Das zweite Leben der Kaulitz: erwachsen geworden, berühmt gebliebenBill und Tom Kaulitz haben aus ihrem Leben eine erfolgreiche Show gemacht. Die dritte Staffel ihrer Reality-Show erzählt von zwei Brüdern, deren grösste Geschichte längst nicht mehr ihre Musik ist.Pamela Jahn24.07.2026, 10.54 Uhr4 LeseminutenArbeit am Vergnügen: die Zwillingsbrüder Tom und Bill in ihrer Doku «Kaulitz & Kaulitz».NetflixMan könnte meinen, bei Bill und Tom Kaulitz laufe es gerade nicht besonders gut. In der dritten Staffel ihrer Reality-Doku geht einiges schief. Während der Jubiläumsshow ihrer Band Tokio Hotel zum 20-jährigen Bestehen des Songs «Durch den Monsun» fällt dem Sänger Bill das Mikrofon aus. Die Hochzeit ihres Bassisten an der Côte d’Azur, als grosses Fest vor traumhafter Kulisse gedacht, endet für die Zwillingsbrüder in einem heftigen Streit. Und bei der Bambi-Verleihung geht ihr Podcast «Kaulitz Hills – Senf aus Hollywood» leer aus. Dazu kommen Bills Sorge wegen eines Fettpolsters am Bauch und ein selbst auferlegter «Pimmel-Detox», weil er weniger One-Night-Stands und mehr echte Liebe will. Es sind Rückschläge in Kaulitz-gerechter Grösse: überschaubar genug, um niemanden ernsthaft zu beunruhigen, ergiebig genug für grosses Drama und grosse Gefühle.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Netflix-Produktion «Kaulitz & Kaulitz» lebt von dem Versprechen, dass Bill und Tom Kaulitz kaum etwas zurückhalten. Die Kamera ist dabei, wenn sie feiern, touren, zweifeln oder sich gegenseitig auf die Nerven gehen. Nach dem Start im Juni 2024 wurde das Reality-Format bald zum Streaming-Hit. Die Zwillinge sind wieder so präsent wie seit ihren frühen Tokio-Hotel-Jahren nicht mehr.Die Kehrseite der NäheBill und Tom sind Vollprofis der Öffentlichkeit. Sie wirken dennoch nicht, als wären sie nur noch an der eigenen Bedeutung interessiert. Bei einem Treffen mit ein paar treuen Tokio-Hotel-Fans sagt Tom: «Dass unsere Songs der Soundtrack zu einem anderen Leben sind, ist für mich die schönste Vorstellung.» Man glaubt ihm. Rückschlägen und Zumutungen begegnen sie mit einer Mischung aus Ehrgeiz, Offenheit und Selbstironie. Nach der enttäuschenden Bambi-Verleihung sagt Bill: «Jetzt hatte ich umsonst so ein schönes Outfit an, hat keiner gesehen. Na ja. Das kann ich noch mal verwerten.» Vielleicht liegt genau darin ein Teil ihrer Zugkraft. Sie durchschauen die Mechanismen der Branche, spielen das Spiel aber weiter, haben dabei demonstrativ Spass.Doch die Serie zeigt auch die Kehrseite dieser Nähe. Wer sich öffnet, macht sich verletzlich, wer berühmt wird, wird zur Projektionsfläche. Bill und Tom haben das gemeinsam mit ihren Bandkollegen Georg Listing und Gustav Schäfer bereits in jungen Jahren erfahren.Als Tokio Hotel 2005 praktisch über Nacht berühmt wurde, waren Bill und Tom Kaulitz gerade einmal fünfzehn Jahre alt. Binnen weniger Monate wurden aus zwei Jugendlichen aus der Nähe von Magdeburg Idole einer ganzen Generation. Zugleich polarisierten sie wie kaum eine andere deutsche Band: Ihre Fans verehrten sie leidenschaftlich, ihre Gegner begegneten ihnen mit Spott, Hass und Aggression. Der Erfolg brachte ihnen Millionen Anhänger – und einen Medienrummel, der kaum noch zwischen öffentlicher Figur und Privatperson unterschied. Fans warteten vor Hotels und Wohnhäusern, Fotografen verfolgten jeden ihrer Schritte, Erwachsene verdienten am Erfolg der vier Minderjährigen mit. Als Stalker das Haus der Familie belagerten und Angehörige verfolgten, zogen Bill und Tom 2010 nach Los Angeles. Es war der Versuch, sich ein Stück Kontrolle über das eigene Leben zurückzuholen.Nun sieht es aus, als gelangten Bill und Tom Kaulitz tatsächlich noch einmal ganz nach oben. Viel fehlt nicht mehr. Im Dezember werden sie für eine Ausgabe die ZDF-Kultshow «Wetten, dass . . . ?» moderieren. Im Herbst davor soll ein neues Tokio-Hotel-Album erscheinen, begleitet von einer grossen Arena-Tournee und einer Band-Doku. Und daneben läuft die Kaulitzsche Verwertungsmaschine: Bill wirbt für sein eigenes Beauty-Label, Tom hat einen Tequila auf den Markt gebracht, und aus beinahe jedem Einfall wird ein neues Format, Produkt oder Geschäft.Wenn die Show endet«Kaulitz & Kaulitz» unterscheidet sich wesentlich von Reality-Formaten wie «Keeping up with the Kardashians», die das Fernsehen einst mit ihrem Mix aus Glamour, Familiendrama und Selbstinszenierung veränderten. Bei den Kaulitz-Brüdern ist der eigentliche Motor nicht der Skandal, sondern die Bindung. Der Zuschauer fühlt sich zeitweise wie ein Gast in jener kleinen Familie, die die Zwillinge füreinander sind.Die Zuschauer sind dabei, wie Bill und Tom in Loitsche, nördlich von Magdeburg, den Abschlussball nachholen, den sie als Jugendliche verpasst haben. Es wird getrunken, getanzt und geschwelgt. Dann erzählt Bill, wie Mitschüler ihn einst im Schwimmbad auf die Toilette drängten und ihm zwischen die Beine griffen, um herauszufinden, ob er ein Junge oder ein Mädchen sei. Die heitere Rückkehr in die Jugend kippt jäh in die Erinnerung an die Gewalt, die Bill wegen seines Andersseins erfuhr.Tom wirkt in dieser Staffel ernster und selbstkritischer, seine Ehe mit Heidi Klum tritt in den Hintergrund. Im Zentrum steht die Beziehung zum Bruder, zehn Minuten jünger und doch häufig sein Gegenpol. Ein Life-Coach soll ihnen helfen, einander besser zu verstehen. Weniger Sorge, mehr Gelassenheit und mehr Toleranz: So will Tom Bill künftig begegnen.Inhaltlich bewegt sich «Kaulitz & Kaulitz» weiterhin zwischen Starzauber, Grössenwahn, Humor, Exzess und Banalität. Die Kamera zeigt die Brüder beim Herumliegen am Pool, beim Champagnerfrühstück und auf Reisen um die Welt. Doch die stärksten Bilder entstehen dort, wo die Hochglanzoberfläche Risse bekommt. Für ein «Vogue»-Shooting kehrt Bill an Orte seiner Kindheit zurück. Vor einer Bushaltestelle, deren Wände mit rechtsextremen Parolen beschmiert sind, posiert er für die Kamera. Dort hätten er und Tom früher oft gesessen, erzählt er. Dann erinnert er sich an die Schulzeit: «Im Schulbus war Krieg. Da gab’s Leute, die gesagt haben: ‹Wir bringen die beiden um.›»Natürlich bietet auch die dritte Staffel reichlich Party, Luxus und kalkulierten Überfluss. Doch im Gedächtnis bleiben jene Augenblicke, in denen die Brüder für einen Moment aufhören, aus ihrem Leben eine Show zu machen, und erkennen lassen, welchen Preis sie dafür bezahlt haben.«Kaulitz & Kaulitz» auf Netflix: Staffel 3 mit 8 Folgen à 45 Minuten.Passend zum Artikel