Waldbrände in Europa: Neue Löschflugzeuge sind kaum verfügbarWährend Wälder von Spanien bis Norddeutschland in Flammen stehen, existiert das neue Löschflugzeug DHC‑515 Canadair faktisch nur auf dem Papier. Die EU hat zwölf Maschinen bestellt, doch der Hersteller kann weder einen Liefertermin nennen noch die künftige Jahresproduktion beziffern.Jürgen Schelling27.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenZur Bekämpfung der Waldbrände in der südfranzösischen Region Var kommen Löschflugzeuge des Typs Canadair 415 zum Einsatz. Ein Nachfolger des über zehn Jahre alten Typs ist noch im Bau.Durand Thibaut / ImagoDie Schreckensmeldungen aus ganz Europa überschlagen sich: In Spanien ruft die Regierung für Regionen den nationalen Notstand aus, in Frankreich brennt der Wald nicht nur am Mittelmeer, sondern auch nahe der Hauptstadt Paris und bei Bordeaux. In Norddeutschland war ein Feuer im Müritz-Nationalpark nur schwer zu bekämpfen, weil dort verborgene Munition im Boden detonierte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die oft einzige Hilfe bei diesen verheerenden Bränden zur Unterstützung der Bodentruppen sind Löschflugzeuge. Diese sind aber entweder nur schwierig oder momentan überhaupt nicht neu zu bekommen. Schon vor Jahren hatte etwa der französische Staatspräsident Emmanuel Macron angesichts der Waldbrandmeldungen aus ganz Europa mehr Löschflugzeuge für die Europäische Union gefordert.2024 hat die EU zusammen mit sechs europäischen Ländern diesen Vorschlag umgesetzt: Insgesamt zwölf Löschflugboote des neuen Typs DHC-515 Canadair wurden beim Hersteller De Havilland Aircraft Canada / Viking Air bestellt, dazu kommen fünf weitere Maschinen, die Griechenland auf eigene Kosten orderte.Doch dieses neue Flugzeug gibt es momentan nur auf dem Papier. Das Lieferdatum steht noch immer nicht fest. Bis jetzt fliegt nur ein Prototyp, und auch der ist kein wirklich neues Flugzeug, sondern eine umgerüstete Maschine vom bisherigen Typ 415. Die geplante 515-Version wird wohl nicht vor 2028 zugelassen und ausgeliefert, auch wenn erste Segmente der Maschine bereits im Bau sind.Wie viele Flugzeuge pro Jahr hergestellt werden, weiss derzeit niemand. Denn neben 22 Festbestellungen durch europäische Kunden haben auch viele weitere Länder oder Unternehmen weltweit die Canadair 515 bestellt – alle in der Hoffnung, weniger als fünf bis acht Jahre bis zur Auslieferung warten zu müssen.Seit 2016 gibt es keine neuen LöschflugzeugeDie zur kanadischen Viking Air gehörende De Havilland Aircraft of Canada hatte seit der Übernahme des Programms 2016 von Bombardier keine neuen Flugzeuge des Typs Canadair 415 mehr gebaut. Aber bereits heute kann im Notfall jedes EU-Land den Katastrophenschutzmechanismus zur Bekämpfung von Waldbränden aktivieren. Bis zu vier Flugzeuge samt Crew werden dann von Südeuropa oder Schweden aus zeitweise an den neuen Einsatzort abkommandiert. Dieser Mechanismus wurde vor zwanzig Jahren eingerichtet.Die Canadair 415 nimmt auf der Seine Wasser für die Löscharbeiten in Fontainebleau bei Paris auf.Jeremy Melloul / ImagoBrüssel koordiniert die Einsätze und trägt drei Viertel der Transport- und Betriebskosten. So flogen etwa bei den Waldbränden im August 2022 in der Sächsischen Schweiz in Deutschland italienische Löschflugboote im Rahmen dieser EU-Kooperation.Ein zentrales Problem wird nun offensichtlich: Es gibt in der westlichen Welt lediglich einen einzigen Anbieter von grossen Löschflugbooten. Das waren bisher die Maschinen vom Typ Canadair 415 des Herstellers Bombardier. Seit 2016 gehören diese Spezialflugzeuge zu Viking Air, heute zu De Havilland Aircraft of Canada.Die neue DHC-515 soll wie früher in der Stadt Calgary in der kanadischen Provinz Alberta gebaut werden und effektiver löschen können als der gegenwärtige Vorgänger. Denn nur dieses Flugboot wurde mit dem einzigen Zweck der Brandbekämpfung aus der Luft konstruiert.Es gibt zwar derzeit einige zum Löschflugzeug umfunktionierte Flugzeugtypen, diese sind aber immer von einem Flugplatz mit asphaltierter Piste abhängig. Das sind in Frankreich etwa umgerüstete zweimotorige Dash-8-Q400-Turbopropflugzeuge mit einem Löschtank im Rumpf. Aber auch umgebaute einmotorige Agrarflugzeuge wie etwa ältere polnische PZL M-18 Dromader mit 2000 Litern Löschwasser an Bord werden zum Löschen eingesetzt. Eine Maschine dieses Typs ist seit den verheerenden Waldbränden im deutschen Harz dort in der Region in den Sommermonaten fest stationiert.Ein amerikanischer Flugzeughersteller baut die Air Tractor AT-802 Fire Boss, ein Flugzeug mit einer Propellerturbine, als Löschflugzeug in zwei Versionen. Entweder hat die Maschine dann ein normales Radfahrwerk oder sogenannte Amphibien-Schwimmer, die es ermöglichen, sowohl vom Wasser als auch vom Land zu starten und zu landen. Die AT-802 hat aber mit einer Löschmittelmenge von 3000 Litern Wasser nur etwa die Hälfte des Fassungsvermögens einer Canadair 415, benötigt also mehr Einsätze, um die gleiche Menge an Wasser über einem Waldbrand abzuwerfen.Ein Air Tractor AT-802F «Fire Boss» kam im Sommer 2022 bereits in Portugal zum Löscheinsatz.Octavio Passos / GettyDer Engpass fehlender Maschinen wird immer deutlicherDie Problematik der fehlenden Löschflugzeuge wurde viele Jahre vernachlässigt, jetzt nimmt die Diskussion um Alternativen aber angesichts etlicher gleichzeitig auftretender Waldbrände in ganz Europa deutlich Fahrt auf. So hat etwa Airbus für seinen Militärtransporter A400M mit vier Turboprop-Triebwerken eigens einen mobilen Löschtank entwickelt, der aus dem Transporter ein temporäres Löschflugzeug macht.Doch das kostet Zeit. Airbus hat zwar bereits im Sommer 2025 Versuche absolviert, aber das ganze System muss für die Verwendung im A400M speziell zertifiziert werden. Zudem benötigen die Crews für derartige neue Löscheinsätze eine Schulung. Französische und spanische Militäreinheiten wollen im August erste echte Einsätze umgerüsteter A400M über den Waldbränden erlauben.Der Airbus A400M wird für die Feuerbekämpfung noch getestet.AirbusDerzeit schiessen auch Aviatik-Startups fast wie Pilze aus dem Boden, die neue Löschflugzeuge entwickeln und auf den Markt bringen wollen. Was viele dabei nicht berücksichtigen: Bis ein derartiges Flugzeug entwickelt, erprobt und vor allem zugelassen wäre, gehen rund acht Jahre ins Land. Etwa eine Milliarde Euro an Entwicklungs- und Zulassungskosten sind dabei zudem schnell verbrannt, und das ohne Gewissheit, ob das Flugzeug eines Tages auch eine Chance auf dem Markt hat.Auch auf die Zulassung der Canadair 515 warten die Rettungstrupps weiterhin. Die Maschine ist eine Evolution der bewährten 415 und soll mit den gleichen Turbinen fliegen, aber 7000 Liter Löschmittel und damit rund 15 Prozent mehr als eine 415 aufnehmen können. Bis zur Auslieferung bleibt vor allem die mindestens zehn Jahre alte Vorgängermaschine im Dauerbetrieb.Passend zum Artikel
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