Finanzhistoriker Jim Grant sieht Gold als Antwort auf das aufgeblähte Geldsystem: «Ungedecktes Geld ist nur eine Modeerscheinung»Die Tage des derzeitigen Geldsystems seien gezählt, sagt der Autor und Finanzexperte. Papiergeld lasse die Staatsschulden wachsen und sorge für Inflation. Historisch gesehen sei Geld stets aus Gold oder Silber gewesen.26.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenGold hat amerikanische Staatsanleihen als wichtigste Reserve der Zentralbanken überholt.Skahadigital / Imago«Papiergeld und elektronisches Geld sind nur eine vorübergehende Modeerscheinung», sagt Jim Grant – und muss angesichts dieser steilen These selber kurz lachen. Mit einem Augenzwinkern erwähnt der amerikanische Finanzhistoriker und Autor, dass der Entdecker Marco Polo bereits im 13. Jahrhundert auf einer China-Reise über den dortigen Einsatz von Papiergeld berichtet hat. So gesehen sei dieses wohl doch keine kurzzeitige Marotte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Er meine vor allem ungedecktes Geld, präzisiert Grant. Heutige Zahlungsmittel wie der Dollar, der Euro oder der Franken sind nicht durch physische Güter wie Gold oder Silber gedeckt, sie beruhen auf dem Vertrauen der Bevölkerung in die Zentralbanken und den Staat.Im heutigen Geldsystem gebe es viele Fehlentwicklungen, sagt Grant im Gespräch am Rande der diesjährigen Swiss Pensions Conference der CFA Society Switzerland, eines Berufsverbands von Finanzfachleuten. Seit 1983 gibt er in New York den bekannten Finanz-Newsletter «Grant’s Interest Rate Observer» heraus.«An Bezahl-Apps gewöhnt»«Das heutige moderne Geld kann man nicht anfassen, und es kostet nichts, es herzustellen», sagt er. Die Menschen hätten sich an Bezahl-Apps gewöhnt und hielten dies für einen Fortschritt. «Wir denken nicht mehr über Geld nach als ein Fisch über das Wasser, in dem er schwimmt.»Jim Grant bezeichnet sich selbst als «Gold-Käfer».PDDas Geldsystem habe sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht vorwärts-, sondern rückwärtsentwickelt, skizziert Grant in seiner Rede an der Konferenz: «Weg von der Preisfindung hin zu Zwang, weg von Stabilität und hin zu Schwankungen, weg von internationaler Integration hin zu Nationalismus.»Er hält die Tage des derzeitigen Geldsystems für gezählt. Historisch gesehen sei Geld seit den Zeiten des römischen Kaisers Konstantin des Grossen bis zu Nikolaus Kopernikus und den amerikanischen Gründungsvätern stets aus Gold oder Silber gewesen, sagt Grant. Gold möge zwar wie «eine Idee von gestern» aussehen, gewinne derzeit aber kontinuierlich an Bedeutung als Quelle von Stabilität. Im Gegensatz zum modernen Geld ist Gold nur begrenzt verfügbar und kann nicht beliebig vervielfältigt werden.Monetäre Strenge auf dem RückzugMonetäre Strenge sei allerdings bereits seit dem Ende des klassischen Goldstandards im Jahr 1914 auf dem Rückzug, sagt der Finanzexperte. Beim Goldstandard handle es sich um «die angeblich anachronistische Abmachung, wonach eine Währung mit Gold unterlegt ist und in das Metall konvertiert werden kann». Im August 1971 hatte der US-Präsident Richard Nixon die Goldbindung des Dollars endgültig aufgehoben – mit verheerenden Konsequenzen, findet Grant.Das ungedeckte Geld habe in den USA einen Kollaps der fiskalischen Disziplin verursacht, die Staatsschulden immer weiter wachsen lassen und für chronische Inflation gesorgt. Unterdessen habe man sich daran gewöhnt, dass Notenbanken die Zinsen künstlich tief hielten, dasselbe gelte für «quantitative Lockerungen». Hier kauft eine Zentralbank Anleihen und andere Wertpapiere auf, vergrössert so die Geldbasis und pumpt Geld in die Wirtschaft.Wenn jemand in Zukunft den Ruin des heutigen Geldsystems untersucht, dürfte er oder sie die hohen Schulden dafür verantwortlich machen, sagt Grant. Die «Geld-Archäologen» der Zukunft dürften die Zentralbanker beschuldigen, welche die Zinsen künstlich tief gehalten hätten. Dies habe das Kreditvolumen massiv steigen lassen und den Dollar korrumpiert.Lehre der Antike zu einer soliden WährungDabei halte bereits die Antike wertvolle Lektionen in Sachen Geld bereit. Als positives Beispiel nennt Grant die römisch-byzantinische Goldmünze Solidus. Diese wurde im Jahr 309 vor Christus von Konstantin dem Grossen eingeführt und hatte ein Gewicht von rund 4,5 Gramm. Über mehr als 600 Jahre hinweg habe der Solidus sein Gewicht und seine Legierung behalten, sagt Grant. Lange fungierten die Münzen im damaligen Europa als eine Art Leitwährung.In der heutigen Welt mit ungedeckten Nominalwährungen mutet es derweil ironisch an, dass Zentralbanken – vor allem diejenigen von Schwellenländern – selber in den vergangenen Jahren grosse Mengen an Gold gekauft haben. «Die Gelddrucker finden Geschmack an dem, was sich nicht drucken lässt», sagt Grant dazu.Laut einem Bericht der Europäischen Zentralbank (EZB) vom Juni dieses Jahres hat das Edelmetall mittlerweile amerikanische Staatsanleihen als wichtigste Reserve der Zentralbanken überholt. Gold kam Ende des vergangenen Jahres auf einen Anteil von 27 Prozent an den weltweiten Reserven der Zentralbanken, US-Staatsanleihen auf 22 Prozent und der Euro auf 15 Prozent.Die Kaufwut der Zentralbanken hat indessen massgeblich zum Rally des Goldpreises im vergangenen Jahr und Anfang dieses Jahres beigetragen. Ende Januar dieses Jahres kostete eine Feinunze des Edelmetalls am Spotmarkt rekordhohe 5417 Dollar, Ende 2024 hatte der Preis noch 2624 Dollar betragen. Seit seinem Rekordstand ist er allerdings zurückgefallen, am Donnerstag lag er bei 4048 Dollar je Feinunze.Grundlegende Faktoren für einen erneuten Anstieg des Goldpreises bestehen allerdings weiter: Die geopolitische Unsicherheit, das zunehmende Misstrauen zwischen den Staaten, die hohen Staatsschulden sowie die Angst vor Inflation sprechen allesamt für die anhaltende Popularität von Gold.Grant mutmasst derweil, im Geldsystem könne Gold möglicherweise «durch Nachahmung» wieder an Bedeutung gewinnen. Man müsse sich nur vorstellen, der chinesische Präsident Xi Jinping würde für Chinas bevorzugte Handelspartner einen Renminbi ankündigen, der in Gold konvertiert werden kann – mit dem Ziel, die Bedeutung der chinesischen Währung gegenüber dem Dollar zu steigern.Im Gegenzug könnten die auf dem falschen Fuss erwischten USA reagieren und in Gold umtauschbare US-Staatsanleihen emittieren, spinnt Grant diese Vision weiter. Unter Zugzwang gesetzt, könnte auch die US-Notenbank Federal Reserve dazu übergehen, Gold zu kaufen, um ihre Bilanz zu stärken. So könnte die Entwicklung immer weiter in Richtung «gesundes Geld» gehen, sagt Grant, der sich selbst als «Gold-Käfer» bezeichnet. Sein bevorzugtes Edelmetall würde dann immer weiter an Bedeutung gewinnen und vor einer glänzenden Zukunft stehen.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel