PfadnavigationHomeSportFußballKahn und Schweinsteiger„Spieler sind offensichtlich extreme körperliche Intensität nicht mehr gewohnt. Wir sind zu brav“Stand: 07:17 UhrLesedauer: 7 MinutenJürgen Klopp ist offiziell als Bundestrainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft vorgestellt worden. „Er ist einfach einer, der es versteht, Menschen mitzureißen, Menschen zu begeistern“, sagt BVB-Stadionsprecher Norbert Dickel.Oliver Kahn und Bastian Schweinsteiger wurden mit Deutschland Europa- und Weltmeister. Hier sprechen die ehemaligen Stars über den neuen Bundestrainer, fehlende Führungsspieler und die Zukunft des deutschen Fußballs.Jürgen Klopp soll die Nationalmannschaft und den Deutschen Fußball-Bund nach dem blamablen WM-Aus wieder auf Kurs bringen. Bastian Schweinsteiger und Oliver Kahn begrüßen die Entscheidung, dass der 59-Jährige neuer Bundestrainer geworden ist. Frage: Herr Schweinsteiger, Sie haben als Schirmherr des Bastian-Schweinsteiger-Cups in diesem Jahr Ihren Ex-Kapitän Oliver Kahn eingeladen, unterstützen damit seine Stiftung. Haben Sie nicht Angst, dass er Ihnen nach dem Golf in der Umkleide wie einst bei den Bayern das Handtuch nach dem Duschen klaut?Bastian Schweinsteiger: Das war damals wirklich lustig. Mit meinem trocknete Olli immer seine Handschuhe nach dem Training. Als junger Spieler habe ich mir nichts zu sagen getraut. Aber solche Erlebnisse schweißen zusammen. Der Cup hat ja eine längere Tradition dank meines Vorgängers Franz Beckenbauer. Und da zählen einfach Werte wie eben Zusammenhalt. Von daher hatte ich mir überlegt, den Olli mal zu fragen, ob er Lust hätte, das dieses Jahr mit mir zu übernehmen.Oliver Kahn: Die Handtuch-Anekdote verfolgt mich ja seit Jahrzehnten, deshalb muss ich dazu endlich einmal was klarstellen. Es war ja so, dass immer zwei Handtücher für uns Spieler auf dem Platz lagen. Und was soll ich sagen: Dem Basti reichte ja auch eins. Über die Einladung zum Cup habe ich mich sehr gefreut, da ich das Turnier ja schon aus den Zeiten von Franz Beckenbauer kenne. Nur mit dem Franz spielen durfte ich nie, was ich bis heute sehr bedaure.Frage: Franz Beckenbauer wurde mit Deutschland als Spieler und als Trainer Weltmeister. Der neue Bundestrainer Jürgen Klopp nannte den Kaiser als ein Vorbild, da es am besten sei, sich „an den erfolgreichsten“ Vorgängern zu orientieren. Kann Klopp nach der dritten enttäuschenden WM in Folge, Deutschland wieder zu alten Erfolgen führen?Lesen Sie auchSchweinsteiger: Mit Vergleichen zu Beckenbauer tun wir Jürgen Klopp keinen Gefallen. Ich bin überzeugt, dass er jetzt genau der richtige Trainer für Deutschland ist. Aber man darf die Erwartungshaltung nicht zu hoch hängen. Unsere Nationalmannschaft wieder dahin zu bekommen, wo sie mal war, nämlich in die Weltspitze, wird enorm viel Arbeit sein. Ich sehe da viel mehr die Spieler in der Pflicht. Sie sind es, die wieder dahinkommen müssen, sich das Trikot für Deutschland zu zerreißen. Ich sage es mal so: Wenn jeder DFB-Spieler so eine Einstellung bei der WM gehabt hätte, wie einst Olli, wäre das nicht passiert.Kahn: Die deutsche Mannschaft hat bei den letzten drei Weltmeisterschaften mit unterschiedlichen Trainern nicht funktioniert. Ich glaube daher nicht, dass ein Trainerwechsel der alleinig ausschlaggebende Faktor ist. Die Probleme des deutschen Fußballs liegen tiefer. Nur ein Beispiel: Ich kann mich nicht erinnern, dass eine deutsche Nationalmannschaft jemals zuvor bei einem Elfmeterschießen Spieler suchen musste. Es fehlten auf dem Platz Spieler, die Verantwortung übernehmen wollen. Die primäre Frage sollte also lauten: Welche Spielertypen wollen wir in den nächsten Jahren ausbilden?Frage: Hat Deutschland ein Führungsspieler-Problem?Schweinsteiger: Auch ich habe bei der WM deutsche Führungsspieler vermisst. Ich sehe da Kimmich, auch Nmecha zähle ich noch dazu. Danach wird es schon schwierig. Ich finde es bezeichnend, dass die beste Szene von Musiala erst eine Grätsche im Sechzehntelfinale gegen Paraguay war. So etwas habe ich lange vermisst. Zuvor war es so, dass Musiala in einem Spiel zwölfmal gefoult wurde und zwölfmal nahm er danach den Handschlag seines Gegenspielers an. Olli, ich frag dich: Hättest du deinem Gegner die Hand gegeben, nachdem er dich zum vierten Mal gefoult hat?Kahn: Die Frage hast du jetzt aber nicht ernst gemeint, oder? (lacht) Das geht ja schon bei den Bundesliga-Klubs los. Wenn ich mir die deutschen Klubs anschaue, frage ich mich: Welche deutschen Spieler tragen dort eigentlich dauerhaft Verantwortung auf dem Platz.Schweinsteiger: Ob bei Bayern oder in der Nationalmannschaft wusste ich immer, wer meine Führungsspieler sind. Wenn du echte Führungsspieler hast, dann scheidest du nicht zweimal bei einer WM in der Gruppenphase und noch mal im Sechzehntelfinale aus.Lesen Sie auchFrage: Die fehlende Körperlichkeit im Spiel war ebenfalls ein Diskussionsthema bei der WM um die deutsche Nationalmannschaft.Schweinsteiger: Man kann über die Spielart der Argentinier denken, was man will. Aber diese Mentalität liegt mir näher, als das, was die deutsche Mannschaft bei der WM gezeigt hat. Die Argentinier haben sich nichts gefallen lassen. So wie wir früher auch nicht. Du brauchst einfach mehrere Krieger in der Mannschaft. Die haben wir nicht mehr.Kahn: Die Spanier haben im Finale gegen Argentinien voll dagegengehalten und sich gewehrt. Ich erinnere mich, dass Carles Puyol einmal zu mir gesagt hat: „Wenn wir eure Mentalität hätten, die deutsche Mentalität, was wäre dann für Spanien alles möglich.“ Daran haben sie gearbeitet. Heute haben sie ihre Spielweise weiterentwickelt und die nötige Mentalität aufgebaut.Schweinsteiger: Wenn ich mit Spielern rede wie Zlatan Ibrahimovic, Wayne Rooney oder Paul Pogba, sagen mir alle das Gleiche: „Ihr Deutschen habt genau das verloren, was wir eigentlich immer von euch haben wollten.“Frage: Wie konnte das passieren?Schweinsteiger: Meiner Meinung nach haben wir uns zu sehr nach der Philosophie von Pep Guardiola orientiert, als er von 2013 bis 2016 beim FC Bayern war. Schauen wir doch darauf, was die deutsche Nationalmannschaft in den Jahren danach noch erreicht hat. Nach dem EM-Halbfinale 2016 war das Viertelfinale bei der EM 2021 schon der Höhepunkt. All die Jahre davor waren wir immer mindestens im Halbfinale.Kahn: Unsere Spieler sind offensichtlich extreme körperliche Intensität auf internationalem Niveau nicht mehr gewohnt. Das hat sich gerade gegen Paraguay gezeigt. Da sind wir einfach einen Tick zu brav.Frage: Muss bei den Spielern nun der große Generationen-Schnitt her?Kahn: Es müssen die Besten spielen, egal ob jung oder alt. Was die Mannschaft braucht, ist Konkurrenzkampf. Und zwar auf allen Positionen.Schweinsteiger: Da bin ich absolut der Meinung von Oliver. Es muss alles auf null gesetzt werden. Wer früher einen Stammplatz hatte, darf sich dem nicht mehr sicher sein. Egal, welcher Name: Jeder sollte wieder darum kämpfen müssen, um seinen Platz im Team zu bekommen. Es sollte kein Recht mehr auf einen Stammplatz geben.Frage: Wie sieht es in dieser Hinsicht mit einem Nachfolger für Manuel Neuer als Nr. 1 aus?Kahn: Mir hat das vor der WM nicht gefallen, als Oliver Baumann plötzlich zur Nr. 2 degradiert wurde. Trotzdem müssen sich die Torhüter dem Konkurrenzkampf stellen. Das war bei Jens Lehmann und mir vor der WM 2006 auch nicht anders. Ich sehe aktuell keine klare Nr. 1. Auch im Tor sollte es jetzt nur nach Leistung gehen.Schweinsteiger: Das ist für mich ein Riesenkriterium, ob jemand unter Druck sich zurechtfinden kann. Da bilden sich Führungsspieler heraus, die uns aktuell eben fehlen. Erst dann weißt du: Spieler, die unter Druck zurechtkommen, auf die ist Verlass.Frage: Nach der verpatzten WM freuen sich die Fans nun wieder auf die Bundesliga. Glauben Sie, es könnte diese Saison eine Überraschung geben oder heißt der Meister am Ende erneut wieder FC Bayern?Kahn: Ich wüsste nicht, wieso sich diese Saison etwas ändern sollte. Ich sehe eher, dass das Gegenteil der Fall ist. Die wirtschaftliche und sportliche Übermacht wird eher größer. Bayern hat in seinen Reihen die besten Spieler der Welt. Sie können sich auch erlauben, mögliche Angebote über 150 Mio. Euro für Michael Olise auszuschlagen. Bei solchen Dimensionen wüsste ich keinen Klub in Deutschland, der sie gefährden kann.Schweinsteiger: Klar, wäre es für die Bundesliga super, wenn da ein bisschen mehr Spannung drin wäre. Aber auch ich denke, das ist ein Wunschdenken. Vielmehr sollte daher der Fokus darauf sein, dass unsere Bundesliga-Klubs in der Champions League besser abschneiden. Das würde auch finanziell eine Grundlage schaffen, sich dem FC Bayern wieder mehr anzunähern.Der Artikel wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT , SPORT BILD , BILD) verfasst und zuerst in BILD AM SONNTAG veröffentlicht.
Kahn und Schweinsteiger: „Spieler sind offensichtlich extreme körperliche Intensität nicht mehr gewohnt. Wir sind zu brav“ - WELT
Oliver Kahn und Bastian Schweinsteiger wurden mit Deutschland Europa- und Weltmeister. Hier sprechen die ehemaligen Stars über den neuen Bundestrainer, fehlende Führungsspieler und die Zukunft des deutschen Fußballs.













