Die Frau, die Deutschlands Bahnhöfe alkoholfrei machen willEvelyn Palla, Chefin der Deutschen Bahn, hat in ihrem maroden Grossunternehmen nicht wenige Probleme zu lösen. Nun hat sie hart durchgegriffen – und ein Alkoholverbot an deutschen Bahnhöfen erlassen.26.07.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenImago; Bearbeitung NZZaSIn der Welt der Manager wird gern in Floskeln kommuniziert. In Worthülsen, die Entschlossenheit oder Verantwortung vorgaukeln, in Wahrheit aber nur eines leisten: Sie machen den, der sie ausspricht, unangreifbar. CEO schwärmen dann etwa von «optimierter Fokussierung» oder «zukunftsgerichteten Aktivitäten». Auch bei der hochverschuldeten und notorisch unpünktlichen Deutschen Bahn hält man es so. Nur klingen die Floskeln hier etwas defensiver. Man spricht eher von «Abwärtstrends, die gestoppt werden müssen».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Um ebendiese Abwärtstrends zu stoppen, hat die Bahn im vergangenen Herbst eine neue Chefin geholt. Evelyn Palla heisst sie. Auch Palla greift gern zur Floskel. Anders als bei ihren Vorgängern folgt auf ihre Worte gelegentlich eine Tat. So etwa diese Woche.«Wir greifen jetzt noch härter durch. Genug ist genug», sagte sie der deutschen Boulevardzeitung «Bild», nachdem sie kurzerhand ein Alkoholverbot an allen 5400 deutschen Bahnhöfen angeordnet hatte. Ab dem 15. Oktober soll es schrittweise gelten, auf den Perrons wie in den Bahnhofshallen. Anlass war ein Vorfall in Baden-Württemberg, bei dem ein Zugbegleiter schon wieder von einem Betrunkenen angegriffen wurde, dabei aus einem fahrenden Zug stürzte und lebensgefährlich verletzt wurde.Es ist nicht Pallas erste durchgreifende Aktion. Im ersten Jahr an der Spitze hat sie eine Putz- und Sicherheitsoffensive gestartet, Hunderte Mitarbeiter eingestellt und die Führungsriege unter dem Vorstand von 43 auf 22 Köpfe zusammengestrichen. Dass sich bei der sonst so schwerfälligen Deutschen Bahn plötzlich etwas bewegt, fällt derart auf, dass es nun die deutschen Medien sind, die Palla mit Management-Floskeln betiteln. «Palla räumt auf», jubelte die «Bild»-Zeitung, das «Manager-Magazin» kürte sie zur «Aufmischerin».Evelyn Palla, Jahrgang 1973, stammt aus Südtirol, hat drei Kinder und einen ebenfalls sehr erfolgreichen Manager-Mann. Die Betriebswirtin begann ihre Karriere beim Chip-Konzern Infineon und landete 2011 bei der Bahn, zunächst jedoch in Wien, bei den Österreichischen Bundesbahnen, den ÖBB. 2019 holte sie dann die Deutsche Bahn als Finanzchefin ins Haus, seit Oktober führt sie den ganzen Laden.Mit ihrer Ernennung sorgte sie gleich für zwei Premieren: Palla ist nicht nur die erste Frau an der Spitze der Deutschen Bahn, sondern auch die erste Lokführerin. Den Triebfahrzeugführerschein machte sie berufsbegleitend, an Abenden und Wochenenden. Wer demnächst in einen Regionalzug steigt, könnte also theoretisch von der Konzernchefin höchstpersönlich ans Ziel gefahren werden. Für ihren eigenen Arbeitsweg zwischen Berlin und Wien nimmt sie jedoch lieber das Flugzeug. «Für mich zählt jede freie Minute für meine Familie», sagte sie kürzlich in einem Interview.Zeit für Musse bleibt ohnehin kaum, denn Palla hat den vielleicht undankbarsten Job Deutschlands. Die Bahn steckt in der grössten Krise seit der Bahnreform vor gut dreissig Jahren: 22 Milliarden Euro Schulden, seit 2020 nur noch rote Zahlen. Dazu eine marode Infrastruktur, die dafür sorgt, dass fast jeder zweite Zug im Fernverkehr verspätet ist.Selbst die Kommunikationsabteilung, die normalerweise mit Gen-Z-tauglichen Clips zuverlässig Likes einsammelt, leistete sich zuletzt einen Aussetzer: In einem Video erklärte die Bahn, warum man sich nicht mit der pünktlichen Schweizer SBB messen lassen müsse: Die Schweiz sei nun einmal kleiner. Das Netz reagierte mit Spott.Dass Palla nun «hart durchgreift», tut dem Image der Deutschen Bahn also wohl erst einmal gut. Zumindest, bis man das Verbot zu Ende denkt. Dann klingt es etwa so realistisch wie heute ein Verspätungsverbot für Fernzüge. Auf einem menschenleeren Perron kurz vor Mitternacht dürfte es dem einzigen anwesenden Bahnmitarbeiter schwerfallen, zwanzig aufgekratzten Fussballfans die Bierdose zu entwinden. Und der aggressive Betrunkene ist ja nicht verschwunden, bloss weil er im Bahnhof nicht mehr trinken darf. Er wartet künftig eben davor, auf dem Vorplatz, und steigt trotzdem ein. Womöglich hat Palla, die grosse Macherin, mit dem Alkoholverbot also die eleganteste Form des Managersprechs geliefert: eine als Massnahme getarnte Floskel.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel