Kaum ein Tag vergeht seit Ende Juni ohne Verbote. Praktisch alle Landkreise in Südhessen sowie die kreisfreien Städte Darmstadt, Hanau und Wiesbaden haben wegen der anhaltenden Trockenheit die Entnahme von Wasser aus allen Bächen und Flüssen untersagt oder wesentlich eingeschränkt. Das gilt auch für andere oberirdische Gewässer wie Teiche und Seen. Überall fehlt es am Wasser, das ökologische Gleichgewicht der Gewässer ist bedroht. Die niedrigen Pegel und die damit einhergehende Erwärmung der Gewässer verringert den Sauerstoffgehalt und macht Fischen und Kleinlebewesen den Garaus.Der Main, aus dem wegen seiner Größe noch Wasser entnommen werden darf, erreichte Ende Juni eine Temperatur von 27 Grad und überschritt damit den kritischen Wert von 25 Grad. Hauptursache: Wegen seiner vielen Stauwehre ist die Fließgeschwindigkeit im Main – anders als etwa im Rhein – äußerst gering. Es gibt kaum Wasseraustausch, und es fehlt Beschattung entlang des Stroms, das verschärft die Hitzeproblematik zusätzlich. „Der Main ist im Grunde genommen eine Badewanne nach der anderen“, sagt Elisabeth Geselle, Leiterin des Dezernats Oberflächengewässer in der Umweltabteilung Frankfurt beim Regierungspräsidium Darmstadt.Wer darf Bäche und Flüsse anzapfen?Anders als der durchgängig aufgestaute Main sind die Main-Zuflüsse wie die Nidda oder die Kinzig mit ihren zahlreichen Seitengewässern weniger durch Wehre belastet. Dafür sind sie wie andere kleinere Flüsse von Niedrigwasser bedroht. Nach dem Wasserrecht gilt ein „Besorgnisgrundsatz“: Alle sind gehalten, Gewässer nicht zu schädigen. Dazu gehört auch, kein Wasser zu entnehmen.Warmes Wasser: Der Main hat die als kritisch geltende Marke von 25 Grad schon im Juni überschritten.dpaDoch wer darf überhaupt Bäche und Flüsse anzapfen? Der Kreis der Berechtigten ist gar nicht so klein: Landwirte gehören ebenso dazu wie Kleingärtner, Gewerbe- und Industriebetriebe. Erst einmal gibt es einen sogenannten Gemeingebrauch, wie Wasserexpertin Geselle erläutert. Kleingärtner dürfen zum Beispiel aus Oberflächengewässern mit der Gießkanne – also ohne Pumpe – Wasser entnehmen. Sonderrechte gibt es für diejenigen, deren Grundstücke direkt an ein Gewässer grenzen. Wer Wasser aus Flüssen abzweigen will, muss sich um eine Zulassung bei den Behörden bemühen.Über die privaten Fälle entscheiden in der Regel die unteren Wasserbehörden der Landkreise und kreisfreien Städte, ansonsten ist zumeist das Regierungspräsidium zuständig. Wie viel Wasser etwa ein Landwirt an der Nidda maximal entnehmen darf, wird in einem Wasserrechtsbescheid festgelegt. Darin ist auch geregelt, wann bei Niedrigwasser die Entnahme eingestellt werden muss. Ein Kriterium dafür ist, dass Fische noch schwimmen können müssen.Auflagen für die Wasserentnahme werden weiter verschärftEine Zulassung für die Wasserentnahme brauchen auch kleine Wasserkraftanlagen wie die alten Mühlen, die an einem Bach oder Wehr entstanden sind. Davon gibt es vor allem im Umkreis des Vogelsbergs noch einige. Dort wird Wasser in einen Mühlgraben abgeleitet, um eine Turbine anzutreiben. Ein paar hundert Meter abwärts wird das Wasser dann wieder dem Bach zugeführt. Dazwischen darf das Gewässer nicht trockenfallen, Fische müssen an der Anlage vorbeischwimmen können.Gewerbe und Industrie holen aus Flüssen gerne Brauch- und Kühlwasser für ihre Produktion. Wird das Kühlwasser später wieder dem Fluss zugeführt, ist es aufgewärmt. Allerdings ist der Einfluss von Gewerbe und Industrie an der Erwärmung des Mains gering. Sie liege bei maximal 0,8 Grad, sagt Geselle. Die entscheidende Rolle spielt die hochsommerliche Hitze. Zuletzt habe sich gezeigt, dass der Main derzeit schon eine Temperatur von nahezu 28 Grad hat, wenn er die Landesgrenze von Bayern nach Hessen überschreitet.Wärme ist bei Niedrigwasser besonders dann ein Problem, wenn es am Fluss oder Bach keine Beschattung gibt und Gehölze fehlen. „Die Natur kann einiges ab“, sagt Geselle – aber es gebe Grenzen und Kipppunkte. Als Herausforderung komme die Trockenheit durch den Klimawandel hinzu. Gleichzeitig werden die Erkenntnisse über die komplexe Gewässerökologie präziser. Spätestens, wenn neue Bescheide erteilt werden, müssten Betroffene mit schärferen Auflagen für die Wasserentnahme rechnen, so die gelernte Bauingenieurin.Wie eine Badewanne: Die Stauwehre im Main, hier die Staustufe in Frankfurt-Griesheim, verringern die Fließgeschwindigkeit des Flusses und tragen so zur Erwärmung des Wassers bei.dpaAber wer kontrolliert, ob die festgelegten Entnahmemengen tatsächlich eingehalten werden? Das sei nicht einfach, sagt Dezernatsleiterin Geselle. Wasser könne jederzeit entnommen werden, die Behörden seien nicht permanent vor Ort. Auch Beobachtungen von Zeugen seien oft nicht ausreichend. Ein Schlauch im Gewässer sei kein Beleg dafür, dass dort auch Wasser entnommen wurde, so Geselle. Wenn jemand ertappt werde, drohten empfindliche Bußgelder. Im Wetteraukreis etwa können Verstöße bis zu 100.000 Euro kosten, wie es in einer Verfügung heißt.„Viele Bäche sind so ausgetrocknet“Die begrenzten Kontrollmöglichkeiten sind ein Problem, das nur schwer lösbar scheint. Das kritisieren auch verschiedene Umweltverbände. Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) verweist zudem darauf, dass kleine Gewässer von den Behörden gar nicht erfasst würden. „Viele Bäche im Hochtaunus sind so ausgetrocknet, dass da gar nichts mehr gemessen werden kann“, sagt Sybille Winkelhaus, zuständige Referentin beim NABU. Nur elf Prozent der hessischen Gewässer haben nach ihren Angaben „einen guten ökologischen Zustand“ erreicht. Genau diesen Zustand fordert aber die EU-Wasserrahmenrichtlinie. Ursprünglich sollten die Mitgliedsländer die Richtlinie bis 2015 umsetzen, das erwies sich als illusorisch. Jetzt gilt 2027 als neue Deadline.Der Landesverband des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) verweist darauf, dass Hitzeperioden und Niedrigwasser die Gewässer auch chemisch stärker belasteten. Die Behörden müssten daher verbindliche Ziele zur Reduzierung von Nähr- und Spurenstoffen festlegen, fordert der BUND-Landesvorsitzende Jörg Nitsch. Auch die Einleitungen der Landwirtschaft müssten stärker reguliert werden.Der NABU schlägt vor, Bäche und Flüsse zu renaturieren und die Auenlandschaften wieder zu beleben, um den Gewässern mehr Raum zur Entfaltung zu geben. Helfen könne die Wiederansiedlung des Bibers, weil dieser mit dem Bau von Dämmen das Wasser auf die Uferflächen leite, sagt Winkelhaus, eine promovierte Biologin.Auch die Wasserbehörden kennen die Defizite. Mit der Renaturierung entlang der Nidda, die auch von Geselles Dezernat betreut wird, sind erste Ansätze zur Kehrtwende gemacht worden. In den Kommunen setzt sich zugleich allmählich die Erkenntnis durch, dass es sinnvoll ist, Auenlandschaften nicht mehr zu bebauen. Solche Freiflächen sind bei Starkregen – eine weitere Folge des Klimawandels – als Auffangbecken für Wasser unentbehrlich.
Trockenheit in Hessen: Kritischer Zustand der Gewässer
Wegen der Hitze und langer Trockenheit ist der Zustand der hessischen Gewässer kritisch. Vielerorts ist die Entnahme von Wasser verboten – doch das ist schwer zu kontrollieren.











