Die Fußballstadt Wiesbaden ist erst auf den zweiten Blick eine. Lange ist es her, dass Helmut Schön aus der Landeshauptstadt die deutsche Nationalmannschaft zum Weltmeister machte. Nicht so lange soll es hin sein, dass Jürgen Klopp sie zumindest in die Nähe eines Weltmeistertitels bringt. Klopp sagte am Freitag, er werde sich oft am DFB-Campus in Frankfurt blicken lassen, denn er wohne ja in der Nähe, im schönen Wiesbadener Stadtteil Sonnenberg.Das war eines der Highlights in der jüngeren Wiesbadener Fußballgeschichte. Ein weiteres: In der ersten Pokalrunde im vergangenen Jahr warf der Drittligaklub aus der Stadt fast den großen FC Bayern aus dem Wettbewerb. Die Münchner siegten erst spät, was für den SV Wehen immerhin ein Gutes hatte: Die Bayern sagten einen Besuch im Sommer darauf zu, für ein Testspiel.Das passte den Wiesbadenern bestens, schließlich wird ihr Verein in diesem Jahr 100 Jahre alt. Gegründet im Taunus-Örtchen Wehen, ist es mittlerweile fast zwei Jahrzehnte her, dass der Klub nach seinem ersten Aufstieg in die zweite Liga nach Wiesbaden zog, um dort ein größeres Stadion zu beziehen. Jahrelang hatten die Wehener in der Regionalliga Süd die Konkurrenz auf einem windigen Hügel namens Halberg empfangen.Damals schon öfter zu Besuch: der Trainer von Mainz 05, ein gewisser Jürgen Klopp. Er fand dort etwa den späteren Dortmunder Meisterspieler Toni Da Silva, der die Wehener in die zweite Liga schoss. Das ist ähnlich lange her wie die Besuche von Gerd Müller im Taunus, der sich als Trainer der zweiten Münchner Mannschaft vom hessischen Publikum feiern ließ.Heute trainieren hier Profis und Nachwuchs: der Halberg in Taunusstein.Michael BraunschädelIn der Zeit nach Klopp, Müller und dem Halberg spielte der SV Wehen in einem größeren Stadion in Wiesbaden. Im Vergleich zu denen der Nachbarn aus Mainz, Frankfurt oder Darmstadt ist es immer noch kleiner. Etwa dort sind die Wiesbadener sportlich zu verorten, auch wenn sie durch den Taunussteiner Wasserfilterhersteller Brita finanziell stark aufgestellt sind. Dieses Jahr, im hundertersten der Vereinsgeschichte, wollen sie in die zweite Liga zurückkehren.Das könnte gelingen, weil ihre Mannschaft gut gemischt scheint. In der Abwehr ist sie erfahren, vorne hat sie ein paar interessante Talente. Etwa den Dribbler Ibrahim Ati Allah aus der eigenen Jugend, der das 1:0 im Testspiel gegen die Bayern schoss (10. Minute).Die erste Halbzeit war in diesem Sinne eine schöne Reminiszenz an frühere Zeiten, als die Wehener Spieler in Rot den Münchner Spielern in Weiß die Stirn boten (denen aus der Reservemannschaft, versteht sich). Aus den kleinen, verwitterten Reklameschildern auf dem Halberg sind heute bunte Videotafeln geworden, auf denen große Versicherungen oder bayrische Klubmedien für sich werben.Wechselte ein paar bekannte Spieler ein: Bayern-Trainer Kompany.dpaTrainer Vincent Kompany, der die Bayern noch vor ein paar Monaten ins Halbfinale der Champions League geführt hatte, wechselte in der Halbzeit Spieler ein, die nicht nur Anhängern der Bayern-Reserve bekannt sind. Nationalspieler Tom Bischof traf prompt per Elfmeter zum 1:1 (57. Minute). Sieben Minuten vor Schluss ließ FCB-Torhüter Sven Ulreich einen Ball vor die Füße von Lukas Schleimer fallen, der Wehener Stürmer schoss das 2:1. Auf der Tribüne kommentierten erfahrene Fußballzuschauer die Wiesbadener Konter mit den passenden Rufen („auf, zieh, schieß endlich“). Da war er doch wieder, der alte Halberg.Und auch der SV Wehen Wiesbaden der Gegenwart. 12.000 Zuschauer waren gekommen, davon viele Bayern-Fans aus der Region. Das sind etwa 2000 mehr, als zeitgleich beim Spiel zwischen den Offenbacher Kickers und Bayer Leverkusen zuschauten. Und einige mehr, als sonst in der dritten Liga vor Ort sind. „Unser kleines Problemchen“ nannte Torhüter Florian Stritzel die Zuschauerzahlen. Er habe noch nie ein Testspiel vor so vielen Menschen gesehen, sagte Trainer Scherning. Das sei außergewöhnlich, „vor allem hier in Wiesbaden“.Zum Geburtstag sind das gute Nachrichten für einen Klub, der versucht, aus einer Kulturstadt eine Fußballstadt zu machen, zumindest zeitweise, samstags mittags. Schlechte Voraussetzungen hat er nicht: An wenigen Orten im deutschen Profifußball kann man so ungestört das Spiel verfolgen und sich als Zuschauer im Glauben wähnen, das Geschehen zumindest etwas beeinflussen zu können. Zum nächsten Mal wieder samstags, Anfang August um 14:00 Uhr, gegen Preußen Münster.