Die Krise in der ostdeutschen Chemieindustrie spitzt sich weiter zu. Laut einer aktuellen Umfrage des VCI Nordost, des Landesverbands der Chemischen Industrie, plant jedes zweite Unternehmen im Osten, seine Investitionen in Deutschland in den Jahren 2026 und 2027 zu reduzieren. Mehr als jedes dritte Unternehmen will zudem seine Investitionen ganz oder teilweise ins Ausland verlagern, heißt es.Viele der befragten Unternehmen machen dafür vor allem die Politik verantwortlich. 65 Prozent der Ost-Chemiebetriebe beurteilen die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung unter Friedrich Merz (CDU) mit „mangelhaft“ (Note 5) oder „ungenügend“ (Note 6). Bei der EU-Kommission sind es 75 Prozent.80 Prozent finden zudem, dass die Merz-Regierung die Risiken einer Deindustrialisierung nicht ernst genug nimmt. „Unternehmen investieren dort, wo Kosten, Genehmigungen und politische Verlässlichkeit stimmen“, sagt Nora Schmidt-Kesseler, Hauptgeschäftsführerin des VCI Nordost, auf Anfrage dieser Zeitung. „Unsere Umfrage zeigt, dass Deutschland bei diesen Faktoren an Vertrauen verliert.“

Ostdeutsche Chemiebranche ist im „Ausnahmezustand“

Vor allem die hohen Kosten in Deutschland (90 Prozent) und die Energie- und Klimapolitik (75 Prozent) sind für viele der befragten ostdeutschen Chemieunternehmen ein Bremsklotz bei Investitionen. „Deutschland kann sich im internationalen Wettbewerb keine jahrelangen Genehmigungsverfahren, immer neue Berichtspflichten und dauerhaft hohe Standortkosten leisten“, kritisiert Schmidt-Kesseler. Die Politik müsse sich daran messen lassen, ob sie Investitionen ermöglicht – oder verhindert. „Unsere Umfrage zeigt sehr deutlich, wie groß der Handlungsdruck inzwischen ist“, so die Chemieexpertin.