Vom Schiff aus: wie Trumps Botschafter in Rom die amerikanischen Interessen wahrnimmtTilman Fertitta ist Botschafter der USA in Italien und besucht mit seiner Luxusjacht italienische Küstenstädte. Seine «Coastal Diplomacy» kommt nicht nur gut an.29.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenTilman Fertitta und seine Frau Lauren Ware warten, bis die Jacht am Pier in Venedig festgemacht ist. Dort hat das Paar im Rahmen seiner Küstendiplomatiereise am 17. Juli haltgemacht.Luigi Costantini / APEr hätte es sich bequem einrichten können in Rom: Wohnsitz in der Villa Taverna in Parioli, einem eleganten Villenviertel im Norden der italienischen Hauptstadt, Arbeitsplatz im Palazzo Margherita an der Via Veneto, dort, wo sich in den goldenen Jahren Roms die intellektuelle Elite zum Aperitivo traf.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch Tilman Fertitta, seit Mai 2025 amerikanischer Botschafter in Italien, mag es speziell. Er wohnt lieber auf seiner Privatjacht. Diese liegt normalerweise zwischen Civitavecchia und anderen Küstenorten in der Region Latium vor Anker. Sind wichtige Geschäfte in Rom zu erledigen, fliegt Fertitta mit dem Helikopter in Zentrumsnähe und lässt sich mit der Limousine in die Botschaft chauffieren.Der ungewöhnliche Wohnsitz Fertittas und die Wahl seiner Verkehrsmittel haben anfänglich einiges Aufsehen erregt in Rom. Aber die Ewige Stadt hat schon manche, auch wesentlich grössere Inszenierung erlebt und lässt sich nicht so rasch aus der Ruhe bringen. Dann halt, sagten sich die Römer achselzuckend, gingen wieder ihren Geschäften nach und liessen den etwas grossspurigen Texaner mit sizilianischen Wurzeln gewähren.Wenig freundliche BegrüssungsszenenUnd Fertitta, ein Trump-Freund, Unternehmer, Macher, Milliardär und Reality-Star, machte sich an die Arbeit und bügelte aus, was sein Chef in Washington im bilateralen Verhältnis an Problemen schuf. Fertitta lachte atmosphärische Störungen weg, lud auf seine Jacht und in die Residenz ein, lobte sein Gastland, wo es nur ging, fand nette Worte für die Regierungschefin Giorgia Meloni.Dimensionen, die sogar venezianische Masse sprengen: die neue «Boardwalk», Residenz des amerikanischen Botschafters in Italien und schwimmender Diplomatietanker.Manuel Silvestri / ReutersDer amerikanische Botschafter Tilman Fertitta auf seiner Jacht bei der Einfahrt in Venedig am 17. Juli.Luigi Costantini / APKurzum: Er machte seine Arbeit, und die politische Klasse Roms war froh darüber, wenigstens einen verlässlichen amerikanischen Ansprechpartner in greifbarer Nähe zu haben.Vor wenigen Wochen präsentierte Fertitta dann eine neue Jacht und eine neue Initiative. Sein Schiff, es heisst «Boardwalk» wie das Vorgängermodell, ist um 100 auf 177 Meter Länge gewachsen, es verfügt unter anderem über zwei Helikopterlandeplätze, elf Kabinen, ein Kino, einen Wellness- und einen Fitnessbereich, einen Swimmingpool und ein Putting-Green für Golfer. Ausserdem soll die «Boardwalk» Platz bieten für drei Zwölf-Meter-Beiboote, ein Amphibienfahrzeug und eine Anzahl Fahrzeuge für Ausflüge an Land.Die Initiative, die Fertitta aus Anlass des 250. Geburtstags der USA angekündigt hat, trägt den Namen «Coastal Diplomacy» und besteht darin, den Stiefel mit der «Boardwalk» zu umschiffen und in den wichtigsten Küstenstädten Italiens Kontakte zu knüpfen. Das Konzept kommt an: Wo Fertitta anlegt, leisten die jeweiligen lokalen Würdenträger seinen Einladungen Folge: Stadtpräsidenten, Gouverneure – egal, ob links oder rechts –, Unternehmer, Sportler – alle kommen sie an Bord.Weniger erbaut darüber ist oft die örtliche Bevölkerung. In Venedig und Triest, zwei von Fertittas letzten Stationen, machte sich lautstarker Protest breit. Vor der Jacht entrollten Aktivisten Transparente mit wenig freundlichen Begrüssungsworten an die Adresse des Diplomaten und seines Vorgesetzten im Weissen Haus. Und im Parlament in Rom hat die links-grüne Partei AVS inzwischen eine Anfrage deponiert, um zu klären, wer für die Sicherheitsmassnahmen während der Fahrten der «Boardwalk» aufkomme.In Venedig hielt die Polizei Mitte Juli protestierende Anwohner in Schach, die den Besuch des amerikanischen Botschafters nicht goutiert haben.Luca Bruno / APFertitta scheint sich davon nicht beirren zu lassen. Gerade bewegt sich seine Jacht südwärts durch die Adria. Nächste wichtige Station ist Genua. Mitte August dann soll die Fahrt in Sardinien zu Ende gehen.Ein Schweizer BänkliBotschafter, die ihre Gastländer in Etappen erkunden, sind im Übrigen nichts Neues. Roberto Balzaretti, ehemaliger Schweizer Staatssekretär und jetziger Botschafter in Rom, hat das Konzept längst umgesetzt, schon an seiner früheren Wirkungsstätte in Frankreich, wo er mit dem Velo durchs Land radelte. Unter dem Titel «In cammino con la Svizzera» – unterwegs mit der Schweiz – will er nun alle zwanzig Regionen Italiens besuchen und «tausend Begegnungen» realisieren, wie es auf der entsprechenden Website heisst.Bis dato hat Balzaretti fünf Etappen absolviert. Fast 3000 Kilometer habe er dabei zurückgelegt, «davon 57 Prozent auf nachhaltige Weise, mit Zug oder E-Auto», wie die Botschaft auf Anfrage präzise errechnet hat. Man habe bestehende Kontakte intensiviert, neue geknüpft, die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Universitäten der beiden Länder gefördert.Und in jedem Ort hat Balzaretti ein Bänkli hinterlassen, eine kleine Ruhebank, hergestellt in der Schweiz aus wiederverwerteten Materialien – als Ort des Austauschs, des Dialogs und der Information.Bänkli oder Jacht, klein oder gross, Schweiz oder USA, Balzaretti oder Fertitta? Die fetteren Schlagzeilen hat jedenfalls der Amerikaner produziert.Zu Fuss durch die Portici von Bologna bis hinauf zur Wallfahrtskirche San Luca: der Schweizer Botschafter Roberto Balzaretti (links) und der Generalkonsul Stefano Lazzarotto (Zweiter von rechts) unterwegs in der Hauptstadt der Emilia-Romagna.PDPassend zum Artikel
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