Helium: Was das flüchtige Edelgas so besonders macht – und warum Fachleute jetzt nach Afrika schauenFür die Produktion von Computerchips und optischen Fasern braucht es Helium. Doch der Krieg im Nahen Osten hat den Nachschub verknappt. Sorgen Vorkommen in Tansania für Entspannung? Und was macht Helium so speziell? Porträt eines eigenartigen Gases.24.07.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenDer britische Abenteurer Tom Morgan fliegt im Jahr 2017 über Südafrika – auf einem Stuhl, der an hundert mit Helium gefüllten Ballons befestigt ist.The AdventuristsHelium – dieses Gas kennen die meisten nur von Ballons. Oder von drolligen Experimenten, bei denen man es einatmet, wodurch die menschliche Stimme wie die von Mickey Mouse klingt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch in letzter Zeit taucht der Name des chemischen Elements in einem ganz anderen Kontext auf: Der Krieg im Nahen Osten hat den Nachschub an Helium verknappt – und das könnte mehrere Hightech-Branchen ins Schwimmen bringen.Das Edelgas wird für die verschiedensten Zwecke gebraucht. Man benötigt es etwa, um Computerchips, Flüssigkristallanzeigen und optische Fasern herzustellen. Helium dient zur Kühlung von Magnetresonanztomografen und von Kernreaktoren. Es lassen sich damit Lecks in Rohrsystemen aufspüren. SpaceX benutzt Helium für den Druckausgleich in den Treibstofftanks seiner Falcon-9-Raketen.All diese Anwendungen haben damit zu tun, dass das Gas aussergewöhnlich flüchtig ist, also durch alle Fugen gelangt, und keine Neigung zu chemischen Reaktionen zeigt. Helium durch eine andere Substanz zu ersetzen, ist meistens keine gute Option.Gegenwärtig wird Helium vorwiegend aus Erdgasfeldern gewonnen, in denen geringe Mengen des Spurengases enthalten sind. Das könnte sich aber womöglich bald ändern – dann nämlich, wenn die Hoffnungen von drei Firmen wahr werden, die gegenwärtig in Tansania aktiv sind. Sie gehen Hinweisen auf grosse Heliumvorkommen nach, bei denen Erdgas keine Rolle spielt. Lässt sich das Helium dort wirtschaftlich fördern, würde das helfen, seine Knappheit zu entschärfen.Und für eine spezielle Heliumvariante könnte man sogar zum Mond fliegen, weil sie dort besonders häufig auftritt.Helium ist ungewöhnlich flüchtig und reaktionsträgeWas ist das überhaupt für ein eigenartiges Gas? Dass Helium buchstäblich durch jede Ritze dringt, liegt am Aufbau seiner Atome. Diese bestehen aus zwei Elektronen, zwei Protonen und – überwiegend jedenfalls – zwei Neutronen. Aus noch weniger Bestandteilen ist nur Wasserstoff zusammengesetzt, nämlich aus einem Elektron und einem Proton.Beide, Wasserstoff und Helium, haben winzige Atome, und darum sind es ähnlich flüchtige Gase. Ihre Reaktionsfreudigkeit unterscheidet sich aber enorm. Während Wasserstoff mit allerlei anderen Elementen chemische Bindungen eingeht, handelt es sich bei Helium um ein extrem reaktionsträges Element.Diese Trägheit ist auf Elektronen zurückzuführen, mit denen Atome normalerweise Bindungen eingehen: Sie zeigen bei Helium keine Neigung zu Verknüpfungen und sind besonders stark an den Kern gebunden. Die ähnlich reaktionsträgen Elemente Neon, Argon, Krypton, Xenon und Radon bilden zusammen mit Helium die Gruppe der Edelgase.Peter Klitzke arbeitet als Fachmann für Edelgase an der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover. Helium entstehe im Wesentlichen durch radioaktiven Zerfall aus Uran und Thorium, welche sich in Gesteinen wie zum Beispiel Granit befänden, erklärt er. «Dieser Zerfall geht aber relativ langsam vonstatten, über geologische Zeiträume.» Bis sich grosse Mengen an Helium sammeln, dauert es also ziemlich lange – die Rede ist von Jahrmillionen.Nach und nach entstehen im Untergrund immer mehr Heliumatome – und weil sie so klein und leicht sind, dringen sie durch Spalten im Gestein langsam nach oben. Die meisten entweichen in die Atmosphäre, aber an manchen Stellen bleiben die Atome unter einer dichten Gesteinsschicht gefangen.Meistens wird Helium zusammen mit Erdgas gefördert«Wenn wir das Helium fördern wollen, dann muss es sich im besten Fall in irgendeiner Form angesammelt haben», sagt Klitzke. Meistens als Gas, aber es könne auch in wasserleitenden Schichten in gelöster Form enthalten sein. Mit welchen anderen Gasen zusammen Helium auftritt, ist laut dem Wissenschafter unterschiedlich. Es könne Stickstoff sein, es könne Kohlendioxid sein – es könne aber auch Methan sein, der Hauptbestandteil von Erdgas.«Der überwiegende Anteil des Heliums wird gegenwärtig aus Erdgaslagerstätten gefördert», sagt Klitzke. Nach der Entnahme des Gasgemischs müsse Helium mithilfe von Kühlprozessen und anderen physikalischen Verfahren abgetrennt werden. Anschliessend werde es verflüssigt und in Spezialcontainern transportiert.Das meiste Helium produzieren die USA, Katar, Russland und Algerien. Doch der Nachschub aus Katar ist derzeit weitgehend lahmgelegt.Denn die Industrieansiedlung Ras Laffan in Katar, der grösste Helium-Umschlagplatz der Welt, wurde durch Angriffe Irans und die Sperrung der Strasse von Hormuz aus dem Spiel genommen.Fachleute schätzen, dass das Angebot an Helium dadurch um 30 bis 40 Prozent zurückgegangen ist. Es könnte Monate, vielleicht sogar Jahre dauern, bis Katar wieder genauso viel liefern kann wie vor dem Krieg. China, einer der grössten Abnehmer von Katar, hat am 10. Juli vorsichtshalber einen Exportstopp für das Edelgas verhängt.Auch wegen des Ausfalls von Katar richten sich jetzt die Augen vieler Fachleute auf Tansania. Dort wurden vor zehn Jahren mutmasslich riesige Vorkommen von Helium nachgewiesen. Drei Firmen versuchen zu zeigen, dass sich das Edelgas wirtschaftlich fördern lässt.Ras Laffan ist eine Industrieansiedlung in Katar, die für den Heliumhandel eine so grosse Bedeutung hat wie kein anderer Ort auf der Erde.Hannibal Hanschke / EPA2016 wurde in Tansania Helium (wieder)entdecktJon Gluyas von der Durham University war an der Entdeckung der Heliumvorkommen vor zehn Jahren beteiligt. Schon in den 1960er Jahren habe ein britischer Geologe beobachtet, dass heliumhaltige Gasblasen aus dem Rukwasee in Tansania aufgestiegen seien, erzählt er. Das wurde lange ignoriert – bis im Dezember 2015 ein Postdoktorand der Oxford University gebeten wurde, Proben von den Gaslecks im Rukwasee zu nehmen. Es stellte sich heraus, dass sie 90 Prozent Stickstoff und 10 Prozent Helium enthielten.Der Heliumanteil ist damit hundertmal so hoch wie in Vorkommen in Katar oder den USA. Das weckt grosse Hoffnungen, reicht aber noch lange nicht aus, um zu sagen, ob eine Förderung in Tansania wirtschaftlich wäre. Viele Bedingungen müssen passen – zum Beispiel muss das Gasvolumen ausreichend gross und gut erschliessbar sein, und dazu fehlen noch genaue Daten.Gluyas berät das australische Unternehmen Noble Helium, das für den Sommer Testbohrungen angekündigt hat. «Sie werden versuchen, Gas zu fördern und dabei zu messen, wie sich die Fliessrate mit der Zeit verändert.» Daraus könne man das Volumen berechnen. Neben Noble Helium untersuchen auch die Firmen Rift Helium und Helium One, ob sich das Edelgas in Tansania wirtschaftlich fördern lässt.Auch die Firma Helium One will in Tansania Helium fördern (Bild vom 7. November 2023).PDFür die Förderung wird viel Infrastruktur benötigtGrundsätzlich sind die geologischen Umstände günstig. In Tansania gebe es viele sehr alte Gesteine, in denen Uran und Thorium vorkommen würden, sagt Gluyas. Das Helium, das dort durch radioaktiven Zerfall entstehe, sammle sich in wasserhaltigem, porösem Sandstein. Schwer durchdringbare Gesteinsschichten verhinderten, dass das Helium nach oben entweiche. Das Edelgas wurde in unterschiedlichen Tiefen gefunden, teilweise keine hundert Meter unter der Oberfläche, teilweise in einer Tiefe von mehr als tausend Metern.Falls die Testbohrungen erfolgversprechend sind, muss viel Infrastruktur aufgebaut werden – so braucht es etwa Anlagen, um das Helium vor Ort auf eine Konzentration von 99 Prozent anzureichern. Auch müssen Transportmöglichkeiten geschaffen werden, etwa per Zug und Schiff. Frühestens in fünf Jahren könne man Helium aus Tansania an Kunden ausliefern, sagt Gluyas. Aber das sei gegenwärtig Spekulation.In der Theorie sieht die Sache machbar aus. Man könnte den Stickstoff gut durch Abkühlung und Verflüssigung vom Helium trennen, erläutert der Geochemiker Henner Busemann von der ETH Zürich. «Das kostet allerdings eine Menge Energie, denn dafür muss man sehr tiefe Temperaturen erzeugen.»Es sei sicherlich sinnvoll, bei den Helium-Lieferquellen zu diversifizieren, sagt Busemann. Wenn es dann eines Tages im Nahen Osten die nächste Krise gebe, verfüge man über ein weiteres Standbein. Ob sich eine Förderung in Tansania lohne, sei aber eine noch offene Frage.Das seltene Helium-3 liesse sich auf dem Mond abbauenHenner Busemann ist Spezialist für Edelgase, die in Meteoriten und Asteroiden eingeschlossen sind. In den Brocken aus Gestein und Eis aus dem All steckt auch Helium. Es handle sich aber um anders zusammengesetztes Helium, erklärt der Geochemiker. Meteoriten und Asteroiden enthalten zwar ebenfalls Helium-4, aber ausserdem vergleichsweise viel von einem anderen Isotop, also einer anderen Form desselben chemischen Elements: Helium-3.Der Unterschied zwischen den beiden Isotopen steckt im Kern der Atome: Helium-3 hat nur ein Neutron, Helium-4 dagegen zwei. Beide sind beim Urknall entstanden. Doch anders als sein häufigeres Pendant entsteht Helium-3 nur äusserst selten durch radioaktiven Zerfall.Auf der Erde ist Helium-3 extrem rar. Trotzdem hat es wichtige Anwendungen. Zum Beispiel kann man mit seiner Hilfe den Schmuggel von kernwaffenfähigem Material aufdecken. Ausserdem lassen sich mit einer Mischung aus Helium-3 und Helium-4 Quantencomputer kühlen. Drittens könnte Helium-3 in Kernfusionsreaktoren mit Deuterium verschmolzen werden, um Energie zu erzeugen – und dabei würde keinerlei radioaktiver Abfall entstehen.Auf dem Mond ist, anders als auf der Erde, sehr viel Helium-3 zu finden, nämlich in einem Gestein an der Oberfläche namens Regolith. Dieses eigne sich gut als Begründung, wieder zum Mond zu fliegen, sagt Busemann mit einem Lächeln. Man könne die Steine auf dem Mond schmelzen, das Helium abbauen und es zur Erde fliegen.Busemann hält das aber für viel zu aufwendig. Geringe Mengen von Helium-3 gibt es nämlich auch in den Heliumvorkommen auf der Erde. Diese Mengen des Isotops stammen vor allem aus dem uralten Inneren des Planeten. Wenn man auf der Erde an das rare und sehr teure Helium-3 kommen wolle, könne man es aus den irdischen Heliumvorkommen abspalten, sagt Busemann.Passend zum Artikel
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