Nein, Hannover ist nicht Paris, Cinja Tillmann lacht. Allein weil es in Niedersachsen keinen Eiffelturm gibt. Die Beachwettbewerbe bei den Sommerspielen 2024 unter dem berühmten Wahrzeichen werden vom Flair her „kaum zu toppen sein“, sagt die mehrmalige deutsche Meisterin. Aber ganz schlecht, so viel hat die Beachvolleyballerin schon herausgefunden, ist das Setting bei den Finals in Hannover auch nicht.Wenn rund 4000 Aktive aus 24 Sportarten von Donnerstag bis Sonntag in der Hauptstadt Niedersachsens ihre deutschen Meister küren, wird an den Beachvolleyballern kein Weg vorbeiführen. Tillmann und ihre Kolleginnen und Kollegen spielen direkt in der Stadtmitte, auf dem Opernplatz, vor Hannovers wichtigstem Konzerthaus, das einst 1852 als Königliches Hoftheater eröffnet und nach einem Bombentreffer im Zweiten Weltkrieg neu aufgebaut wurde. Nur wenige Gehminuten vom Kröpcke, dem zentralen Platz, und vom Hauptbahnhof entfernt wird die Sandarena aufgeschlagen. Mehr mittendrin geht nicht.„Schon cool, dass Beachvolleyball bei so einem großen Event für jeden sichtbar ist“, sagt Tillmann. Für die Sportart, die erstmals bei den Finals vertreten sein wird, „ist das auch eine Wertschätzung“.Finals in Dresden:Zusammen sind sie aufregenderDer Sport kommt zu den Menschen: Bei den Finals in Dresden erleben viele Sportler so viel Zuspruch wie sonst nur bei Olympia. Und die Zuschauer entdecken neue Sportarten. Finden sich so auch neue Talente?Hannover wird an diesem verlängerten Wochenende keine Sekunde stillstehen. Tagsüber Spitzensport, abends das größte Volksfest der Stadt, so der Plan der Macher. Das Maschseefest lockt auch in normalen Jahren mehr als zwei Millionen Besucher an; diesmal kommen noch die Sportler und Sportfans aus der ganzen Republik dazu. Von der „größten Sportveranstaltung in Hannover seit der Fußball-WM 2006“, spricht Belit Onay, der grüne Oberbürgermeister. Die Wettkämpfe finden in der ganzen Stadt statt, am Opernplatz, am Neuen Rathaus, am Maschsee, auf der Leinewelle am Altstadtufer, in der Arena der Bundesliga-Handballer auf dem Messegelände. Gesegelt wird in 30 Kilometer Entfernung auf dem Steinhuder Meer, auch die Entscheidungen im Triathlon finden hier statt.Für die meisten Wettbewerbe ist der Eintritt frei. Die Zuschauer sollen herumschlendern können, neue Sportarten entdecken, von den kurzen Wegen profitieren. Man wolle „den Menschen ein zweites Sommermärchen schenken“, sagt OB Onay. Gerade in einem Jahr, in dem die Fußballer bei der WM so enttäuscht haben. ARD und ZDF fahren jedenfalls ein großes Programm, werden an allen Wettkampftagen live aus Hannover berichten. Im Internet planen die Sender mit rund 100 Stunden Livestreaming.„Mal gucken, wie das angenommen wird“, sagt Beachvolleyballerin Cinja TillmannIm Vergleich zu den Finals 2025 in Dresden ist manches neu, einiges ausgeweitet und neu gedacht. Statt 20 sind es nun 24 Sportarten, gleich zehn neue Disziplinen sind dabei, darunter traditionsreiche Wettbewerbe wie Schwimmen und Segeln, aber auch BMX Flatland, Rapid Surfen und Ju-Jutsu. Auch die 3×3-Basketballer, die Turner und Gewichtheber sind wieder dabei. Insgesamt 143 Meistertitel werden an vier Tagen vergeben; nur die Leichtathleten wurden ausgelagert. Da Hannover über kein geeignetes Stadion verfügt – die Arena der Zweitligafußballer von Hannover 96 hat keine Tartanbahn –, finden die Wettbewerbe gleichzeitig im Lohrheidestadion im Bochumer Stadtteil Wattenscheid statt. Als kleine Abordnung starten immerhin die Stabhochspringer in Hannover, auch sie springen am Opernplatz in der Stadtmitte.Auch beim Beachvolleyball ist manches neu. Die Wettbewerbe werden im seltenen Klubmodus ausgetragen. Ein Team besteht aus zwei Duos, jede Begegnung startet mit zwei klassischen Spielen im 2-vs.-2-Format. Dann jedoch, sollte es anschließend unentschieden stehen, entscheidet ein „Golden Set“ im 4-vs.-4-Format. Das ist ein Novum, so tritt Cinja Tillmann nicht nur im eingespielten Duo mit ihrer Partnerin Svenja Müller an, sondern auch mit zwei weiteren Spielerinnen: Sandra Ittlinger und Kim van de Velde.In dieser Ausprägung ist das Format für alle neu. „Mal gucken, wie das angenommen wird“, sagt Tillmann. Gerade im Vier-gegen-vier komme es „auf gute Absprachen an, da wir mit zwei Personen mehr auf dem Feld stehen“. Ist das nun alles Spielerei? Oder nötige Innovation, um die Sportart weiterzuentwickeln und bei den Finals ansprechend zu präsentieren? „Wir freuen uns, sonst würden wir das nicht machen“, sagt Tillmann.Spätestens, wenn ihr eigener Wettkampf am Samstag endet, will Tillmann die Zeit nutzen, um bei anderen Sportarten vorbeizuschauen. Da wird sie sehen, dass die Experimentierfreude auch andere Disziplinen erfasst hat. So testet die Rhythmische Sportgymnastik ein neues Wettkampfformat: Es heißt RSG-Duos, zwei Gymnastinnen absolvieren die Übungen gemeinsam, mit zwei Bällen und zwei Reifen. Weltweit wurde dieses neue Format noch nie ausgetragen, eine Premiere.Die Schwimmer präsentieren in Hannover ebenfalls einen neuen Modus: Sprintrennen im Eliminationsformat, bei dem mehrere Rennen nacheinander ausgetragen werden und die langsamsten Starter jeweils ausscheiden. Die Pausen zwischen den Rennen betragen nur wenige Minuten; für die Aktiven bedeutet das erheblichen Zeitdruck bei kaum nennenswerter Regenerationszeit. „Ich finde es cool. Man sollte immer wieder mal gucken, was man den Leuten bieten kann, damit man Sportarten vielleicht ein bisschen spannender macht“, sagt Luca Armbruster, der Favorit über 50 Meter Schmetterling, in einem Podcast.Und noch einer freut sich: Andreas Toba, der deutsche Turnheld bei Olympia 2016 in Rio, der das deutsche Team damals ins Finale führte, obwohl er sich zu Beginn seiner Übung das Kreuzband gerissen hatte. Seine internationale Karriere hat Toba 2025 beendet, für die Finals in seiner Heimatstadt hat er sich aber aufgerafft – und tatsächlich qualifiziert. Er sei jetzt 35 Jahre alt und deshalb „frei von Zwängen und Ergebnissen“, sagte Toba der Hannoverschen Allgemeinen: „Ich mache einfach das weiter, was ich so sehr liebe und mir so viel gegeben hat.“ Für Toba wird es der erste große internationale Wettkampf in seiner Heimatstadt sein.
Finals in Hannover: 143 Meistertitel im deutschen Sport
Wie sehr müssen sich Sportarten verändern, um fürs Publikum attraktiv zu bleiben? Bei den Finals in Hannover werden an vier Tagen zahlreiche Titel vergeben – manche in überraschenden Disziplinen und Formaten.











