Alphabet verdient mit Youtube und Suchresultaten so viel wie noch nie – und doch reicht das nicht, um die enormen Investitionen in KI zu finanzierenErstmals seit dem Börsengang 2004 weist der Google-Konzern ein Quartal mit negativem Cashflow vor. Und kündigt an, die Ausgaben für Rechenzentren nochmals um 15 Milliarden Dollar hochzuschrauben.23.07.2026, 03.29 Uhr5 LeseminutenDer Alphabet-CEO Sundar Pichai konnte sehr gute Resultate vorweisen. Er überraschte Beobachter aber mit der Aussicht, dass die Investitionen erneut steigen würden.Manuel Orbegozo / ReutersFast könnte einem das Investor-Relations-Team von Alphabet leidtun. Quartal für Quartal legt der Google-Konzern bärenstarke Zahlen vor. Umsatz und Gewinn steigen an, die Profitabilität ist hoch.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Und doch interessiert die Anleger in jüngster Zeit fast nur eine Frage: Investiert Alphabet nicht doch zu viel in seine KI-Infrastruktur?An diesem Mittwochabend hat der Tech-Riese aus Mountain View die Ergebnisse seines zweiten Quartals vorgelegt – und es spielte sich wieder genau so ab. Alphabet vermeldete einen Umsatz von 119,8 Milliarden Dollar, ein Plus von 24 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal, und überraschte Analysten damit positiv.Der Nettogewinn vervierfachte sich sogar auf kaum fassbare 112 Milliarden Dollar. Das liegt aber zum grossen Teil daran, dass Alphabet sehr früh in das Raumfahrtunternehmen SpaceX investiert hatte. Diese Beteiligung erfuhr mit dem Börsengang von SpaceX im Juni einen kräftigen Bewertungsgewinn.Aber auch operativ läuft es rund. Die Betriebsgewinnmarge von Alphabet stieg um 2 Prozentpunkte auf 34 Prozent an. Besonders erfreulich ist das Wachstum der Cloud-Sparte von Google, in welcher die KI-Angebote des Konzerns untergebracht sind. Sie steuerte 24,8 Milliarden Dollar bei, ein Plus von 82 Prozent. «Wir wurden noch zuversichtlicher im Lauf des vergangenen Jahres», resümierte der CEO Sundar Pichai, was die Aussichten für das auf KI basierende Geschäft anbelange.Die Ausgaben steigen und steigenDennoch tauchte die Aktie im nachbörslichen Handel, just als Pichai und sein Team den Analysten die Resultate genauer erläuterten, um bis zu 3 Prozent. Abermals treibt die Anleger die Sorge um, dass Google zu viel in seine KI-Pläne investiert und es diese Ausgaben nicht wieder gewinnbringend einspielen kann.Es stachen vor allem zwei Dinge ins Auge. Erstens verzeichnete Alphabet einen negativen Cashflow von 5,9 Milliarden Dollar. Anders gesagt: Auch ein rekordhoher Gewinn im Kerngeschäft reichte nicht aus, um die vor allem in die KI-Infrastruktur fliessenden Investitionsausgaben von 45 Milliarden Dollar zu stemmen. Es ist ein unschönes Novum für Google. Seit seinem Börsengang vor 22 Jahren hatte der Konzern in jedem Quartal einen positiven Cashflow ausgewiesen.Zweitens hat Alphabet abermals seinen Investitionsplan angepasst – eine Schlüsselmetrik für Marktbeobachter. Bisher setzte sich das Unternehmen das Ziel, im laufenden Jahr 180 bis 190 Milliarden Dollar zu investieren, jetzt gab die Finanzchefin Anat Ashkenazi eine neue Bandbreite von 195 bis 205 Milliarden Dollar an. Man wolle die Kapazität schneller ausrollen, weil die Nachfrage so hoch sei, begründete sie. Der Cashflow werde wegen des Ausbauprogramms weiterhin unter Druck bleiben, kündigte Ashkenazi zudem an.Bis 2025 konnte Alphabet die wachsenden Investitionen in KI-Rechenzentren aus der eigenen Portokasse zahlen, weil das Geschäft mit der Onlinesuche, das noch immer mehr als die Hälfte zum Konzernumsatz beisteuert, derart profitabel war. Der Gewinnbeitrag von Google Search ist nun zwar weiter angewachsen, konnte mit den explodierenden Ausgaben für KI-fähige Chips und Rechenzentren aber nicht mehr mithalten.Es ist schwierig, diese 45 Milliarden Dollar und die enorme Geschwindigkeit zu erfassen, mit denen der einst als reiner Suchmaschinenanbieter bekannt gewordene Konzern gerade sein Geschäft umbaut. 2023 hatte Alphabet noch 32 Milliarden Dollar an Investitionsausgaben getätigt – im gesamten Jahr. Sundar Pichai erwartet, dass sich das Umfeld für Technologiekonzerne wegen KI fundamental verändert, und setzt deshalb alles daran, dass Alphabet als Sieger aus diesen Umwälzungen hervorgeht.Der stabilste HyperscalerDie Börsianer messen den Resultaten von Alphabet für einmal besonders hohe Bedeutung zu, weil der Konzern seine Halbjahreszahlen eine Woche vor Microsoft, Amazon und Meta publiziert, seinen schärfsten Konkurrenten im Rennen um den Ausbau der KI-Infrastruktur. Google wurde somit unweigerlich zum Seismografen dafür, wie es um die Gesundheit der ganzen Branche bestellt ist.Gemessen an den riesigen Erwartungen und trotz der Enttäuschung der Anleger, die sich im nachbörslichen Kursrückgang ausdrückt, hat Alphabet ein wirklich gutes Ergebnis vorgelegt. Sundar Pichai musste ein eigenartiges Gleichgewicht bewahren, was das Wachstum der Investitionen für KI anbelangt: Hätte Alphabet sinkende Investitionsausgaben angekündigt, hätten das die Märkte als Bestätigung gesehen, dass der KI-Boom bereits erlahmt. Die Aktien derjenigen Unternehmen, welche die Hyperscaler beliefern – die Speicherchip-Hersteller Micron und SK Hynix oder der Chipentwickler Nvidia beispielsweise –, wären unter Druck geraten.Hätte Alphabet seine Investitionsausgaben dagegen noch stärker gesteigert, hätte sich sofort die Sorge breitgemacht, dass das Unternehmen übermarcht – und sich diese Investitionen niemals rentieren werden, weil die Nachfrage nicht Schritt halten kann.Diese Zweifel werden vor allem aus den vielen zirkulären Abkommen gespeist, welche die Hyperscaler mit den führenden Herstellern von KI-Modellen, Open AI und Anthropic, abgeschlossen haben. Die Hyperscaler finanzieren den Infrastrukturbedarf ihrer Grosskunden vor und müssen hoffen, dass diese ihrerseits später genug einnehmen werden, um ihre Rechnungen begleichen zu können.Weil sich Open AI und Anthropic aber einen immer schärferen Preiskampf liefern und darüber hinaus chinesische Anbieter mit sehr günstigen Modellen auf den Markt drängen, ist alles andere als sicher, ob die KI-Pioniere die Beliebtheit ihrer Dienste jemals so monetarisieren können, wie das ihre Geschäftspläne vorsehen.Google verliert trotz KI-Chatbots keinen TrafficFür Alphabet spricht in diesem Wettlauf, dass es zu einem «Full stack»-KI-Anbieter geworden ist. Es entwickelt und verkauft eigene, auf KI-Nutzung optimierte Chips, baut Rechenzentren für sich und seine Kunden, trainiert unter dem Namen Gemini eigene Modelle und nutzt diese, um die Google-Suche und Youtube zu verbessern.Zum Beispiel kann es Google gemäss eigenen Angaben auch dank der integrierten KI-Suche vermeiden, dass der enorme Traffic, den seine Suchmaschine anzieht, zu anderen KI-Chatbots wie Chat-GPT oder Grok abwandert. Philipp Schindler, der Vertriebs- und Marketingchef, sagte an diesem Mittwoch, dass der KI-Modus und die KI-Übersicht, die Google oberhalb der Suchresultate routinemässig anzeigt, dazu führten, dass die Nutzer tieferschürfende Fragen stellen würden.Auch Amazon und Microsoft versuchen, sich zu «Full stack»-Anbietern weiterzuentwickeln, doch dürfte Alphabet diesem Ziel derzeit am nächsten kommen. Die Aktionäre haben die Anstrengungen des Konzerns honoriert. Der Kurs von Alphabet hatte sich von Juli 2025 bis im Mai verdoppelt.In den vergangenen zwei Monaten haben sich die Investoren indes zurückgehalten, und der Titel verlor etwa 15 Prozent an Wert. Anfang Juni hat Alphabet überraschend angekündigt, rund 80 Milliarden Dollar an frischem Kapital aufzunehmen, um seine KI-Investitionen zu finanzieren. Zudem verlor das Unternehmen zahlreiche Schlüsselpersonen aus seiner KI-Sparte an Konkurrenten wie Open AI und Anthropic. Manche Beobachter wurden auch ungeduldig, was das Erscheinungsdatum der nächsten Entwicklungsstufen von Gemini anbelangt, weil die Konkurrenz jüngst deutlich verbesserte Modelle veröffentlicht hat.Pichai sprach indes von guten Fortschritten bei Gemini 3.5 Pro, dem noch unveröffentlichten Flaggschiffmodell der jetzigen Generation, sowie bei der nächsten Generation, Gemini 4.Alles in allem hat sich Alphabet angesichts der astronomisch hohen Erwartungen achtbar geschlagen. Microsoft, Meta und Amazon werden nächste Woche nachlegen müssen.Passend zum Artikel