Normalos finden, ADHSler übertreiben mit ihrer Diagnose. Dabei sollten sie Betroffene bei der Suche nach Selbstakzeptanz unterstützen. Und zuhören.

Die Obsession mit ihrer ADHS-Diagnose heißt für die allermeisten Leute: ein schäumendes Bad in duftender Selbstakzeptanz zu nehmen

Jochen Tack/imago

I ch verliebe mich leicht. In guten Zeiten täglich mehrmals. Immer wieder neu in die leuchtend orangefarbene Lichterbällchenkette, die seit einem knappen Jahr in meinem Wohnzimmer baumelt. In die Radiostimme, die mich neulich aus dem offenen Fenster eines parkenden Autos so vertraut angebrummt hat. In den Geruch meines Waschmittels. Ins Meer.

Vor ein paar Jahren habe ich mich in meine ADHS-Diagnose verliebt. Fast dreißig Jahre nach meiner ersten, nie beachteten, längst vergessenen. Sie hat Gefühle in mir ausgelöst: Erleichterung. Trauer. Trost. Frieden. Sie war der kleine kostbare Schlüssel in das verwunschene Turmzimmer, von dessen Fenster aus ich endlich den Blick über das ganze Land hatte.