Per Mertesacker machte kein Geheimnis aus seiner Auffassung, dass im deutschen Fußball eine Menge schiefläuft. „Vor zwei Jahren wurde geflachst, wir müssen nur zwei Jahre warten, bis wir Weltmeister werden. Die Aussage können wir total vergessen. Wir müssen uns einiges wieder hart erarbeiten“, sagte er als TV-Experte im ZDF, als die deutsche Nationalmannschaft soeben im WM-Sechzehntelfinale gegen Paraguay ausgeschieden war: „Die große Fußballnation Deutschland muss sich umschauen. Es werden sich viele Menschen hinterfragen müssen, ob das der Anspruch des deutschen Fußballs ist.“In Zukunft werden Anspruch und Wirklichkeit der Fußballnation auch in seinen Verantwortungsbereich fallen. Wie DFB-Präsident Bernd Neuendorf zu Beginn der Pressekonferenz zur Vorstellung von Jürgen Klopp als neuem Bundestrainer bekannt gab, wird Mertesacker vom neuen Jahr an und wie Klopp mit einem Vertrag bis 2030 als Geschäftsführer Sport für den Verband arbeiten. Bis es so weit ist, erfüllt die Aufgabe noch sein Vorgänger Andreas Rettig, der zum Jahresende aufhört.Der frühere Abwehrspieler Mertesacker, 41, wird damit der erste Weltmeister von 2014, der in einer höheren Position für den DFB wirkt. Dass er einen Job als Funktionär an der umgestalteten sportlichen Spitze des Verbandes übernehmen würde, war keine große Überraschung mehr. „Mal beim DFB, im deutschen Fußball, dem ich auch so viel zu verdanken habe, zu arbeiten und mal etwas zurückzugeben, wenn es denn gewollt ist – dafür stehe ich natürlich zur Verfügung“, hatte er ein paar Tage nach dem deutschen WM-Aus ebenfalls in seiner Rolle als ZDF-Experte gesagt. Und schließlich, am Rande der Berichterstattung übers Finale: „Man muss dem DFB eines lassen: Der Kontakt zu mir ist irgendwie nie abgerissen. In der letzten Woche ist noch mal ein bisschen Dynamik reingekommen.“Da waren alle noch zufrieden: Ex-Bundestrainer Julian Nagelsmann im ZDF-Interview bei der EM 2024, im Hintergrund Christoph Kramer (l.) und Mertesacker (r.). Bernd Thissen/dpaAuch die „Gurus und Ex-Gurus“, so würde es womöglich Rudi Völler ausdrücken, hatten sich für Mertesacker starkgemacht, Uli Hoeneß etwa oder Lothar Matthäus. Da allerdings Völler selbst weiterhin Sportdirektor bleibt, war auf den ersten Blick nicht ganz klar, wo Platz für den Einfluss Mertesackers sein könnte. Diesen soll er nun als Verantwortlicher für die Bereiche Nationalmannschaften, auch jene der Frauen, und Akademie geltend machen. Vor allem Letzteres wirkt mit Blick auf seine bisherige Laufbahn nach dem Karriereende als Fußballer stimmig: Von 2018 an bis zu diesem Sommer leitete er die Academy des FC Arsenal, immerhin „eine der renommiertesten Nachwuchsakademien Europas“, wie Neuendorf in der Mitteilung zur Personalie sagte. „Mit Demut, dem Willen, hart zu arbeiten, und der nötigen Geduld wollen wir die Talente und Persönlichkeiten fördern, die den Unterschied ausmachen“, unter anderem so lässt sich Mertesacker zitieren.Bei seinem Abschied in London im Mai hatte ihn Arsenal-Trainer Mikel Arteta „eine Legende“ genannt: „Ich denke, was er als Spieler und was er dann für den Verein in der Akademie und auf allen Ebenen geleistet hat, ist einfach unglaublich.“ Mehr als zwanzig frühere Arsenal-Jugendspieler debütierten Klubangaben zufolge während Mertesackers Zeit als Nachwuchschef im Profiteam. Der bekannteste ist wohl Englands Nationalspieler Bukayo Saka. Zufälligerweise also ein Flügelangreifer, wie ihn Deutschland gegen Paraguay gut hätte gebrauchen können.Wie intensiv Mertesacker mit seiner zukünftigen Arbeit im Verband die Entwicklung von deutschen Talenten begleiten kann, die zuvorderst im Verein gefördert werden müssen? Und ob vier Jahre Vertragszeit reichen, um Ergebnisse seines Wirkens zu sehen? Wie sagte es Mertesacker selbst vor ein paar Jahren im SZ-Interview über seine Arbeit in London: „Am Anfang habe ich gedacht, ich könnte in zwei, drei Jahren die Welt verändern. Inzwischen weiß ich, dass das im Jugendbereich mindestens sieben bis zehn Jahre dauert.“