Ja, sagen sie jetzt, es sei friedlich gefeiert worden, so, wie es Politiker in ihren ersten betroffenen Reaktionen am Wochenende formuliert haben. Der Christopher Street Day, der im Verlauf des Sommers an so vielen Orten stattfand, mit aufwendigen Umzügen, großen Kundgebungen und Musik, ist eine Tanzveranstaltung, die das Loslassen zelebriert und die Ausgelassenheit.Aber es war eben nie nur eine Feier, sondern immer auch eine politische Demonstration. Einige aus der Szene haben also in den ersten Reaktionen auf das Attentat im Berliner Tiergarten am Samstagabend, bei dem eine Frau starb und 29 Menschen teilweise schwer verletzt wurden, in Reden und Onlinebeiträgen noch einmal darauf hingewiesen.Jeder dieser Tänze, jeder Dresscode ist ein Akt des Widerstands. Wer sich das an Orten wie Berlin bislang schwer vorstellen konnte, musste in diesem Jahr einmal einen CSD in Brandenburg besuchen oder irgendwo sonst jenseits der Großstädte. Dort standen Homosexuelle und Queere mitten auf einer Pflasterstraße, in pinken Shorts und mit Blumenketten, und an der Ecke lauerten die Jungs, kaum volljährig, in schwarzen Jacken, Verachtung im Blick.Prügel für einen KussJetzt ist es wieder zum Schlimmstmöglichen gekommen. In der Szene glaubt niemand an Einzelfälle. Thomas L., 55 Jahre, starb 2020 in Dresden, als er mit seinem Ehemann durch die Stadt spazierte und von hinten mit einem Messer attackiert wurde. Malte C., 25 Jahre, starb 2022 beim CSD in Münster, als er versuchte, andere queere Teilnehmer der Veranstaltung vor Beleidigungen zu schützen. Der Täter schlug ihm ins Gesicht, Malte C. fiel auf den Hinterkopf. Später, als der Täter verurteilt wurde, konnten die Richter kein queerfeindliches Motiv feststellen. Warum bloß?2025: Angriff auf ein lesbisches Paar, das sich in einer Bremer Straßenbahn geküsst hatte, Fausthiebe und Fußtritte. Ebenfalls 2025: gezielte Überfälle auf Schwule im Volkspark Friedrichshain. Die Täter waren Jugendliche. 2026: eine Tote und 29 Verletzte beim offiziellen Christopher-Street-Wochenende in Berlin.Bei allem Entsetzen, bei aller Verzweiflung reagieren jene, die sich in der Szene auskennen, mit erstaunlicher Besonnenheit auf den Angriff. Sie zählen die Chroniken des Scheiterns auf, erinnern an Schlagzeilen und lassen die Ereignisse der vergangenen Jahre und den politischen Umgang mit ihnen wirken. Eine Beurteilung sparen sie sich, sie lassen sich nicht vereinnahmen, auch wenn es andernorts trotzdem geschieht.Bei einer Mahnwache in Frankfurt nach dem Anschlag auf den Christopher Street Day in BerlindpaSolidarität mit queeren Menschen, sagte Mehmed König, ehemaliger Landesvorsitzender der Berliner SPD, 1993 als Kriegsflüchtling aus Bosnien nach Deutschland gekommen und erst 2020 eingebürgert, am Sonntag bei der Gedenkveranstaltung in Berlin, dürfe kein Reflex nach einer Tragödie sein. „Sie muss sich zeigen, wenn queere Projekte und Initiativen finanziell ausgetrocknet werden.“ Und: „Wenn Regenbogenfahnen plötzlich als Provokation gelten“. König erinnerte damit an den Satz des Bundeskanzlers, mit dem dieser die Entscheidung von Bundestagspräsidentin Klöckner rechtfertigte, am Bundestag keine Regenbogenflagge zu hissen: Das Parlament sei nun mal kein „Zirkuszelt“.Eine Chronik des politischen ScheiternsDie Zeit der Diskussionen über Symbolpolitik ist vorbei, sagen beim Gedenken in Berlin angesichts der menschlichen Tragödie einige. Eine nicht gehisste Flagge, geschenkt. Grotesk erscheint ihnen der Verlauf der Ereignisse seit Samstagabend und die Anordnung von Julia Klöckner. Jetzt also Trauerbeflaggung am Bundestag, Staatssymbolik statt Zirkuszelt.Weil es, so beurteilen es viele aus der Community, eben doch einen gewaltigen Unterschied macht, wie öffentlich über queeres Leben in Deutschland gesprochen wird. Weil es sich in den Herzen der Menschen festsetzt, wenn ein gar nicht mal so kleiner Teil der Gesellschaft im Land verhöhnt oder ignoriert wird. Und weil es, besonders bei Extremisten, ob nun Islamisten oder Rechtsradikale, eine kleine Genugtuung erzeugt, zu spüren, wie sich die politische Stimmung gegen ebenjene wendet, die sie verachten.Noch so eine Chronik des Scheiterns, die jetzt in der Szene herumgeht. Anfang Juli 2026 beklagt Sophie Koch, die Beauftragte der Bundesregierung für die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt, mehr Angriffe auf queere Personen. Mai 2026, das BKA meldet einen Anstieg queerfeindlicher Straftaten. April 2026, das Familienministerium streicht „Queerpolitik“ aus dem Titel von Referat 215. Und bis zum Jahresende wird das queere Jugendnetzwerk Lambda, auch das eine Entscheidung von Familienministerin Karin Prien, nach 36 Jahren seine komplette Förderung verlieren.Vor einer Woche in FrankfurtÜber all diese Entwicklungen wurde am Wochenende vor dem Anschlag noch beim Christopher Street Day in Frankfurt diskutiert. Und doch funktionierte es, die Leute erhielten sich wie durch ein Wunder ihre Ausgelassenheit, die Freude, die Sorglosigkeit. Noch kannte keiner den Namen Abdul Ballout. Noch ließ sich auf einen friedlichen Juli 2026 für Homosexuelle in Deutschland hoffen.Irgendwann begann es in Sturzbächen zu regnen. Die Leute stellten sich unter Hausvorsprüngen und in Unterführungen unter und wischten sich die feuchte Glitzerschminke aus dem Haar und Gesicht. Die Straßen leerten sich, es wurde dunkel. Da liefen zwei junge Männer unbeirrt einen Weg entlang, raus aus dem Zentrum in Richtung Osten. Wenn man sie fragte, zu welcher Party sie unterwegs waren, antworteten sie: Es reiche für den Tag, sie freuten sich auf Ruhe und Schlaf. Sie hielten sich an den Händen.Man konnte ihnen nachsehen, wie sie da im Regen entlangspazierten. Es war ein friedvoller, ein fast rührender Anblick. Ihre Erscheinung steht jetzt wie ein Trugbild neben den Bildern vom Tatort im Berliner Tiergarten. Man kann eigentlich nur hoffen, dass es nicht verblasst.
Attentat auf CSD: So reagiert die queere Szene
Eine Tote, 29 Verletzte. Nach dem Angriff im Tiergarten spricht in der queeren Community niemand von einem Einzelfall. Die Szene trauert – und rechnet mit einer Politik ab, die Schutzräume streicht und Regenbogenflaggen als Provokation abtut.










