Eine Entdeckung von Astronomen wirft die Frage auf: Wann ist ein Mond ein Mond?Im Sonnensystem CD-35 2722 ist nichts so, wie man es kennt. Begriffe wie Planet oder Mond verlieren ihre Bedeutung.26.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenEin Dreifachsystem aus Stern (im Hintergrund), Braunem Zwerg (im Vordergrund) und seinem Satelliten (in der Mitte) gibt Astronomen Rätsel auf. Bei dem Bild handelt es sich um eine Illustration.ESO / M. KornmesserIn unserem Sonnensystem gibt es einen Stern, acht Planeten und über vierhundert Monde. Inzwischen weiss man, dass Planeten kein Alleinstellungsmerkmal unseres Sonnensystems sind; fast jeder Stern in der Milchstrasse scheint welche zu besitzen. Trotz grossen Anstrengungen ist es bis heute aber nicht gelungen, zweifelsfrei einen Mond nachzuweisen, der um einen extrasolaren Planeten kreist.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Im Wissenschaftsmagazin «Nature» präsentieren Astronomen nun überzeugende Hinweise auf einen solchen Exomond. Allerdings zögern die Forscher, das Kind beim Namen zu nennen. Das neu entdeckte Objekt passt nämlich nicht zu den Vorstellungen, die man sich von einem Mond macht. Das wirft die Frage auf: Wann ist ein Mond ein Mond?Dass es in unserer Milchstrasse Exomonde geben sollte, ist unbestritten. Schon vor einigen Jahren entdeckten Astronomen mit dem Alma-Teleskop in Chile einen noch jungen Planeten, der von einer Scheibe aus Staub umgeben war. In solchen zirkumplanetaren Scheiben entstehen Monde.Es gibt auch Kandidaten für Exomonde. 2018 beobachteten Astronomen mit dem Kepler-Teleskop einen Stern, der periodisch von einem vorbeiziehenden Planeten verdunkelt wurde. Aus dem genauen Timing schlossen die Forscher, dass der Planet von einem Mond begleitet wird. Das ist allerdings bis heute umstritten.Ein Brauner Zwerg gerät ins TorkelnDie jüngste Entdeckung gelang mit der gleichen Methode, mit der Didier Queloz und Michel Mayor 1995 den ersten extrasolaren Planeten entdeckt hatten. Die Genfer Astronomen hatten damals einen Stern beobachtet und festgestellt, dass sich dieser periodisch auf den Beobachter zu- und von ihm wegbewegte. Sie erkannten, dass dieses Torkeln von einem Planeten verursacht wurde, der den Stern einmal in die eine und einmal in die andere Richtung zog.Das Very Large Telescope in Chile besteht aus vier Teleskopen mit einem Durchmesser von 8,2 Metern. Der in den Himmel gerichtete Laserstrahl hilft dabei, die Turbulenzen der Atmosphäre auszugleichen.ESO / Serge BrunierDie Gruppe um Kevin Hoy von der Europäischen Südsternwarte hat mit dem Very Large Telescope den gleichen Effekt beobachtet – mit dem Unterschied, dass sie das Teleskop nicht auf einen Stern gerichtet hat, sondern auf den Begleiter eines Sterns. Aus dem Torkeln des Begleiters schliessen die Forscher, dass mindestens ein Exosatellit um ihn kreist.Begleiter? Exosatellit? Die vorsichtige Wortwahl von Hoy und seinen Mitautoren lässt erahnen, dass die Rollen der Himmelskörper nicht so eindeutig verteilt sind wie in unserem Sonnensystem. Im Zentrum, so viel ist klar, steht ein Stern, der etwa halb so massereich wie unsere Sonne ist. Damit hören die Parallelen auf.Der Begleiter hat die 37-fache Masse des Jupiters, des grössten Planeten in unserem Sonnensystem. Damit handelt es sich definitionsgemäss um einen sogenannten Braunen Zwerg. Diese Objekte sind ein Mittelding zwischen Planet und Stern. Manchmal werden sie auch als gescheiterte Sterne bezeichnet, weil ihre Masse nicht ausreicht, eine Kernfusion in ihrem Inneren aufrechtzuerhalten. Meist wandern Braune Zwerge isoliert durch die Milchstrasse. In diesem Fall ist er jedoch Teil eines Sonnensystems.Der mondähnliche Satellit kreist um den Braunen Zwerg, der dadurch in eine Kreisbewegung um den gemeinsamen Schwerpunkt versetzt wird. Bewegt sich der Braune Zwerg auf den Beobachter zu, wird sein Licht blauer, bewegt er sich vom Beobachter weg, verschiebt es sich in die Richtung des roten Bereichs. Der Stern ist links im Hintergrund zu sehen.Die von den Astronomen gemessene Torkelbewegung des Braunen Zwergs deutet darauf hin, dass etwas Massereiches an ihm ziehen muss. Sonst würde man seine Bewegung kaum merken. Tatsächlich haben die Forscher berechnet, dass der Begleiter des Begleiters mindestens die 0,9-fache Masse des Jupiters hat. Das entspricht fast der 300-fachen Masse der Erde. Für einen Mond ist das ziemlich viel. Die Masse ist eher für einen Planeten typisch. Die Forscher vermeiden deshalb den Begriff Exomond und sprechen lieber von einem Exosatelliten mit planetarer Masse.Das Dreifachsystem aus Stern, Begleiter und Satellit sei in jeder Hinsicht ungewöhnlich, sagt der Astrophysiker Peter Wurz von der Universität Bern, der an der Entdeckung nicht beteiligt war. «Die Begriffe Planet und Mond sind aus den Beobachtungen unseres Sonnensystems abgeleitet, wo die Verhältnisse klar sind. In diesem Fall passen die Begriffe nicht.» Für Wurz liegt deshalb auf der Hand, dass man genauer definieren muss, was ein Mond ist.Vergleichbare Situationen habe es bereits früher gegeben, sagt Wurz. Er erinnert an den Pluto, der bis 2006 als Planet galt. Dann aber entdeckten Astronomen im sogenannten Kuiper-Gürtel zahlreiche Objekte, die dem Pluto sehr ähnlich sind. Damit die Zahl der Planeten in unserem Sonnensystem nicht inflationär zunimmt, einigten sich Astronomen darauf, den Begriff Planet anders zu definieren. Mit der Folge, dass der Pluto fortan kein Planet mehr war, sondern nur noch ein Zwergplanet.Wie kann so etwas entstehen?Für den Planetenforscher Christoph Mordasini von der Universität Bern ist die Frage, ob man von einem Satelliten, einem Trabanten oder einem Mond spricht, nicht so wichtig. Er interessiert sich vor allem für die Entstehungsgeschichte des ungewöhnlichen Sonnensystems.Gasplaneten wie der Jupiter entstehen laut der gängigen Theorie in der Scheibe aus Gas und Staub, die junge Sterne umgibt. Staubteilchen in der Scheibe bleiben nach Stössen aneinander kleben, es bilden sich sogenannte Planetesimale, die weitere Materie anziehen. Mit der Zeit bildet sich ein fester Kern, der dann ungeheure Mengen Gas an sich reisst. Ähnlich könnten auch die Monde des Jupiters entstanden sein, nur eine Nummer kleiner. Sie könnten sich aus dem Material gebildet haben, das bei der Entstehung des Jupiters übrig geblieben ist.Mordasini bezweifelt, dass diese Theorie die Entstehung des Braunen Zwergs und des Exomondes erklären kann. Dafür sei der Braune Zwerg zu massereich. Wahrscheinlicher sei es, dass er durch einen plötzlichen Kollaps der Materiescheibe entstanden sei. Das könne passieren, wenn die Scheibe unter dem Einfluss ihrer eigenen Schwerkraft instabil werde.Möglicherweise lässt sich so auch die Entstehung des Exosatelliten erklären. In der Regel entstünden bei einem Kollaps der Scheibe mehrere Gasklumpen, sagt Mordasini. Einer davon könnte zum Braunen Zwerg, ein anderer zu dessen Begleiter geworden sein. Ein Problem sei allerdings die unterschiedliche Masse der beiden, gibt Mordasini zu bedenken. Normalerweise würde man erwarten, dass die Klumpen eine ähnliche Masse haben.Für Modellierer von Planetensystemen wie Mordasini ist das Dreifachsystem aus Stern, Braunem Zwerg und Exosatellit eine willkommene Gelegenheit. Sie können testen, ob ihre Modelle ein derart aussergewöhnliches System reproduzieren können. Für den Laien bleibt die Erkenntnis, dass unser Sonnensystem nicht das Mass aller Dinge ist.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Wann ist ein Mond wirklich ein Mond? Astronomen rätseln über neue Entdeckung
Im Sonnensystem CD-35 2722 ist nichts so, wie man es kennt. Begriffe wie Planet oder Mond verlieren ihre Bedeutung.










