Immer mit der Ruhe! Mario Götze, der vor wenigen Wochen seinen 34. Geburtstag gefeiert hat, sieht aus eigenem Erleben keinen Anlass, Entwicklungen im Fußball vorschnell zu bewerten. Nur weil ein neuer Mann das Kommando übernimmt, dem ein guter Ruf vorauseilt, wird sich der Erfolg nicht im Handumdrehen einstellen, ist sich der Mittelfeldspieler sicher. „Man muss die Erwartungen zurückdrehen“, lautet Götzes Empfehlung, „Zeit geben und bei den Basics anfangen.“ Dann lasse sich eine „positive Stimmung“ erzeugen und das „Ruder rumreißen“.Obwohl sein Statement auf die Berufung seines frühen Karriereförderers Jürgen Klopp zum Bundestrainer und die Nationalmannschaft gemünzt war, klangen in den Abwägungen des Profis, dem in seiner Karriere von übertriebener Überhöhung bis zu unhaltbarer Deklassierung nahezu alles widerfahren ist, Aspekte an, die auch auf seinen Arbeitsplatz in Frankfurt bezogen werden können.Die Eintracht will mit einem neuen Chefcoach ebenfalls zurück zur Dominanz früherer Tage und fortan wieder für einen offensiveren Stil stehen, der sich durch „Energie und Enthusiasmus“ auszeichnet, wie es Götze am Sportplatz in Grassau schilderte. Dass Adi Hütter als Nachfolger des irrlichternden Albert Riera für ein Comeback gewonnen wurde, ist aus Sicht Götzes die richtige, weil gewinnversprechende Entscheidung.Riera tritt nach seinem Aus nachEr habe aus den bisherigen Gesprächen mit dem Österreicher und durch dessen Auftreten in den Übungseinheiten, die bis Ende dieser Woche im Trainingslager am Chiemsee stattfinden werden, einen „sehr positiven Eindruck“ gewonnen: „Er ist der Mann, der gebraucht wird.“ Und wenn der neue Boss das Gleiche demnächst bei der Zusammenstellung der Startelf auch über ihn sagen würde, hätte der zweifache Familienvater gewiss nichts dagegen.Absehbar erscheint, dass alsbald mit dem Brasilianer Otávio ein weiterer Innenverteidiger zu Götzes Kollegenkreis gehört. Nach F.A.Z.-Informationen steht die Eintracht mit dem 1,93 Meter großen Spieler, der noch in Diensten des portugiesischen Vereins CF Estrela Amadora auch schon als Linksverteidiger auflief, vor einem Vertragsabschluss. Der 20-Jährige soll fünf Millionen Euro Ablöse kosten.Die vergangene Runde war eine, die weder Götzes Ansprüchen noch denen der Eintracht gerecht wurde. 21 Einsätze in der Liga standen für ihn zu Buche, 13-mal wurde er eingewechselt; er erzielte weder einen Treffer, noch glückte ihm eine Torvorlage. Von Riera, der kein Gespür dafür besaß, wie er das Team führen muss, wurde er anfangs gelobhudelt, später dann ignoriert. Der Spanier trat nach seiner Entlassung explizit gegen Götze nach, ohne den Namen des deutschen Glücksbringers im Weltmeisterschaftsfinale 2014 mit einer Silbe zu erwähnen: „Man ist kein Anführer wegen eines großen Namens oder weil man mal ein Tor bei einer WM geschossen hat.“Ein Puzzlestück im GesamtkonzeptDer so Gescholtene, der seinen Blick längst über die Fußballszene hinaus geweitet hat und Teile seiner Verdienste in Start-up-Unternehmen angelegt hat, ist zu clever, um sich öffentlich über solche Nebengeräusche zu echauffieren. Er weiß selbst am besten, dass er höherklassiger performen kann, als es ihm unlängst gelang.„Mit der Art und Weise, wie wir gespielt haben, konnte keiner zufrieden sein“, sagte Götze in Anbetracht des frühen Scheiterns im Pokal, des ernüchternden Ausscheidens aus der Champions League, der Entlassung von Dino Toppmöller und des Rundenabschlusses als Tabellenachter. Er sieht sich auch zu Beginn seiner „geschätzt 25. Saisonvorbereitung“ als Puzzlestück im Gesamtkonzept der Eintracht. Seinen Vertrag verlängerte er im April bis Mitte 2028 – wie es intern heißt – zu deutlich reduzierten Bezügen.Götze wähnt sich und seine junge Familie in Frankfurt formidabel aufgehoben, sie schätzen die urbanen Möglichkeiten der City, sind bei Spaziergängen im Palmengarten anzutreffen, aber auch froh darüber, dass sie in freien Minuten dank des Flughafens unproblematisch in die Ferne jetten können. Die Eintracht-Granden sind sich bewusst, dass es dem Ballversteher an Speed und juveniler Leichtigkeit früherer Tage fehlt, er sich nicht mehr ohne Weiteres durchs Mittelfeld schlängeln kann; doch sie sind überzeugt, in ihm (zumal in einer Phase des Umbruchs, wie sie nun abermals zu bewältigen ist) eine besonnene und einfallsreiche Führungsfigur zu haben, an der sich die Jungen auf und neben dem Platz orientieren können.Zugnummer in New YorkAls die Bundesliga kürzlich das WM-Scheinwerferlicht in den Vereinigten Staaten nutzte, um mit einem House of Soccer in New York vor amerikanischen Soccer-Freunden Werbung zu betreiben, war auch die Eintracht mit einer Delegation zu Gast. Das Interesse des Publikums zog dabei weniger Vorstandssprecher Axel Hellmann oder der für die sportfachlichen Themen zuständige Markus Krösche auf sich, sondern Götze, der von Autogrammjägern umlagert wurde.Dass ihm die Klub-Spitze eines nicht mehr allzu fernen Tages das Angebot unterbreiten wird, ihn (sobald er die Stollenschuhe an den Nagel gehängt hat) in exponierter Botschafterrolle als Türöffner einzubinden, ist ausgemacht. Auch in Grassau rufen die Zuschauer beim öffentlichen Training Götzes Namen am lautesten, wenn er vom Rasen in die Umkleide marschiert – und er en passant noch Selfie-Wünsche erfüllt.„Sehr positiv“ sei die Stimmung allenthalben, fasste Götze die Impressionen zusammen, auch wenn es selbstredend nach zehn Tagen „ein bisschen früh“ sei, Prognosen abzugeben, was das alles demnächst unter Ernstfallbedingungen zu bedeuten hat. Dass das Team nach Abgängen von Nathaniel Brown, Rasmus Kristensen oder Aurèle Amenda noch Lücken aufweist, erst zwei Zugänge vor Ort sind, von denen Noël Aséko wegen Kniebeschwerden kürzertreten muss, irritiert ihn nicht spürbar. „Das Transferfenster ist ja bis Ende August offen“, sagte Götze.Er wisse aus vier Jahren in Frankfurt, dass das bedachtsame Teambuilding der Eintracht ein normaler Prozess ist, der – das letzte Jahr ausgenommen – stets von Erfolg gekrönt war. Götze sagte, dass er „froh ist, dass es noch ein paar Wochen dauert, bis es losgeht“. Schließlich hat der Neustart gerade begonnen. Zuversicht ist da, Sicherheit in den Abläufen aber längst noch nicht. Und gute Absichten, das weiß kaum einer im Kader besser als Götze, sind nie mehr als ein Anfang.
Eintracht Frankfurt: Götze setzt auf den Hütter-Effekt
Mario Götze glaubt an den Kurs der Eintracht. Die Frankfurter Führungsfigur wirbt nach der enttäuschenden Vorsaison aber um Geduld. Der brasilianische Verteidiger Otávio könnte sein neuer Teamkollege werden.







