Der Rennradprofi Richard Carapaz sträubte sich, als würde es ums Überleben gehen. Auf den finalen Kilometern hinauf in die Bergankunft von Alpe d’Huez stand zwar nicht ganz so viel auf dem Spiel, aber immerhin der vielleicht prestigeträchtigste Etappensieg bei der Tour de France. Der Slowene Tadej Pogacar hatte sich während des Anstiegs ins Skiressort an drei Ausreißer herangepirscht wie eine Spinne an zappelnde Beute. Der Ecuadorianer aber wollte das nicht hinnehmen. Unzählige Male verschärfte Carapaz das Tempo, versuchte dem von hinten kommenden Slowenen zu enteilen. Doch gut zwei Kilometer vor dem Zielstrich von Alpe d’Huez ging auch er dem Mann in Gelb ins Netz.Wer noch Zweifel an der Ausnahmerolle des Tadej Pogacar hatte, musste sich spätestens am Freitagabend einen Irrtum eingestehen. Der 27-Jährige dominierte diese 113. Tour de France bislang spielerisch und wirkte auch bei der prominentesten aller Tour-Ankünfte so, als würde ihm das alles ziemlich leicht fallen.Kurz hinter der flamme rouge, 900 Meter vor dem Ziel, entledigte sich der Vorjahressieger auch den letzten Ausreißern und pulverisierte den 31 Jahre alten Rekord von Marco Pantani. 35:26 Minuten benötigte Pogacar für den Schlussanstieg, der Italiener hatte 1995, während der Hochdopingzeit des Sports, 74 Sekunden länger gebraucht. Carapaz verließen auf den letzten Metern die letzten Kräfte, sodass er den seinerseits hartnäckigen Franzosen Lenny Martinez noch vorbeiziehen lassen musste und Tagesdritter wurde.„Ich kannte die genaue Zeit von Pantani gar nicht“, erklärte Pogacar später auf der Pressekonferenz im Ziel. „Aber ja, es freut mich“, sagte er – und wirkte fast gleichgültig.Pogacar liegt in der Gesamtwertung nun über sieben Minuten vor seinem ersten VerfolgerEine halbe Million Menschen hatten die Bergstraße und ihre ikonischen 21 Kehren wieder in ein Radsport-Festival verwandelt, das mit Wahnsinn noch höflich umschrieben ist. Diverse Comic-Figuren wurden gesichtet, ansonsten war das Bergtrikot die Mode der Wahl am Streckenrand – und es kam einem Wunder gleich, dass in den Fanspalieren zwischen Le Bourg d'Oisans und dem Zielstadion kein Radprofi mit den Enthusiasten kollidierte.In der Gesamtwertung liegt Pogacar nun 7:11 Minuten vor dem Belgier Remco Evenepoel. Der Kapitän des deutschen Red-Bull-Rennstalls kam als Tagessechster in Alpe d’Huez an und nahm der Konkurrenz um die Podestplätze zwei und drei abermals einige Sekunden ab. Im Wettkampf um das Gelbe Trikot für den Gesamtsieg, der längst kein Wettkampf mehr ist, kann Pogacar indes nur noch durch einen Unfall oder ein Missgeschick gestoppt werden. Sein mexikanischer Teamkollege Isaac Del Toro (+9:42), der knapp hinter Evenepoel ins Ziel kam, liegt weiter auf Rang drei. Das französische Hoffnungstalent Paul Seixas machte trotz des erkennbaren Heimvorteils keinen Boden gut, nach Tagesrang neun rangiert der 19-Jährige weiter auf Gesamtplatz vier (+10:06).Für Pogacar war es übrigens der erste Triumph an diesem Ort. Die französischen Pelotonisten laufen indes Gefahr, nach 1926 und 1999 zum dritten Mal ohne Tour-Etappensieg in Paris einzutreffen. Dieser Umstand allerdings war dem Publikum in Alpe d’Huez offenkundig ähnlich gleichgültig wie Pogacar sein neuer Rekord.