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Energie: Warum sich dynamische Stromtarife für viele derzeit nicht rechnen Die Preise an der Strombörse schwanken gewaltig. Ausgerechnet dynamische Tarife, mit denen Verbraucher von günstigen Preisen profitieren sollten, werden aktuell zur Kostenfalle.
Strommast: Dreistellige Strompreise je Megawattstunde. Foto: IMAGO/Christian OhdeDüsseldorf. Die Rekordtemperaturen sorgen an den Strombörsen für Preisunterschiede von teilweise mehr als 600 Euro – und teilen Deutschlands Verbraucher in Gewinner und Verlierer auf.Eine Analyse des Verbraucherportals Verivox zeigt: Wer einen festen Tarif hat, zahlte in den ersten sechs Monaten bis zu 123 Euro weniger für seinen Strom. Verbraucher mit einem dynamischen Vertrag mussten hingegen draufzahlen.„Auch wer den Aufwand betreibt und einen Teil des Stromverbrauchs in Zeiten mit niedrigen Preisen verschiebt, bezahlt am Ende mehr als in einem günstigen Festpreisangebot“, sagt Thorsten Storck, Energieexperte bei Verivox. Nur im Szenario mit E-Auto schnitt der dynamische Stromtarif besser ab als der günstigste Festpreistarif.Ursache ist ein neues Phänomen auf dem deutschen Strommarkt. Ungewöhnlich viele Sonnenstunden, Millionen von Solaranlagen und fehlende Speicher sorgen für extreme Preisunterschiede. Verbraucher zahlten am Mittag des 24. Juni beispielsweise 25 Euro je Megawattstunde (MWh). Am Abend lag der Preis bei 747 Euro – ein Unterschied von 682 Euro innerhalb weniger Stunden.Seit mehreren Wochen schwankt der Strompreis an der Börse stark. Durch dynamische Stromtarife sollen Verbraucher eigentlich von diesen Schwankungen profitieren. Im Gegensatz zu Festpreistarifen, bei denen Anbieter Monate im Voraus Strom billig einkaufen, zahlen Verbraucher bei dynamischen Verträgen den aktuellen Marktpreis.Allerdings: „Das erste Halbjahr 2026 ist am Strommarkt von mehreren Faktoren geprägt, die wir in Zukunft öfter sehen werden“, sagt Strommarktexperte Leonhard Gandhi vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE).Im Mai sorgte eine zu geringe Nachfrage bei gleichzeitig hoher Einspeisung von Solarstrom für viele Stunden mit sehr niedrigen und teilweise sogar negativen Strompreisen – Erzeuger zahlten dann Geld dafür, dass ihnen jemand den überschüssigen Strom abnimmt. Die hohen Temperaturen im Juni ließen die Nachfrage dagegen gerade in den Abendstunden steigen und sorgten für dreistellige Strompreise je Megawattstunde.Hohe Temperaturen treiben Nachfrage„Es gab eine starke Zunahme des Stromverbrauchs während der Hitzewelle – innerhalb der zwei Wochen im Juni zeigen Daten der Übertragungsnetzbetreiber, dass der Verbrauch um 15 Prozent höher war als üblich“, sagt Gandhi.Gleichzeitig fehlte die Leistung von Millionen Solaranlagen, die naturgemäß am Abend keinen Strom mehr erzeugen – genauso wie Batterien, die den überschüssigen Strom vom Mittag bis zum Abend hätten zwischenspeichern können. Zusätzlich sind zahlreiche fossile Kraftwerke in den Sommermonaten, in denen der Verbrauch üblicherweise geringer ist, in Revision. Sie werden also gewartet und fallen für diese Zeit aus.So sind bei den Kohlekraftwerken von insgesamt 14,8 Gigawatt installierter Leistung im Sommer lediglich zehn bis zwölf Gigawatt verfügbar. Aktuell ist die Nachfrage besonders abends dementsprechend oft höher als das Angebot – und das lässt die Preise steigen. Das spüren Nutzer eines dynamischen Tarifs fast in Echtzeit.Das Ganze funktioniert so: Intelligente Stromzähler messen den Verbrauch und sorgen dafür, dass Verbraucher den gegenwärtigen Marktpreis zahlen. Um bei dynamischen Tarifen von niedrigen Kursen zu profitieren, müssten sie verschiebbare Lasten wie Wärmepumpe, Elektroauto oder Speicher entsprechend timen. Wer sein E-Auto mittags lädt, wenn viel günstiger Strom zur Verfügung steht, zahlt wenig. Wer tagsüber unterwegs ist und sein Elektrofahrzeug abends lädt, zahlt aktuell drauf.Ein Drei-Personen-Haushalt mit E-Auto kam in der Verivox-Analyse mit dynamischem Tarif im ersten Halbjahr 2026 auf Stromkosten von etwa 821 Euro. Das ist immer noch deutlich günstiger als die Grundversorgung mit 1189 Euro im selben Zeitraum. Allerdings ist auch in diesem Szenario der Festpreistarif mit 726 Euro am günstigsten.Der Sommer sorgt für eine ungewöhnliche Situation an der deutschen Strombörse. Foto: picture alliance / SVEN SIMON„Wer bereit ist, regelmäßig Zeit und Recherche in den Stromanbieterwechsel zu investieren, wird in der Regel einen Tarif finden, mit dem er etwas günstiger fährt als mit einem dynamischen Tarif“, sagt Ralf Walther, Leiter für Energiemärkte bei Tibber, einem der größten Anbieter für dynamische Tarife. Aber nach Ende der Garantie stiegen die Preise meist an, und dann sei in absehbarer Zeit wieder ein Wechsel nötig.„Mit einem dynamischen Tarif kann man sich hingegen sicher sein, dass man immer nur so viel für seinen Strom bezahlt, wie die Börse vorgibt“, sagt Walther. Im Schnitt lägen Verbraucher damit auch ohne Wechsel im günstigsten Drittel.Keine Entspannung in SichtMit einer Entspannung auf dem Strommarkt rechnet Fraunhofer-Experte Gandhi erst einmal nicht. Zwar werde langsam ein Rückgang bei den Preisspitzen registriert, aber in ganz Europa ist die Stromerzeugung immer noch relativ knapp. Die jüngste Hitzewelle sei gerade vorbei, die nächste fange schon an, sagt Gandhi. „Hinzu kommt eine Dürre, weswegen auch die Erzeugung aus Wasserkraft sehr gering bleibt.“ Auch auf dem Gasmarkt bleibe die Lage angespannt. Verwandte Themen EuropaEinen Ausweg sieht Gandhi im Ausbau von Batteriespeicherkapazitäten. So ließe sich der überschüssige Solarstrom am Mittag speichern, bis er abends benötigt wird.Nötig wäre außerdem eine bessere Verteilung der Revision. Hitzewellen zeichnen sich meist vorher ab. Der Temperatureffekt, den es in Deutschland so vorher nicht gab, müsse laut Gandhi in Zukunft bei der Planung stärker berücksichtigt werden. „Länder wie Spanien oder Italien haben das schon gelernt, hier müssen die deutschen Betreiber nachholen.“ Veröffentlicht nach den redaktionellen Standards des Handelsblatts. Mehr Informationen finden Sie in unseren Richtlinien. Mehr zum Thema Unsere Partner Anzeige remind.me Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen Anzeige ImmoScout Jetzt kostenlos den Wert deiner Immobilie ermitteln Anzeige IT BOLTWISE Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik Anzeige Presseportal Direkt hier lesen! Anzeige STELLENMARKT Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden Anzeige Expertentesten.de Produktvergleich - schnell zum besten Produkt











