Eltern pubertierender Kinder fürchten kaum etwas so sehr wie: das Zimmer ihres Nachwuchses betreten zu müssen. Sich durch das Chaos an schmutziger Wäsche und benutztem Geschirr am Boden sowie durch den Geruchsmix aus abgestandener Luft und billigem Deo bis zum Bett durchzukämpfen, kommt einer Expedition in die unbetretenen Areale des Amazonas gleich.Die Lösung, die Eltern in diesem Moment durch den Kopf schießt, könnte dann heißen: Internat. So regelt das zumindest die britische Königsfamilie mit ihrem Nachwuchs in den wilden Teenagerjahren und nennt das dann angemessene Ausbildung eines Thronfolgers. Für Prinz George, der an diesem Mittwoch 13 Jahre alt geworden ist, heißt das: Auszug von zu Hause. Von September an wird er das Eton College besuchen, das Bootcamp der britischen Elite, wo die Eskapaden testosterongesteuerter Jungen unter externer Kontrolle stehen.George ist bislang – für einen britischen Royal – sehr familiär aufgewachsen. Seine Eltern Kate und William waren bemüht, ihm eine möglichst normale Kindheit zu ermöglichen. Klar, als derjenige, der nach seinem Opa und seinem Vater den Thron besteigen wird, weiß er längst, wie er sich in Gegenwart von Fotografen verhalten muss: unauffällig, lächelnd, winkend. Bloß nicht aus der Reihe tanzen oder Faxen machen wie sein jüngerer Bruder Louis. Ein paar offizielle Fotoauftritte im Jahr gehören seit seiner Geburt für George dazu, ansonsten haben die Paparazzi ihn bislang weitestgehend in Ruhe gelassen.Gerade mal ein paar Stunden alt und schon weltberühmt: Prinz George mit seinen Eltern am Tag nach seiner Geburt. Leon Neal/AFPIm Gegensatz zu seinem Opa, König Charles III., wurde George nicht im Palast unterrichtet, sondern mit vier Jahren an der Thomas’s Battersea School in London eingeschult. Später wechselte er auf die Lambrook School, eine Privatschule, die Kinder auf ihre Ausbildung an Elite-Schulen wie etwa Eton vorbereitet. Die Normalität seiner Schulzeit bestand bislang darin, dass er nicht von einem Chauffeur zur Schule gebracht wurde, sondern von seinen Eltern. Kate und William sollen außerdem Spaß daran haben, viele Ausflüge in die Natur mit ihren Kindern zu machen und ihnen ein enges Verhältnis zu ihren Großeltern zu ermöglichen. „Umarmungen sind sehr wichtig. Das sage ich auch meinen Kindern“, hat Kate mal in einem Gespräch mit Schaulustigen gesagt. Also Muttertyp: bindungsorientiert.Eine ganz spezielle Art der Bindung hat die Mutter von Georges Urururururoma, Königin Victoria, kultiviert. Victoria stand bis zur Thronbesteigung 1837 unter absoluter Kontrolle ihrer Mutter und dem Nachlassverwalter ihres Vaters, John Conroy. Sie musste, bis sie 18 Jahre alt war, im Schlafzimmer ihrer Mutter übernachten, hatte nahezu keinen Kontakt zu anderen Kindern, durfte nicht mal eine Treppe allein hinuntergehen und wurde im Kensington Palast komplett von der Außenwelt und der übrigen Verwandtschaft abgeschirmt. Unterrichtet wurde sie zu Hause. Das „Kensington System“ wurde dieser Erziehungsstil genannt, in dem es darum ging, durch Isolation Macht über Victoria und letztlich in der Politik zu erlangen. Die Folge waren Wutausbrüche Victorias, die sich mehr Selbstbestimmung wünschte, und irgendwann der Bruch mit ihrer Mutter.Elizabeth entwickelte einen Ordnungsfimmel und stellte ihre Schuhe immer in exakten Abständen aufAls Victoria schließlich selbst Mutter wurde, war es ihr Ehrgeiz, ihre Kinder zu moralisch gefestigten Persönlichkeiten zu erziehen und sie auf ihre Aufgaben innerhalb der königlichen Familie vorzubereiten. Sie prägte die Royal Family als ein Ideal für das gesamte Volk. Die nach ihr kommenden königlichen Generationen versuchten, dieses Ideal weiterzuführen. Mit einer Art Besessenheit wollte man den Nachwuchs so früh wie möglich abhärten und unabhängig machen. Erziehung war nicht Aufgabe der Eltern, diesen Job übernahm das Personal – und zwar so intensiv, dass sich Eltern und Kinder so gut wie gar nicht zu Gesicht bekamen.Kurzzeit-König Edward VIII., Urgroßenkel von Victoria, Onkel von Queen Elizabeth und somit Ururgroßonkel von Prinz George, soll in seiner Jugend besonders unter diesem Erziehungssystem gelitten haben. So soll ihn eine seiner Nannys vor jedem ersehnten Treffen mit seinen Eltern heftig gezwickt haben, sodass er dann weinte und die genervten Eltern Kind und Nanny wieder wegschickten. Elizabeth II. soll, als sie noch Prinzessin war, unter dem Druck ihrer Erziehung einen zwanghaften Tic entwickelt und beispielsweise ihre Schuhe und Spielzeuge in exakten Abständen aufgestellt haben.Die Teenager-Zeit als eine wilde Achterbahnfahrt? Nicht ganz. Die 14-jährige Prinzessin Elizabeth (links) in einer Kutsche mit ihrer jüngeren Schwester Margaret. ImagoDer erste britische Thronfolger, der nicht mehr ausschließlich zu Hause unterrichtet wurde, war übrigens Prinz Charles, der heutige König. Sein Vater hatte für ihn das schottische Elite-Internat Gordonstoun ausgewählt, weil er dort selbst Schüler gewesen war. Für Charles eine „absolute Hölle“, wie er später sagte. Er wurde von den Mitschülern gemobbt, die täglichen kalten Duschen und die militärische Erziehung machten ihm so zu schaffen, dass er später einmal die Schule als Colditz in Kilts, eine Art Gefangenenlager im Schottenrock, bezeichnete. Seine Jugend war für ihn jedenfalls keine Zeit, in der er sich mit Freunden austoben und über die Stränge schlagen konnte.Prinz Charles im Alter von 19 Jahren, streng gescheitelt und sehr unwild. Peter Kemp/APVielleicht ist es diese Erfahrung, die dazu führte, dass Charles als Vater nicht besonders empathisch aufgetreten ist. Das hat seinen beiden Söhnen William und Harry vor allem nach dem Tod der Mutter zu schaffen gemacht, wie Harry in seiner Autobiografie „Spare“ erzählte. Für William, Georges Vater, wurde deshalb Eton zum Rückzugsort, wo er sich im Kreis seiner Freunde zu Hause fühlte. Harry gefiel es dort weniger, er sieht in seiner Schulzeit den Ursprung dafür, dass er später als der Rebellische und Böse unter den beiden Brüdern wahrgenommen wurde.Auch für Prinz George mag es nun ein Schock werden, sich in Eton unter Gleichaltrigen beweisen zu müssen. Aber vor allem deshalb, weil er aus einem Zuhause kommt, in dem seine Eltern 13 Jahre lang Wert darauf gelegt haben, ihm eine normale Kindheit zu ermöglichen. Aber vielleicht hilft ihm genau das dabei, die neue Freiheit mit ein paar Späßen unter Jugendlichen zu genießen. Sicher ist jedoch: Ein chaotisches und miefiges Kinderzimmer wird auch in Eton nicht als Selbstverwirklichung eines Teenagers akzeptiert werden.