„Ich war zu langsam“, sagt Martin Piekar. Zehn Jahre lang hat der Frankfurter Dichter an seinem ersten Roman geschrieben – und sehr gehofft, dass seine Mutter ihn noch würde lesen können. Doch am 17. März 2023 ist Regina Cieślik gestorben. Heißt es zumindest im Buch, von dessen Figuren Martin Piekar am liebsten wie von fiktionalen Charakteren spricht. Schließlich rufe doch alles Erzählen die Vorstellung einer Wirklichkeit hervor: Was genau geschehen, empfunden, erfunden ist, lässt sich selten bis ins Kleinste trennen.Im Gespräch, das in voller Länge im Bücher-Podcast der F.A.Z. zu hören ist, verschwimmen die Grenzen schnell – zwischen dem Autor und seinem Erzähler Marcin, Lyriker und Lehrer wie er, aber auch zwischen der Regina Cieślik im Buch und der Regina Cieślik, der „Vom Fällen eines Stammbaums“ gewidmet ist. „Ich lese dein Buch, und ich höre deine Mutter“, hat ihm ein Freund geschrieben, erzählt Martin Piekar.Im Buch heißt dieser Freund Mogli. Keine dreißig Seiten vor Ende des Romans steht er mit den anderen auf dem Friedhof vor der Urnenwand und nennt Regina „eine zweite Mutter“. Er habe so viel von ihr bekommen, vor allem Liebe. Auch Felix und Drachy sprechen von ihrer Liebe. Selbst Charlotte. Dabei war sie es doch, die Marcin in einer der ersten Szenen des Buchs vorgeschlagen hatte, den Kontakt zu Regina abzubrechen. Da war Marcin 27 und mit Charlotte zusammen, die beiden planten eine Reise nach Polen, in die Stadt, in der Regina aufgewachsen war, zum Zwillingsbruder der Mutter. Vielleicht würden sie auch seinen Vater treffen, der nach ein paar Jahren in Deutschland wieder zurückgekehrt war.Die denkbar wildeste Lebensgeschichte„Wenn du gehst nach Polen, du bist nicht mehr meine Sohn“, hatte die Mutter in ihrer Verzweiflung gedroht – und Marcins Hinweis, immerhin komme sie aus diesem Land und irgendwie auch er, empört zurückgewiesen: „Nie! Nie! Ich bin Dojcze! Ich treume auf Dojcz und ich hasse diese Polen! Du bist keine Pole!“ Verrückt war Regina, das sagen die Freunde auch in dieser Szene vor der Urnenwand, verrückt, lustig und starrköpfig. Sie hatte immer die wildesten Geschichten, sagen sie, und sie war immer für einen Spaß zu haben.Auch die denkbar wildeste Lebensgeschichte hatte Regina Cieślik: geboren in einem Straflager in Sibirien als Tochter einer vermeintlichen Kollaborateurin und eines SS-Majors. In Polen Lehrerin für Mathematik und Sonderpädagogin, nach ihrer Flucht nach Deutschland Pflegerin, bis ihre Kräfte sie verlassen hatten, bis sie alkoholkrank wurde, erst von ihren Ängsten und dann auch von ihrem Körper in der Wohnung festgehalten, wo sie die Wände angeschrien hat, während sich ihr jugendlicher Sohn im Zimmer nebenan in Nu-Metal und Computerspiele flüchtete.Was ist mit all den Toten?In „Vom Fällen eines Stammbaums“ erzählt Martin Piekar von dieser Zeit äußerster Verzweiflung, von einem Kräfte- oder vielmehr Kraftlosigkeitsverhältnis, das sich langsam verschiebt. Bis das überforderte Kind, das nicht anders kann, als seiner Mutter zu helfen, zum jungen Mann herangewachsen ist, der selbst entscheidet, wie nah er seiner Mutter kommen möchte, wobei er sie unterstützt und womit er sie auch besser alleinlässt. Der weiß, dass er sich schützen muss. Der selbst entscheidet, wohin mit seiner Liebe. Und der sich trotzdem weiter um seine Mutter kümmert.„Ich hasse es, mein Buch selbst zu beschreiben“, sagt Martin Piekar im Gespräch. Lieber trägt er zusammen, welche Bezeichnungen anderer er treffend findet: eine Liebesgeschichte auf ihre Art, ein Beziehungsbuch. Kein klassischer Coming-of-Age-Roman, aber mit Anteilen. Ein Bildungsroman. „Was ich echt schön finde. Ich hoffe, dass man anders aus ihm herausgeht, als man hineingegangen ist.“ Ein Pflege-Roman. Eine postmigrantische Familiengeschichte. Ein Familienroman, der allerdings darauf beruht, dass die meisten Menschen dieser Familie tot sind. „Die Frage ist: Wie geht man eigentlich mit den Toten in der Familie um?“, fragt der Autor.Unausweichliche FragenFamilie, das hieß für Regina lange Jahre: sie und ihr Sohn. Die eigene Mutter, Marcins Großmutter, ist gestorben, als der Junge acht war. Er hatte seine Mutter von der Arbeit im Altenheim abgeholt, und sie hatten Babcia Wala zu Hause im Küchenstuhl liegend gefunden. Reginas Mann war zurückgekehrt. Familie hieß auch für Marcin lange Zeit: er und seine Mutter. Bis er nach Polen fährt und sich erzählen lässt. Bis ein Zwillingsbruder seiner Mutter in seinem Blickfeld auftaucht, ein eigener Bruder, nach langen Jahren wieder der Vater. Bis er mit der Nachricht nach Hause zurückkehren kann, dass Babcia Wala in Polen nicht länger als Kollaborateurin gilt, sondern als Verschleppte anerkannt worden ist. Bis er die ewige Antwort seiner Mutter, die Geschichten von früher seien so furchtbar, das wolle er alles gar nicht wissen, nicht länger gelten lässt.„Als Teenager war mir das Aufwachsen meiner Mutter egal“, erinnert sich Martin Piekar, „ich war beschäftigt mit meinem eigenen Aufwachsen.“ Aber irgendwann fange man an, nachzudenken: „Weswegen bin ich eigentlich so? Ich habe bestimmte Eigenschaften, habe ich die nur von meiner Mutter? Möchte ich die haben, möchte ich die ablegen? Woher kommen wir eigentlich? Warum ist meine Mutter so?“ Und diese Fragen werden mit der Zeit grundsätzlich: „Was war da historisch, was politisch? Welches Klassenbewusstsein steckt dahinter, welche ökonomische Situation?“Nur weil sie nicht feinstes Hochdeutsch redetEin Pflege-Roman – wenn es diese Kategorie gibt – ist „Vom Fällen eines Stammbaums“ auf mehreren Ebenen: Er erzählt von einer gut ausgebildeten Frau, der nach ihrer Flucht allein dieses Berufsfeld offensteht. Im Gespräch ergänzt der Autor, dass dem Freund, der als Mogli im Buch vorkommt, auch eine Generation später auf dem Amt noch nahegelegt wurde, in die Pflege zu gehen, dann sei auch sein Aufenthaltsstatus sicher. Dass Regina die Arbeit bei aller Härte schätzt, ist immer spürbar. Dann wird sie selbst zum Pflegefall – und wehrt sich mit Händen und Füßen gegen die Zugeständnisse und Zumutungen, die damit verbunden sind. Und mit der ihr eigenen Wortgewalt. Die Szenen, in denen Marcin seine Mutter zum Kauf eines Rollators bewegen kann und davon überzeugt, einen mobilen Pflegedienst in ihre Wohnung zu lassen, gehören zu den zugleich bewegendsten des Buchs.Überhaupt, die Wortgewalt der Mutter: Wer „Vom Fällen eines Stammbaums“ liest, kommt nicht umhin zu staunen über die Eigenwilligkeit, die Farbigkeit, die Kraft dieses gebrochenen Deutschs einer gebrochenen Frau. „Sie ist eine Person, die sprechen möchte, die Kommunikation will, aber gleichzeitig diese Kommunikation auch fürchtet“, sagt Martin Piekar. Er sieht Menschen in diesem Land nicht als sprachohnmächtig, nur weil sie nicht feinstes Hochdeutsch reden. Viel zu oft werde Glaubwürdigkeit oder Intelligenz damit verknüpft. „Meine Mutter hat länger in diesem Land gelebt als in jedem anderen dieser Welt – vierzig Jahre. Sie konnte gut Deutsch, so gut Deutsch, dass sie jeder verstanden hat. Sie hat mit starkem Akzent gesprochen und manche Wörter immer anders ausgesprochen. Aber es war verständlich!“Ein unterschätztes BeziehungsmodellEs braucht nicht das Gespür eines Dichters, um die herbe Schönheit dieser Sprache zu erkennen. Aber es brauchte sie wohl, sie einzufangen. Martin Piekars Sprachempfinden trägt das gesamte Buch, in den Momenten der Grausamkeit wie in denen der Ausgelassenheit, in denen neuer Erfahrungen wie im Festhalten der Schleifen, die das Leben für Pflegebedürftige genauso wie das Leben mit ihnen ausmachen. Für seinen Marcin ist Lyrik einer der beiden großen Rettungsanker. Songzeilen durchziehen die Erzählung, er liest Eichendorff, entdeckt erst zögernd, dann begeistert zeitgenössische Dichtkunst, die aus der gesprochenen Sprache kommt. Er schreibt selbst, veröffentlicht, bekommt Resonanz. Er habe angefangen, Gedichte zu schreiben, „weil ich nicht gut genug bin, um Sänger in einer Metal-Band zu werden, aber auf Worte total stehe“, sagt Martin Piekar. Und, in Anlehnung an Charles Bukowski: Auch für ihn sei Poesie „der erste Weg gewesen, nicht wahnsinnig zu werden“.Der zweite Anker: seine Freunde. „Freundschaft ist ein unterschätztes Beziehungsmodell in dieser Gesellschaft“, sagt Martin Piekar: „Familie ist toll, wenn sie einem guttut, aber ich habe eben auch ganz viele Familien kennengelernt, die Menschen nicht gutgetan haben.“ Sein Roman handelt von beidem, der Freundschaft und der Familie, ohne die eine gegen die andere auszuspielen. Dass er so robust wie zartfühlend beschreibt, wie sie ineinandergreifen und damit das Beziehungsgeflecht ausmachen können, auf dem sich Persönlichkeit entwickelt und in dem ein Menschenleben Halt findet, gehört nicht zu den kleinsten Stärken dieses großen Debüts.
Martin Piekars Debüt "Vom Fällen eines Stammbaums"
Es ist nicht einfach zwischen dieser Mutter und diesem Sohn. Und doch hätte Martin Piekar sich gewünscht, seine Mutter hätte den Roman noch lesen können, in dem er von den beiden erzählt. Er ist wenig schmeichelhaft, aber um so liebevoller.







