Für Hubert Aiwanger (Freie Wähler) ist die Sache klar. Die Möglichkeit, Gewässer für die Wärmeversorgung zu nutzen, bezeichnet der bayerische Wirtschaftsminister als „eine sehr charmante Lösung“. Der Ammersee, idyllisch eingebettet in die Voralpenlandschaft, beherbergt in seinen blauen Tiefen einen großen Energiespeicher, der künftig genutzt werden soll. An Bord des Fahrgastschiffes MS Utting im Ortsteil Stegen in Inning wurden am Montag die Ergebnisse der Studie „AnmerSeethermie“, einer Potenzialanalyse für kumuliert acht Standorte, präsentiert.Den Ministerbesuch nutzten auch Protestierende, die einen Stopp der Gasbohrung in Reichling im Landkreis Landsberg forderten. Er könne nichts verbieten, was erlaubt sei, ging Aiwanger kurz auf die Proteste ein. Unabhängig von fossilen Energieträgern zu werden, sei aber für ihn schon aus Kostengründen interessant. Dabei wies der Minister auch auf die Speichermöglichkeit von mittels Solarthermie erwärmtem Wasser hin, beispielsweise in Baggerseen. Aiwanger sieht in den bayerischen Flüssen und Seen sowie in Baggerseen ein enormes Energiepotenzial. „Seethermie könnte eine große Chance sein“, sagte er. Eingesetzt an Flüssen, könnte sie rund 700 Gemeinden und damit zehn Prozent des Bedarfs in Bayern mit Wärme versorgen, rechnete er hoch.Für den Ammersee liefert die Untersuchung des Ökoenergie-Instituts Bayern am Landesamt für Umwelt im Auftrag des bayerischen Wirtschaftsministeriums nun Antworten: Die Seethermie sei dort grundsätzlich möglich und könnte den Wärmebedarf der Anrainerkommunen zu hundert Prozent decken. Der Ammersee und 30 weitere bayerische Seen böten günstige Voraussetzungen für Seethermie-Projekte. 69 Seegemeinden könnten diese Art der Energiegewinnung in ihre Wärmeplanungen einbeziehen.Ein halbes Jahr sei die Studie gelaufen, sagte Koordinator Andreas Weigand, Geschäftsführer von Klima³, der Klima- und Energieagentur der Landkreise Starnberg, Fürstenfeldbruck und Landsberg am Lech. Er fuhr dabei frühmorgens mit zum Fischen und brachte viele Beteiligte an einen Tisch, um ein gemeinsames Verständnis zu schaffen. Wie sich die Wärmeentnahme am Ammersee durch die anliegenden Gemeinden auswirkt, hat Ulrich Lang von der Ingenieurgesellschaft Kobus und Partner aus Leinfelden-Echterdingen mittels einer 3D-Modellierung untersucht.In der Studie sind auch die möglichen Uferstandorte am Ammersee aufgeführt. Nila ThielBei der Seethermie spielt demnach das natürliche Schichtungsverhalten des Sees eine Rolle. In der dritten und tiefsten Schicht, dem Hypolimnion, befindet sich ab etwa 20 Metern Tiefe kaltes, schwereres Wasser. Dort beträgt die Wassertemperatur auch im Winter meist vier bis sieben Grad Celsius. Das Seewasser wird daher in der Regel aus einer Tiefe von rund 20 Metern entnommen und über Großwärmepumpen auf das benötigte Temperaturniveau für Gebäude und Wärmenetze angehoben. Anschließend wird das um 3 bis 5 Grad abgekühlte Wasser in den See auf rund 25 Meter Tiefe zurückgeführt.Mit rund 339 Gigawattstunden (GWh) pro Jahr besitze der Ammersee ein hohes thermisches Potenzial, sagte Lang. Für die Anrainergemeinden wurde ein Gesamtbedarf von 277 GWh ermittelt. Für diese Wärmebedarfe seien die Temperaturänderungen aus hydrodynamischer Sicht minimal, sagte Lang. „Ein lokales Auskühlen von Buchten ist dadurch nicht zu befürchten.“ Als Beispiel zeigte Lang eine zwölf Millionen Euro teure Energiezentrale in Bregenz mit einem kalten Fernwärmenetz in der Leistungsstufe eins von 4 Megwatt. Weitere Untersuchungen zum Wärmepotenzial laufen gerade für den Starnberger See, den Tegernsee, den Schliersee und den kleinen Brombachsee. Allerdings müssen wasser- und naturschutzrechtliche Aspekte separat geprüft werden.Nahwärmenetze sind für die Nutzung von Seethermie ein wichtiger Faktor. Nila ThielFür Landsbergs Landrätin Daniela Groß (Grüne) ist „erneuerbare Energie der Schlüssel“. Sie fand besonders gut, dass auch eine Checkliste für Kommunen erstellt wird. Herrschings Bürgermeister Christian Schiller (fraktionslos) ist von der Technologie begeistert und appellierte an den Wirtschaftsminister, benötigte ufernahe Grundstücke, die dem Freistaat gehören, zur Verfügung zu stellen. „Ich hoffe, dass wir alle in einer Mannschaft spielen“, meinte Schiller. Er hat schon ein geeignetes Grundstück im Visier. Auch in Schondorf steht Bürgermeister Gunther Hofmann (CSU) der Technologie aufgeschlossen gegenüber, die kommunale Wärmeplanung befindet sich hier allerdings noch in den Startlöchern.Aufgeschlossen gegenüber der Seethermie zeigten sich (von links) die Bürgermeister Herbert Vögele (Inning), Sandra Perzul (Dießen), Florian Hoffmann (Utting), Gunther Hofmann (Schondorf) und Christian Schiller (Herrsching). Nila ThielWärmenetze sind für die Nutzung von Seethermie ein wichtiger Faktor. Eine Erstanschlussquote von 40 Prozent nannte Lang als Richtwert für die Wirtschaftlichkeit. Die Seethermie am Ammersee zur Kühlung zu nutzen, wie es Bürgermeister Schiller andachte, spielte aber in der Studie keine Rolle. Lang beurteilt dies wegen der ohnehin leicht ansteigenden Temperaturen des Seewassers eher negativ. Die Ergebnisse der Studie werden in den Ammerseegemeinden vorgestellt. Die Checkliste steht in Kürze auf den Webseiten des bayerischen Wirtschaftsministeriums sowie von Klima³ zum Download zur Verfügung.
Seethermie: Energie aus dem Amersee
Eine Studie des Öko-Instituts Bayern zeigt, dass der Ammersee und 30 weitere bayerische Gewässer günstige Voraussetzungen für Seethermie bieten.










