Die Kreditkarte hat in China verloren. Gegen das Handy, gegen den allgegenwärtigen QR-Code, den man nur mit dem Smartphone zu scannen braucht, um in wenigen Sekunden zu zahlen. Im Jahr 2022 waren noch 807 Millionen Karten im Umlauf, heute sind es laut People's Bank of China nur noch 687 Millionen.Doch kampflos wollen die Banken ihr Zahlungsgeschäft nicht den Mobile-Payment-Anbietern Wechat-Pay und Alipay überlassen. Ihr Mittel ist das Modernste, was das Land derzeit zu bieten hat: künstliche Intelligenz. Seit Mitte Juli können Kunden die erste „KI-native Kreditkarte der Welt“ beantragen, so nennt sie die Bank. Wer mit ihr bezahlt, sammelt nicht mehr wie einst Bonusmeilen, sondern Guthaben für KI-Anwendungen. Reicht das für das große Comeback der Kreditkarte?Wer einkauft, sammelt Nutzungsguthaben für die KIDas Produkt, um das es geht, kam am 10. Juli auf den Markt. Herausgeber ist die Agricultural Bank of China, eine der vier großen Staatsbanken des Landes. Ihre Partner bei dem Projekt sind der amerikanische Kreditkartenkonzern American Express und das Pekinger KI-Unternehmen Moonshot. Dessen Chatbot Kimi gehört zu den populärsten des Landes, eine Art chinesisches Chat-GPT. Die Idee der Karte: Konsum wird zu Rechenleistung. Wer einkauft, sammelt Punkte, und die lassen sich im Verhältnis tausend zu eins in KI-Leistungen tauschen.In Kontingente für sogenannte Agenten etwa, also KI-Programme, die selbständig Aufgaben erledigen, in Guthaben für Kimis Programmierhilfe oder in einen Testzugang zu neuen Modellen, bevor der Rest des Landes sie ausprobieren darf. Die Mitgliedschaftsstufen des Chatbots sind direkt an die Kartenklasse gekoppelt. Die Normalkarte kostet 580 Yuan im Jahr, umgerechnet etwa 70 Euro, das erste Jahr ist gratis. Die Platinversion für 880 Yuan gibt es nur am Bankschalter, und wer nach der Bewilligung binnen zwei Monaten 5888 Yuan ausgibt, bekommt ein Begrüßungsgeschenk: zwei Monate Premium-Mitgliedschaft beim Chatbot und einen Kimi-Plüschanhänger.Wer nachrechnet, ist schnell ernüchtertDie Agricultural Bank ist nicht allein, sie ist nicht einmal die Erste. Den Anfang machte im Juni die China Merchants Bank, die ihre Entwicklerkarte mit KI-Guthaben des Anbieters Minimax auflud, bis zu 1,8 Milliarden Token im Monat, also Recheneinheiten für KI-Anwendungen. Ein solides Monatsbudget für diejenigen, die viel mit KI herumexperimentieren. Einziger Haken: Beantragen darf sie nur, wer einen Hochschulabschluss vorweisen kann. Auch die Bank Ping An legte eine „KI-Rechenkarte“ mit Tencents Cloud-Sparte auf, die Shanghai Pudong Development Bank folgte Anfang Juli mit einer Karte für „KI-Entwickler und digitale Gründer“, gemeinsam mit dem Kartennetzwerk Union Pay. Im chinesischen Netz kursiert für das neue Angebot der Banken bereits eine Formel: „Konsum ist Rechenleistung.“Bleibt die Frage, was das Geschenk eigentlich wert ist. Wer nachrechnet, ist schnell ernüchtert. Die Token-Pakete, die die Banken verteilen, kosten im freien Verkauf zwischen zehn und hundert Yuan im Monat, umgerechnet gut einen bis zwölf Euro. Das ist ungefähr der Gegenwert der Thermobecher und Kinogutscheine, mit denen Chinas Banken bisher um ihre Kreditkarten-Kunden warben. Neu ist also nicht das Geschenk, neu ist das Vokabular.Das Kartengeschäft der chinesischen Banken brennt an beiden EndenDazu kommt: Rechenleistung ist in China derzeit eine Währung mit eingebautem Wertverfall. Die KI-Anbieter unterbieten sich seit zwei Jahren gegenseitig, die Preise pro Token fallen von Quartal zu Quartal. Was die Bank heute als Prämie verbucht, ist morgen und übermorgen höchstwahrscheinlich immer weniger wert.Warum machen die Banken es trotzdem? Weil es ihnen gar nicht um KI geht, genau genommen nicht einmal um die Karte. Chinas Banken haben den Kontakt zu ihren Kunden an die Super-Apps verloren, bezahlt wird bei Alipay und WeChat Pay, die Bank ist nur noch das Konto dahinter und verdient kaum noch an den Transaktionen.Wie schlecht es um das Geschäft steht, zeigen die Jahresberichte. Bei der Industrial and Commercial Bank of China, der größten Bank des Landes, sank der Kartenumsatz 2025 von 2,13 auf 1,83 Billionen Yuan. Gleichzeitig stieg der Anteil fauler Kreditkartenkredite von 3,5 auf 4,6 Prozent. Weniger Geschäft, mehr Ausfälle: Das Kartengeschäft der chinesischen Banken brennt an beiden Enden.Die KI-Karten sind der Versuch, eine Kundengruppe zurückzuholen, die besonders begehrt ist: junge Techkräfte, die Konten eröffnen, tendenziell hohe Gehälter haben, Vermögen aufbauen. Und nebenbei färbt der Glanz ab. Eine Branche, deren Produkt in der Volksrepublik als Technik von gestern gilt, heftet sich an die Technologie, über die gerade das ganze Land redet. Sollte die KI-Begeisterung aber nachlassen, warnen jetzt schon chinesische Experten, bleibt von der gewünschten Kundenbindung wenig übrig. Dann ist die KI-Kreditkarte das, was die Kreditkarte vorher auch war. Ein Stück Plastik.
China: Rechenleistung gegen Konsum
Die Kreditkarte gilt in China als Technik von gestern. Die Banken kontern mit dem Modernsten und verschenken künstliche Intelligenz an ihre Kunden.






