Ausgerechnet Berlin als Exil: Wieso viele grosse Schriftsteller des Ostens ihre Archive in den Westen schaffenOb Imre Kertész, Péter Nádas oder nun Norman Manea: Weltliterarisch bedeutsame Bestände kommen in den deutschsprachigen Raum. Der Grund ist politisch.Paul Jandl28.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDen Holocaust und die kommunistische Diktatur überlebt: der Schriftsteller Norman Manea.Ulf Andersen / GettyEinen «europäischen Melancholiker» hat er sich genannt, einen Exilanten, der aus seinem langjährigen Domizil in New York irgendwann einmal wieder auf den Heimatkontinent zurückkehren möchte. Zumindest symbolisch unternimmt Norman Manea jetzt diese Reise. Knapp vor seinem neunzigsten Geburtstag im Juli hat die Berliner Akademie der Künste bekanntgegeben, dass sie den Vorlass des rumänischen Schriftstellers übernommen habe. Damit wird ein Wunsch des Autors erfüllt, dessen erinnerungspolitische Dimensionen nicht zu übersehen sind. Manea ist ein Überlebender des Holocaust.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.1941 wurde sein Geburtsland zu einer von Hitler-Deutschland gelenkten Militärdiktatur. Als damals knapp fünfjähriges Kind jüdischer Eltern wurde er im gleichen Jahr aus dem rumänischen Suceava in ein Konzentrationslager in Transnistrien deportiert. 1945 kehrte Norman Manea mit anderen Familienmitgliedern, die noch gerettet werden konnten, in die Heimat zurück und erlebte dort bis zu seiner Ausreise im Jahr 1987 die kommunistische Diktatur. Nach einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdiensts (DAAD) in Berlin blieb Manea im Westen, 1988 ging er nach New York.Ausgerechnet Berlin als Exil für das Archiv Norman Maneas? Die frühere Hauptstadt der Täter? Es ist eine komplizierte Angelegenheit, aber sie hat einen würdigen Präzedenzfall.Zeichen der AutonomieIm Jahr 2000 notiert der spätere Literaturnobelpreisträger Imre Kertész: «Es ist beschlossen, meine sämtlichen Manuskripte gehen in die Emigration und suchen (oder finden?) damit eine neue Heimat für sich.» Kurz danach übergibt Kertész erste Manuskripte, Briefe und Notizen als Vorlass der Berliner Akademie der Künste. Heute sind es 35 000 Blätter, die dort in den berühmten schwarzen Archivboxen lagern. Sie bergen, wie im Fall von Norman Manea, ein Literatur gewordenes Gedächtnis.Als er vierzehn Jahre alt war, begann für Imre Kertész der Weg durch die Konzentrationslager. Sein grosser «Roman eines Schicksallosen» ist die Verarbeitung und zugleich Überschreibung dieser Erfahrungen. Ein Versuch, die Grenzen und die Möglichkeiten menschlicher Autonomie zu zeigen. Für Manea und Kertész ist es auch ein Zeichen der Autonomie des Schriftstellers, zu sagen: Gerade in Berlin soll das Material liegen, aus dem die Werke über den Holocaust entstanden sind.Grotesk waren die Versuche der ungarischen Regierung, Imre Kertész nach der Zuerkennung des Literaturnobelpreises wieder als nationales Symbol einzugemeinden.John Martyn / Ullstein / GettyDass die Berliner Akademie der Künste zum wichtigen archivalischen Exil geworden ist, hat aber auch noch andere Gründe. Während der Zeit des Eisernen Vorhangs war die westliche Vorläuferinstitution wichtige Anlaufstelle für intellektuelle Dissidenten aus dem Osten. Hier konnte frei debattiert werden, während die heimatlichen Späher das Treiben misstrauisch aus der Ferne beobachteten. Besonders zu den ungarischen Schriftstellern gab es ein enges Verhältnis. Viktor Orbáns illiberaler Nationalismus und seine von antisemitischen Unterströmungen getragene Politik haben zu einem für das Land beschämenden Exodus von Schriftstellerarchiven geführt. György Konrád, Péter Esterházy, György Dalos und der ewige Literaturnobelpreiskandidat Péter Nádas haben ihre Sammlungen nach Berlin bringen lassen.An jenem Tag im Jahr 2025, als bekanntwurde, dass László Krasznahorkai den Preis bekommt, diskutierte man im staatlichen ungarischen Fernsehen, welche der Budapester Institutionen sich wohl um die Verwaltung seines Werks kümmern werde. Zu spät. Der Vorlass Krasznahorkais befindet sich seit 2024 im Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek. Fein säuberlich verpackt in vierundachtzig Archivboxen und zwölf weiteren Kisten.Dort harrt er seiner Bearbeitung, auch wenn er es mit dem Berliner Konvolut des einige Jahre älteren Péter Nádas nicht aufnehmen kann. Zweihundertvierzig Boxen. Von den ersten Versuchen des Elfjährigen bis zur Gegenwart. Der dreiundachtzigjährige Schriftsteller, der unter anderem mit dem «Buch der Erinnerung» und den «Parallelgeschichten» die literarisch-psychologische Durchdringung eines von Diktaturen geprägten Jahrhunderts unternommen hat, greift für sein Schreiben mitunter noch auf sein altes Material zurück. Das lässt er sich aus Berlin schicken, dem politisch immer noch sicheren Hafen.Zweihundertvierzig Boxen stehen nun in Berlin – von den ersten literarischen Versuchen als Elfjähriger bis zur Gegenwart: der ungarische Schriftsteller Péter Nádas.Ulf Andersen / GettyNationale VereinnahmungEin entscheidender Grund, warum weltliterarisch bedeutsame Archive aus östlichen Ländern in den Westen wandern, liegt in den unsicheren politischen Verhältnissen in der Heimat. Aus der serbischen Machtsphäre Slobodan Miloševićs ist der Schriftsteller und Architekt Bogdan Bogdanović nicht nur physisch emigriert, sondern hat vor seinem Tod 2010 einen Teil seines Nachlasses dem österreichischen Literaturarchiv vermacht. Der Vorlass von Bora Ćosić liegt seit 2024 auch in Wien. Ćosić war ebenfalls ein Gegner Miloševićs und steht in scharfer Opposition zum heutigen serbischen Präsidenten, dem Autokraten Aleksandar Vučić. Wo ein illiberaler Rechtspopulismus regiert, dort sind die Werte gedanklicher Freiheit im Kern angegriffen.Nirgendwo hat man das so stark spüren können wie im Ungarn der Orbán-Ära, wo manche Schriftsteller in gezielten Kampagnen wie Vaterlandsverräter behandelt wurden. Unwürdig und grotesk waren die Versuche, Imre Kertész nach der Zuerkennung des Literaturnobelpreises wieder als nationales Symbol einzugemeinden. Zum Erstaunen vieler nahm Kertész 2014 den von Viktor Orbán neu aufgelegten Sankt-Stephans-Orden an. Eine hohe staatliche Auszeichnung, die davor zuletzt 1944, in Zeiten des ungarischen Reichsverwesers und Antisemiten Miklós Horthy, verliehen wurde.Ein anderes Kuriosum: 2016 unterschrieb die Nobelpreisträger-Witwe Magda auf ihrem Totenbett eine Schenkungsurkunde, die der ungarischen Kertész-Stiftung die Rechte am geistigen Nachlass des Schriftstellers überlässt. Seither entsteht in Budapest ein Kertész-Archiv, das bis zuletzt in seiner Verwaltung mit Vertrauten Orbáns besetzt war. Was aus dem Versuch, ausgerechnet diesen Autor zum Monument einer nationalistischen Staatsidee zu machen, unter dem neuen Ministerpräsidenten Péter Magyar wird, ist noch nicht abzusehen.Abgesehen vom Politischen bleibt die Lage unübersichtlich. Die Berliner Akademie hat die 2012 für einen sechsstelligen Betrag erworbenen Bestände von Imre Kertész. Die Rechte an den gedruckten Büchern liegen beim Rowohlt-Verlag. Die Rechte am Ungedruckten bei der Budapester Stiftung. Sage niemand, Archive hätten kein Leben. Heimlich schreiben sich in ihnen die Werke weiter. So wird es auch beim grossen amerikanischen Rumänen Norman Manea sein. Oder um es mit dem berühmten finalen Satz aus Péter Esterházys «Die Markus-Version» zu sagen: «Es gibt kein Ende. Das ist der Schluss.»Passend zum Artikel