In Robe und Smoking zum VortragQuelle: Karl-Josef Hildenbrand/dpaZwischen Balkon-Pathos, Sommerferien und Beethoven stolziert die Berliner Republik über den roten Teppich. Angela Merkel hält am politischen Kunststoff fest, Friedrich Merz ist overdressed – und Dorothee Bär rettet, was zu retten ist.Deutsche und Dresscodes sind so eine Sache. Eifrig suchen sie nach diesem einen kleinen Hinweis, der die „glamouröse“ Veranstaltung irgendwie einordnet. Bei Bayreuth gibt es, laut Übertragung, keinen konkreten Hinweis, also wird die KI gefragt, die „bodenlang“ und „Smoking“ ausspuckt, und dann klammert man sich daran und versucht, das Vorgegebene auch ja korrekt zu erfüllen. Pech nur, wenn sich das Programm anlässlich des 150-jährigen Jubiläums komplett ändert. Heute, anders als sonst, eröffnet keine Oper die Festspiele, sondern Festreden und Beethovens 9. Sinfonie, also ein Konzert, und weil Deutschland nun mal generell keine Ahnung von Mode hat und, in einer ignoranten Hochnäsigkeit gefangen, auch nicht haben will, sind an diesem letzten Samstag im Juli so gut wie alle verkehrt gekleidet. ++ Lesen Sie hier den Liveticker zu den Bayreuther Festspielen von WELT-Autor Peter Huth ++Ohnehin muss man feststellen, dass bei diesen Festspielen so einiges durcheinandergekommen zu sein scheint. Seichte Nervosität liegt in der warmen Sommerluft. Zuvor natürlich wegen des Antisemitismus-Themas, das zu überraschenden Entscheidungen führte, etwa zu der, am Samstag als erste Oper, Hitlers Lieblingsoper zu zeigen. Die Mannschaft, die sich traditionell wie Weltmeister auf dem Balkon des Festspielhauses auf dem Grünen Hügel aufreiht, hat quasi nichts geleistet, versinkt vielmehr vor der offiziellen Ab-in-den-Urlaub-Saison in Chaos, formt hastig Reförmchen und winkt dann wie Könige aufs Volk herab. Für alle, die gerade eher keine acht Wochen Ferien einläuten, ein eher dezent verstörender Anblick. Die endgültige Irritation ist dann das Outfit, von dem man in der Regel nicht viel erwarten kann, außer, dass einige Politikerinnen sich endlich einmal im Jahr (nein, zweimal, siehe Bundespresseball) wie Prinzessinnen fühlen dürfen und der Bundeskanzler für all die Kritik mit Blitzlichtgewitter und Aufmerksamkeit entschädigt wird. Lesen Sie auchDeshalb kurz die Frage vorweg, ob man da jetzt überhaupt was sagen darf, zu dem Auftritt? Oder ob das irgendwie Gefühle verletzt oder schon wieder zu viel Kritik von den Medien ist, deren Aufgabe ja genau kritisches Hinsehen sein sollte, aber bitte nicht immer so unfair! Also freundlich formuliert: Das erste Konzert in den Ferien, das keine Oper ist, hätte sich Merz auch in seinem neuen Doppelreiher anhören können, ein Smoking ist hier kein Muss. Aber: spitzes Revers, da kann man nichts sagen, auf Vatermörder verzichtet er auch, was ihm wie Söder auch nicht stehen würde. Manschetten schauen hervor, wie es sein sollte. Lesen Sie auchBei den meisten Damen ist man allerdings froh, dass einer Opern-Etikette zufolge bodenlang gewählt wurde. Aber ein langärmeliger Blazer wäre eben auch drin gewesen, wenn neben First-Lady-Sein keine Zeit mehr für Sport und den Friseurbesuch ist. Und nein, das heißt nicht, dass man auf Steuerzahlerkosten einen Stylisten beauftragen muss. Was Charlotte Merz auch anständigerweise nicht getan hat, wie an ihrem grünen Lidstrich, auf dem (Gott hilf) grünen Hügel zum grünen Paillettenfummel zu erkennen ist.Immerhin: Angela Merkel hat geschafft, was viele nicht geschafft haben. Sie hat ihren Stil gefunden. Eine Regierungschefin, die Deutschland 16 Jahre lang in den Dauerdämmerzustand schickt, sieht genau – so! – aus. Farbe und Material des konsequentblauen Auftritts erinnern an jene reißfesten Kunststoffbeutel, die für die ganz schweren Fälle gedacht sind. Robust, unerschütterlich und immun gegen jede Form von Aufbruch.Einigen hätte man etwas mehr zugetraut. Nina Warken, so etwas wie die weibliche Klopp-Hoffnung für Deutschland, scheint nicht nur als einzige in der Regierung extrem fleißig gewesen zu sein. Die Juristin ist auch, ohne großes Aufheben, ein Jahr lang konsequent in fast Meloni-liken Armani-Anzügen angetreten, um stilvoll ihre Arbeit zu erledigen. Das hellblaue Jersey-Fledermausärmel-Ding ist aber leider eine Enttäuschung. Nächste Enttäuschung: Philipp Amthor, mit zu großer, gelber, clownesker Fliege. Amthor, der, wie viele, die aus einfachen Verhältnissen stammen, mehr eigenständigen Sinn fürs Äußere entwickelt hat als alle, deren Elternhaus ihnen morgens etwas zurechtgelegt hat, und dazu noch über die sehr selten gewordene Form von Selbstironie verfügt, sei es verziehen. Söder, der so etwas wie eine Anwesenheitspflicht bei den Festspielen hat, schafft es jedes Jahr, das durch einnehmendes Auftreten zu legitimieren. Bitte endlich nächstes Jahr das Sakko auf dem roten Teppich schließen. Seine Frau bringt dafür verlässlich Donatella-Versace-Drama in die sonst eher versteifte Veranstaltung, für das man ihr inzwischen jedes Jahr danken muss. Der Schmuck, so weit man das aus der Ferne und nicht wie exklusiv-eingeflogene ÖRR-Rote-Teppich-Reporter aus nächster Nähe einschätzen kann, sieht ebenfalls geschmackvoll aus. Dorothee Bär ist gekleidet wie für die Mars-Party 2050, ausgerichtet von Elon Musk, Peter Thiel und Javier Milei. Wo man weitermacht, wenn sich der Zeitgeist auf diesem Planeten endgültig erschöpft hat.Übrigens: Der Christopher Street Day fällt nicht zum ersten Mal genau auf die Festspiele in Bayreuth. Ricarda Lang, die sympathischerweise auch immer etwas für Klassik übrig hatte, zog heute den CSD vor, genauso wie sämtliche andere Grüne oder Sozialdemokraten. Absicht oder Zufall – ausgerechnet die, die den Kulturkampf am liebsten für beendet erklären würden, zwingen ihr Publikum heute zu einer kulturellen Richtungsentscheidung.