Wer in der Politik, gar in der CSU, könnte es nicht als Majestätsbeleidigung oder pietätlos missverstehen, wenn man mit ihr oder ihm über den allmählich zu planenden eigenen Nachruf reden wollte? Wer verfügte über genügend innere Freiheit und ausreichend Todesmut, um vielleicht sogar Vergnügen daran zu finden? Wahrscheinlich gäbe es ein paar. Aber sicher keinen wie Erwin Huber. Er war Generalsekretär, bayerischer Finanzminister, Wirtschaftsminister, Staatskanzleichef, CSU-Vorsitzender, er erhielt den Bayerischen Verdienst- und den Bayerischen Bierorden – aber was heißt das schon?Wir treffen uns im Zentrum von München, im Café bei den Kammerspielen, wohin sich sonst kaum ein CSU-Mann verirrt. Huber kommt von der 75-Jahr-Feier der Förderbank LfA. Jetzt also soll es um sein Leben und seinen irgendwann ja unvermeidlichen Tod gehen. Warum macht er das mit? Sein spätes Philosophiestudium, abgeschlossen 2022, habe ihn gelehrt, dass der Mensch „ein kontingentes Wesen“ sei: „möglich, aber nicht notwendig“. Das sei der eine positive Zugang zur eigenen Vergänglichkeit.Der andere, dass er Christ, Katholik sei. Als solcher habe er „an dieser Grenze“, also der zum Tod, „nicht die großen Probleme“. Er, Jahrgang 1946, habe schon 1954 angefangen zu ministrieren – auch auf vielen Beerdigungen. Ihn störte, dass dabei oft eine Grabesstimmung geherrscht habe, so, als gehe bloß etwas zu Ende. Dabei beginne doch das ewige Leben. Auf seiner Beerdigung sollen die Leute dereinst „Großer Gott, wir loben dich“ singen. Und die Bayernhymne.Es sei ratsam, sich auf den Tod einzustellenManche, auch manche Journalisten, empfinden es als makaber, als Menetekel gar, wenn Nachrufe auf Politiker schon zu deren Lebzeiten verfasst werden. Huber nicht. „Der Journalist hat ja keinen Anteil an dem Prozess“ – dem des Sterbens, meint Huber. „Er ist ja nur Beobachter.“ Im Übrigen sei es generell ratsam, sich auf den Tod einzustellen. Wenn das in Redaktionen gemacht werde, sei das sogar guter Journalismus. Zwischen Todesmeldung und Nachruf bleibe ja üblicherweise wenig Zeit. Da etwas mit heißer Nadel zu stricken, werde dem jeweils Verstorbenen nicht gerecht.Huber macht äußerlich einen guten Eindruck. Aber man sieht ja nicht hinein in die Menschen. Daher direkt die Frage: Wäre es ratsam, schon einmal einen Huber-Nachruf zu verfassen? Aus seiner Sicht: unbedingt. Jetzt seien die Eindrücke von ihm noch recht frisch. Zugleich sei sein politisches Leben ja „mehr oder weniger abgeschlossen“, da bestehe selbst im Fall eines späten Ablebens kaum Aktualisierungsbedarf. Er lässt durchblicken, dass er sich einen Nachrufer wünscht, der ihn gut kennt. Er verlange bei dieser Gelegenheit „Herzblut“. Jemanden „nur kalt und professionell in die Erde versenken“, sei nicht katholisch. Er nehme auch Kritik an Schwächen, Sünden, Lücken in Kauf, erwarte sie sogar. Sie gehörten zu einem Leben dazu.Waigel würde er einen längeren Nachruf spendieren als StoiberWir sprechen darüber, dass sich die mutmaßliche Bedeutung eines Politikers in der Länge und der Platzierung des Nachrufs widerspiegele. Kohl: mehrere Zeitungsseiten. Strauß: zumindest eine Seite drei in der gedruckten Ausgabe. Seehofer: vielleicht mal eine halbe. Und Huber? Womöglich könnten es nur vierzig Zeilen auf der Vier werden. Huber macht nicht den Eindruck, als würde ihn das grämen: „Ein Einspalter reicht!“ Wem er einen längeren Nachruf spendieren würde, Theo Waigel oder Edmund Stoiber? Ihn wundert die Frage. Natürlich dem Theo Waigel! Der habe ja „als Vater des Euro Europa mitgeprägt“ und „sogar in der Weltpolitik eine Rolle gespielt“.„Möglich, aber nicht notwendig“ – und dennoch bestens drauf: Huber muss im Münchner Café bei den Kammerspielen nicht befürchten, beim Planen seines Nachrufs auf andere CSU-Größen zu stoßen.Timo FraschEinwand: Waigel hat es nie geschafft, Ministerpräsident zu werden. Huber erwidert: „Da stimmt Ihre Ordnung irgendwie nicht.“ Im Übrigen sei Waigel daran selber schuld gewesen. Der frühere Bundesfinanzminister, der „immer die Hochnäsigkeit hatte, auf die Landespolitik herabzuschauen“ – das würde er auch in seiner Anwesenheit sagen –, habe sich schlicht nicht entscheiden können. Er, Huber, habe Waigel seinerzeit im Wirtshaus „Franziskaner“ gesagt, das gehe nicht mehr lang mit dem Max Streibl, der noch Ministerpräsident war, er müsse sich mit ihm zusammensetzen, einen Plan machen, in die Landtagsfraktion gehen. Das habe Waigel versäumt. Deswegen habe Stoiber das Rennen gemacht. Trotzdem: „Waigel dreiviertel Seite drei, Stoiber Fünfspalter auf der Sechs.“Er habe nie mit seiner kargen Kindheit kokettiertWir zeigen Huber den Text, der zu seinem 70. Geburtstag in der F.A.Z. erschienen ist: so um die vierzig Zeilen, Seite vier. Huber liest und sagt: „Gute Arbeit!“ Im Text ist von seiner „kargen Kindheit auf einem Bauernhof in Niederbayern“ die Rede. Manche Politiker benutzen ihre Herkunft aus kleinen Verhältnissen, um die Steilheit ihres Aufstiegs umso deutlicher zu akzentuieren. „Ich habe nie kokettiert damit“, sagt Huber. Trotzdem: „Es ist ja ein Teil der Wahrheit.“ Und es sei für ihn tatsächlich Ansporn gewesen zu zeigen, „dass man auch durch eigene Leistung nach vorne kommen kann“.In dem Artikel wird auch ein Satz zitiert, der Huber lange wie ein Mühlstein um den Hals hing: Wer einen Teich trockenlegen wolle, dürfe die Frösche nicht fragen. Huber sagt: „Auch der ist Teil der Wahrheit.“ Der Satz sei zwar nicht von ihm, er habe ihn aber so gut gefunden, „dass ich ihn im Zusammenhang mit der Verwaltungsreform des Öfteren gesagt habe, auch um Einwände wegzuwischen“. Mittlerweile würde er das nicht mehr tun, „in der heutigen Zeit der Partizipation ist er überholt“. Überhaupt sei Stoibers Verwaltungsreform von ihm, Huber, in einer Radikalität umgesetzt worden, „die eigentlich nicht mein Wesen ist“.Auf die „Aufsteigerregion Niederbayern“ ist Huber stolzEs gibt einen Satz, einen Slogan vielmehr, der nicht in dem Geburtstagsartikel vorkommt, auf den Huber bis heute stolzer ist als auf jedes Förderprogramm und jede Reform: „Aufsteigerregion Niederbayern“. Er sagt: „Wofür in Frankfurt oder Berlin vielleicht der Blick etwas fehlt: Ich habe dem benachteiligten Niederbayern, wie ich glaube, Selbstbewusstsein gegeben.“ Das sei ihm mit der Formel, die er selbst erfunden habe, gelungen. „Wenn man so will, halte ich das für das wichtigste politische Werk meines Lebens.“Wenn es um seine mutmaßlich größte Fehlleistung geht, wird im politischen München gerne kolportiert, es sei Huber gewesen, der es in seiner kurzen Zeit als CSU-Chef zugelassen habe, dass die Freien Wähler in den Landtag einzogen – und nun bekomme man sie nicht mehr hinaus. Huber sagt: „Das würde ich als unzulässige Schuldzuweisung ansehen.“ Bei der Wahl im Jahr 2008 hatte die CSU die absolute Mehrheit verloren. Zeitlich falle die auch von ihm zu verantwortende Niederlage mit dem Bedeutungszuwachs der Freien Wähler zusammen, aber nicht ursächlich. „Ich glaube, das Verhalten Stoibers ab 2005 hat die Freien Wähler groß gemacht.“Wertschätzende Worte für StoiberHuber findet für Stoiber durchaus wertschätzende Worte. Der sei „nie aufgesetzt“ gewesen, sondern „ein Überzeugungstäter“, dem es die Leute hoch angerechnet hätten, dass er auch im Bierzelt „mit all seinen Fasern“ für Bayern gerackert und gekämpft habe, „ständig im Fortissimo“. Und doch: Durch seine Entscheidung, nicht nach Berlin zu gehen (und das daraus folgende „Siechtum“), sei die CSU vor der Landtagswahl 2008 in einem „sehr aufgeschürften, verwundeten Zustand“ gewesen.Gleichwohl laste er, Huber, sich selbst an, das Amt des CSU-Vorsitzenden „kleiner gemacht“ zu haben, weil er unter Ministerpräsident Günther Beckstein im bayerischen Kabinett blieb. Huber hätte die Chance gehabt, nach Berlin zu gehen, als Kanzleramtsminister unter Merkel. Er hätte dafür einen anderen CSU-Bundesminister aus dem Weg räumen müssen. Horst Seehofer oder Michael Glos. Jedoch: „Da fehlte mir die Brutalität, die man auf dieser politischen Ebene braucht.“Er sagt das nicht in dem Sinne, dass er einer der letzten aufrechten Menschen in dem Geschäft sei, im Gegenteil: „Es geht in der Politik um Macht. Und Macht, die nicht ausgeübt wird, die wird nicht wirksam.“ Hinzu komme: Die Bayern wollten „einen Muskelprotz“ an der Spitze. Den habe er nie dargestellt. Schon körperlich. Mit Blick auf seinen nicht allzu stattlichen Wuchs sagt er: „Körpergröße und Körpermasse sind in der Politik von Vorteil: Wenn ein Kohl in ein Bierzelt gekommen ist, das hat Wirkung erzeugt.“ Markus Söder, 1,94 Meter groß, habe ihm gegenüber einst hervorgehoben, dass er, Söder, einen Zentimeter größer sei als sein damaliger Widersacher Seehofer. Als er, Huber, abgewunken habe, habe Söder insistiert: „Das macht was aus!“„Der Narziss braucht den Applaus, jetzt und heute“Wir kommen auf Jens Spahn, wie schnell in der Politik alles vorbei sein könne. Auch auf Söder, der bei der 75-Jahr-Feier der Förderbank eine laut Huber gute Rede gehalten hat, in der er erläuterte, womit er in die Geschichte eingehen wolle. Rettung Bayern LB, Corona-Management, Hightech Agenda. Frage: Warum zielt er dann doch immer auf die nächste Schlagzeile? Huber: „Der Narziss braucht den Applaus, und zwar jetzt und heute, nicht in 20 Jahren.“ Er verstehe das sogar. „Was hat denn ein Galilei davon, dass nach fast 500 Jahren noch sein Name genannt wird?“ Auch Politiker, die große Weichensteller gewesen seien, Adenauer, Erhard, seien heute nur noch „schemenhaft“ in Erinnerung. Nein: Man mache Politik nicht für die Nachwelt. An diesem Anspruch müsse jeder scheitern. „Ich glaube, die Befriedigung, die liegt schon in der Gegenwart.“An diesem Sonntag vollendet Erwin Huber sein 80. Lebensjahr. 250 Zeilen scheinen dafür durchaus angemessen.