Noch ein halbes Jahr vor seinem Rücktritt kämpfte Indonesiens Zentralbankchef im Januar öffentlich um die Unabhängigkeit seines Hauses. Schon wieder. Erst zwei Monate zuvor hatte Perry Warjiyo bei der Jahrestagung der Bank Indonesia (BI) versichert, dass die indonesische Geldpolitik das Wachstum der größten südostasiatischen Wirtschaft stützen werde, so wie von Staatspräsident Prabowo Subianto gewünscht. Doch Priorität bleibe die Unabhängigkeit der Notenbank von der Politik. Um sicherzugehen, dass niemand die Reihenfolge der Ziele durcheinanderbringen könnte, war die Rede auch mit dem Wort „Unabhängig“ überschrieben.Im Januar musste Warjiyo vor laufenden Fernsehkameras abermals den vielen Gläubigern seines Landes versichern, dass die Geldpolitik frei vom Druck der Regierung bleibe. Die drang darauf, dass die BI die Zinsen senkte, damit Präsident Prabowo seine teuren Lieblingsprojekte leichter finanzieren konnte: die Ausgabe von kostenlosem Schulessen etwa, die rund 20 Milliarden Dollar kosten sollte. Oder der Bau eines fast 600 Kilometer langen Damms für 80 Milliarden Dollar auf Java, der die Überflutung der indonesischen Hauptinseln infolge des Ansteigens des Meeresspiegels verhindern sollte.Neffe des Staatschefs zum stellvertretenden Notenbankchef gemachtIn der Zentralbank hatte Prabowo seinen Neffen auf den Posten des Stellvertreters von Gouverneur Warjiyo gehievt. Dass fortan ein Familienmitglied des Präsidenten in der Leitung der Notenbank saß, ändere nichts daran, dass dort der „politische Entscheidungsprozess professionell und unter Einhaltung strenger Governance-Grundsätze“ erfolge, versprach Warjiyo den besorgten Investoren in der Welt, die genau das Gegenteil befürchteten. Geldpolitische Unabhängigkeit sei nichts, was versprochen und dann später einfach wieder kassiert werden könne, lautete der Tenor an der Wall Street in Reaktion auf die Vetternwirtschaft in der 285 Millionen Einwohner zählenden Inselnation. „Dem Land gehen die Sicherheitsvorkehrungen aus“, kommentierte der Börsendienst Bloomberg und titelte: „Indonesiens ,Nepo Babys‘ schaden der Wirtschaft“.Am Montag warnte Bloomberg nun, dass die Investoren gerade „einen weiteren Grund erhalten“ hätten, Indonesien „zu misstrauen“. Gemeint war der völlig überraschende Rücktritt von Perry Warjiyo als Zentralbankchef am Wochenende – kurz nachdem er sein Land noch bei einem Treffen von Notenbankchefs asiatischer Staaten in Singapur vertreten hatte. Dass der Abgang öffentlich nur mit den Worten kommuniziert wurde, dieser sei „aus persönlichen Gründen“ erfolgt, hat in internationalen Finanzkreisen den Verdacht aufkommen lassen, hier seien politische Kräfte am Spiel gewesen – und das ist für Indonesiens derzeit ohnehin angespannte Situation eine weitere Belastung. Währung, Staatsanleihen und Aktien haben am Montag weiter an Wert verloren.Hohe Staatsausgaben treffen in dem Land derzeit auf steigende Refinanzierungskosten bei einer gleichzeitigen Schwäche der Rupiah. Der Wechselkurs der Währung ist gegenüber dem Dollar seit Jahresbeginn um rund acht Prozent gefallen und hat historische Tiefstände notiert. Um die Rupiah zu stützen, hatte die BI die Zinsen in drei Schritten insgesamt auf 100 Basispunkte erhöht. Offene Kritik an der Entscheidung gab es aus dem Regierungslager nicht. Doch dass der scheidende Notenbankchef nicht dabei war, als am Montag ein Staatssekretär die vorübergehende Nachfolge durch die bisherige Stellvertreterin Destry Damayanti erklärte, wird unter Beobachtern als Indiz für die These gewertet, dass der Wechsel an der Spitze der BI nicht einvernehmlich erfolgt sein könnte.Warjiyo war 2018 vom damaligen Präsidenten Joko Widodo ernannt und 2023 für eine zweite fünfjährige Amtszeit bestätigt worden. Der Notenbanker hat über vier Jahrzehnte Erfahrung mit Geldpolitik vorzuweisen und galt als Stabilitätsanker in einem immer chaotischer agierenden Indonesien. Dessen Politik sei inzwischen so wenig berechenbar, dass man prüfe, dem Land den Status des „Investmentgrade“ zu entziehen, hatte die Ratingagentur Moody’s gewarnt und den Ausblick für die Kreditwürdigkeit Indonesiens im Februar auf „negativ“ gesenkt – der jüngst „noch etwas negativer“ geworden sei, wie die Agentur vor einer Woche mitteilte. Wettbewerber Fitch sprach von wachsender Unsicherheit über die Politik Jakartas.
Perry Warjiyo: Rücktritt erschüttert Indonesiens Wirtschaft
In Indonesien sinkt der Wert der Währung, während Präsident Prabowo weiter viel Geld ausgeben will. Dass nun der Notenbankgouverneur überraschend zurücktritt, werten die Märkte als schlechtes Zeichen.










