Eine Bodenoperation im Persischen Golf braucht deutlich mehr militärische Kraft, als die USA gegenwärtig in dem Raum habenMit Luftangriffen allein ist eine Entscheidung im Iran-Krieg kaum möglich. Es mehren sich deshalb Berichte, Washington könnte versuchen, mit einem Handstreich aus der Pattsituation auszubrechen.29.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenAmerikanische Marineinfanteristen üben auf der Insel Diego Garcia eine amphibische Landung.U.S. Marine Corps Handout via GettyPakistan startete diese Woche eine diplomatische Leuchtrakete: Der Geheimdienst ISI sehe Indizien für eine begrenzte Bodenoffensive der Amerikaner auf iranischem Boden. Diese Lagebeurteilung steckten anonyme Quellen in Islamabad der Deutschen Presse-Agentur: Der amerikanische Präsident könnte die Bedenken seiner militärischen Berater übersteuern und seinen Truppen im Persischen Golf befehlen, eine Insel oder einen Küstenstreifen einzunehmen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Warnungen aus Islamabad fügen sich in eine ganze Reihe von Berichten über einen möglichen Handstreich der Amerikaner, um die militärische Initiative wiederzuerlangen. Aus der Luft gelang es ihnen bisher nicht, die Pattsituation mit dem Regime in Teheran und dessen Verbündeten zu beenden. Eine überraschende Aktion am Boden würde mit Sicherheit die Dynamik verändern – trotz allen Risiken.Es ist davon auszugehen, dass die Planungsstäbe in Washington längst auch solche Optionen skizziert und in sogenannten «war games» überprüft haben. Diese Methode entspricht einem Rollenspiel, das die mögliche Entwicklung eines Einsatzes durchspielt: Ein Team übernimmt die eigenen Kräfte, ein zweites den Gegner und ein drittes die Partner. So können die Risiken eines Plans eruiert werden.Amerikanische Helikopter auf einem Trägerschiff. Ein grosser Teil der Truppen im Raum unterstützt die Einsätze der US Air Force und der Navy.U.S. Central Command / Handout via ReutersDas Pentagon folgt bei der Anlage einer Operation einem bewährten Prozess, der versucht, die militärischen Effekte am Boden, in der Luft, auf dem Meer oder im Cyberraum zu koordinieren. Bei einem Handstreich in der Strasse von Hormuz wäre insbesondere das Zusammenspiel zwischen den Marines, den Marineinfanteristen, die vom Wasser aus landen würden, und den Luftlandetruppen der Army ein kritischer Erfolgsfaktor.Am Anfang der Planung steht die Ausrichtung der operativen Ziele auf die strategische Absicht. Diese hing in den vergangenen Monaten stark von den Launen von Präsident Donald Trump ab. Gegenwärtig scheint es aber vor allem darum zu gehen, die Meerenge von Hormuz wieder zu öffnen. Im Minimum soll der Zustand vor dem Krieg und damit die freie Schifffahrt wiederhergestellt werden.Operativ könnten die Amerikaner entweder ein Pfand nehmen – etwa die iranische Erdöl-Insel Kharg etwas weiter oben im Persischen Golf – oder die iranischen Revolutionswächter daran hindern, überhaupt Handelsschiffe anzugreifen. Räumlich konzentrierte sich eine solche Operation wohl auf die Küstenstreifen bei Bandar Abbas und vor allem auf die Insel Qeshm, die als Hauptbasis für die iranischen Aktivitäten in der Strasse von Hormuz gilt.Kharg im Persischen Golf: Rund 90 Prozent des iranischen Erdöls werden auf dieser Insel gefördert.Gallo Images Editorial / GettyLange vor dem Iran-Krieg war dank Berichten des Center for Strategic and International Studies (CSIS) klar, dass die Revolutionswächter den gebirgigen Charakter des Geländes nutzen und sowohl die Raketenstellungen als auch die Häfen für Schnellboote verbunkern. Bisher ist es den Amerikanern nicht gelungen, diese Festungswerke aus der Luft auszuschalten. Bodentruppen könnten allenfalls die Feuerleitung, das Dirigieren der Bomben, erleichtern, indem sie Ziele aus nächster Nähe aufklären würden.Eine Besetzung von Qeshm wurde bereits in den 1980ern geplant, als das Regime in Teheran schon einmal im sogenannten «Tankerkrieg» den Schiffsverkehr im Persischen Golf störte. Ein CSIS-Mitglied beschreibt in einer kurzen Wortmeldung, wie er als Offizier des Marine Corps an den Vorbereitungen einer solchen Aktion beteiligt war. Doch bisher hätten sich eigentlich alle Regierungen an dieser Meerenge auf die eine oder andere Weise die Zähne ausgebissen.Die Insel Qeshm ist ein iranisches Ferienparadies – und die Basis der Revolutionswächter für die Einsätze in der Strasse von Hormuz.Asghar Besharati / GettyBei der Vorbereitung eines solchen Unternehmens geht es darum, die drei operativen Faktoren Raum, Kraft und Zeit aufeinander abzustimmen. Während die räumlichen Verhältnisse in der Strasse von Hormuz gegeben sind, können die Amerikaner insbesondere den Mittelansatz und den Zeitpunkt aktiv beeinflussen. Um Qeshm in Besitz zu nehmen – die Insel ist 130 Kilometer lang und bis zu 40 Kilometer breit – braucht es laut den westlichen Planungsgrundsätzen mindestens 12 000 Soldatinnen und Soldaten, wenn nicht mehr.Ein Blick auf die Bodentruppen, die dem zuständigen Central Command (Centcom) zum jetzigen Zeitpunkt unterstellt sind, zeigt, dass dem Pentagon gegenwärtig zu wenig militärische Kraft für einen Handstreich auf Qeshm zur Verfügung steht:Amphibische Landetruppen: Der Flottenverband um die USS «Boxer» kreuzt vor der Arabischen Halbinsel. An Bord ist die 11. Expeditionseinheit des US Marine Corps. Das Landungselement des Verbands (rund 1220 Soldatinnen und Soldaten) hat die Kampfstärke eines Bataillons und wäre höchstens in der Lage, vom Meer her einen Raum von maximal 10 Kilometern Tiefe zu besetzen – etwa den Flugplatz, damit Luftlandetruppen gesichert ankommen könnten. Die Marines auf der «Boxer» dienen aber vor allem dazu, im Notfall amerikanisches Personal zu evakuieren oder Rettungsaktionen zu unterstützen.Luftlandetruppen: Die 82nd Airborne Division hat laut Angaben amerikanischer Newsportale maximal 3000 Soldatinnen und Soldaten in den Nahen Osten verlegt, dazu eine Führungsstruktur. Mit diesem Mittelansatz können Schlüsselobjekte besetzt und gehalten werden, allerdings fehlen die Reserven, um auf Überraschungen reagieren zu können.Gebirgstruppen: Aus der 10th Mountain Division sind dem Centcom weitere 1900 Angehörige der Army unterstellt. Diese Gebirgsspezialisten können Sicherungsaufträge übernehmen, haben eine hohe Beweglichkeit und können in schwierigem Gelände eingesetzt werden. Trotz ihrer besonderen Gebirgstauglichkeit können diese Soldaten nur auf eng begrenztem Raum eingesetzt werden.Die Amerikaner wären gegenwärtig also höchstens bereit, eine Spezialoperation durchzuführen – ähnlich wie bei der Festsetzung des venezolanischen Machthabers Nicolás Maduro Anfang Jahr. Dass sie mit einer Kommandoaktion die Strasse von Hormuz öffnen könnten, ist zu bezweifeln.Falls Washington tatsächlich einen Einsatz von Bodentruppen plant, braucht es vor allem Zeit: Die zusätzlichen Verbände müssten zuerst aus den USA, Europa oder sogar dem Pazifik im Nahen Osten zusammengezogen werden. Erst nach einem gemeinsamen Training könnten sie tatsächlich angreifen. Ein überraschendes Husarenstück ist – mindestens aus einer militärischen Perspektive – wenig wahrscheinlich.So sind die Meldungen aus Islamabad eher als Aufruf zu verstehen, wieder zu verhandeln – und als Warnung auch an die Adresse von Teheran, den Krieg weiter eskalieren zu lassen.Passend zum Artikel