann „Ich will nicht vergessen“. Im Text blieb der Satz aber drin: „Denke ich an Deutschland fall’n mir Gedichte ein. Klingen große Namen raus aus toten Stein“. Aber auch mit dem neuen Titel durften wir es nicht im Fernsehen bringen, und im Radio wurde es auch nicht gespielt. Dass es auf dem Album bleiben durfte, hat viele überrascht. Einige fragten mich: Sag mal, habt ihr Beziehungen, dass ihr so was singen dürft? Live haben wir es natürlich immer gespielt.WELT: Sie haben also immer wieder mal versucht, die Zensur zu umgehen?Birr: Na klar. Mein Lied „Der Außenseiter“ handelte von Schwulen. Damals hieß es: Aber so ein Problem haben wir doch hier gar nicht. Also wurde daraus, dass er Probleme im Leben hat. Vieles hat die Plattenfirma schon angesprochen, bevor es zum Kulturministerium ging.WELT: Sie durften 25 Jahre vor dem Mauerfall in den Westen reisen. Sicher hatten Sie tausend und eine Möglichkeit, sich dort abzusetzen. Warum haben Sie keine davon ergriffen?Birr: Nee, abzuhauen, war nie mein Gedanke. Ich bin an der Grenze in Späthfelde groß geworden. Vor dem Mauerbau sind wir als Kinder oft mit dem Fahrrad rübergefahren. Für die kasernierte Volkspolizei, die da pro forma rumstand, haben wir Westzigaretten und Kaugummis mitgebracht. Als die Grenze dann geschlossen wurde, war das doof. Ich habe meinen besten Freund verloren. Er ist einen Tag nach der Grenzschließung durch den Teltowkanal geschwommen, um im Westen zu sein. Aber für mich kam das nie in Frage.WELT: Weil es Ihnen in der DDR dafür zu gut ging?Birr: Ja. Ich hatte da meine Familie, ich hatte ein Haus, uns ging es gut. Ich wurde nie wie ein Gefangener behandelt. Wir hatten als Musiker viele Möglichkeiten zu spielen. Und im Westen waren wir Exoten und gerade deshalb interessant.WELT: Wenn Sie noch mal neu starten könnten – würden Sie etwas anders machen?Birr: Nee, eins hat bei mir ins andere gegriffen. Im Osten gab es keinen Starkult. Wir waren nicht von einem Tag auf den nächsten plötzlich bekannt, alles ist gewachsen. Das gab mir immer ein gutes Gefühl.WELT: Sie sind 82 Jahre alt. Wie lange rocken Sie noch durchs Land?Birr: Na erst mal bis 2040. Und dann werde ich mal weitersehen.Zur Person: Das ist Dieter BirrSeit 1969 war Dieter Birr Herz der DDR-Rockband Puhdys. Er war bis zu deren Auflösung 2016 Sänger und Komponist der meisten Hits. Seinen Spitznamen „Maschine„ erhielt er, nachdem ihn ein Bandkollege als Fressmaschine bezeichnet hatte. Vor seiner Karriere lernte er den Beruf des Universalschleifers in einer Werkzeugfabrik in Treptow. Dort trat er auch zum erste Mal mit seiner Gitarre auf, er sang den 50er-Jahre-Hit „Marina“ von Rocco Granata. Seine erste eigene Komposition „Susi Baby-Twist“ schrieb er 1960, erschienen ist sie erst 1994. Die Puhdys sind mit 22 Millionen verkauften Tonträger die erfolgreichste Band der DDR-Musikgeschichte. Ihren größten Hit landeten sie 1997 mit der Sporthymne „Hey, wir woll’n die Eisbär’n sehn!“, die sich als Après-Ski- und Ballermann-Hit etablierte. Nach einem unbemerkten Zeckenbiss erkrankte Birr 2003 schwer an Borreliose, sein Gesicht war gelähmt. Drei Wochen lang lag er im Krankenhaus und wurde mit Antibiotika behandelt. Birr geht derzeit mit einem Streichquintett auf Tour und spielt seine größten Hits: https://dieter-maschine-birr.de/termine/