Manche Dinge, die Thorsten Leibenath am Mittwoch beim ersten offiziellen Auftritt für seinen neuen Arbeitgeber wissen ließ, hat man so oder so ähnlich an selber Stelle schon mal gehört. Es gelte, eine Identität aufzubauen, im Team und im Verein, Leidenschaft und Enthusiasmus seien dafür unabdingbar. Svetislav Pesic etwa hatte dies in seinen letzten Tagen als Trainer der Basketballer des FC Bayern im SZ-Interview eingefordert, ehe die Münchner mit der Meisterschaft auch den letzten möglichen Titel der Saison verschusselten.Gleichwohl klang alles, was nun der neue Sportdirektor der zweiten Profi-Sparte des FC Bayern erklärte, sehr strukturiert und wohlüberlegt, zwei Charaktermerkmale, die den 51-Jährigen treffend beschreiben. Zur Seite hatte Leibenath in FCB-Präsident Herbert Hainer und Adrian Sarmiento, dem Kaufmännischen Geschäftsführer, die zwei Schwergewichte in der Organisation der Basketballer. Beide betonten, dass ihnen in der Verpflichtung des neuen Geschäftsführers Sport die Wunschlösung gelungen war.Basketball:Der Umbau bei den Bayern hat begonnenFünf Spieler müssen nach der titellosen und frustrierenden Saison den FC Bayern verlassen. In Weltmeister Johannes Thiemann und dem US-Spielmacher Duane Washington stehen die ersten Hochkaräter als Zugänge fest.Hainer erinnerte nochmals daran, dass die vergangene Saison maximal unbefriedigend verlaufen war, Meistertitel und Pokalsieg sowie das Erreichen der Playoffs in der Euroleague wurden bekanntermaßen verpasst. Auch dass sich an diesen Vorgaben kein Jota ändern werde, betonte der Präsident, weshalb die im Basketball übliche Erneuerung vor der kommenden Saison besonders umfangreich ausfällt. Denn in Trainer Pesic und Sportdirektor Dragan Tarlac wurde die komplette sportliche Führung ausgetauscht, in Anton Gavel wurde zudem ein Trainer verpflichtet, den mit Leibenath ein äußerst erfolgreiches Wirken beim Ligakonkurrenten Ulm verbindet. Im bayerischen Schwaben nämlich hatte das Duo 2023 die erste Meisterschaft für die Ulmer gewonnen – und dabei im Halbfinale den großen Titelfavoriten Bayern München düpiert.Dass sich dieses Erfolgsrezept nicht einfach mit den beiden Protagonisten wie ein Organ in einen neuen Klub einpflanzen lässt, verstehe sich indes von selbst, betonte Leibenath. Zu unterschiedlich seien Möglichkeiten und Arbeitsweise der Konkurrenten: „Ich bin hier bei einem beeindruckenden Unternehmen gelandet“, sagte Leibenath, bei dem er „unglaubliche Möglichkeiten“ vorfinde. Das betreffe nicht nur die finanziellen Vorgaben, auch „die Arbeit, die hier geleistet wird, ist unglaublich“.In Ulm hatten Leibenath und Trainernovize Gavel vor drei Jahren mit deutlich geringeren Mitteln das Maximum herausgeholt, indem sie einen Kader aus damals in Europa weitgehend unbekannten Schlüsselspielern zusammengestellt und zum Titel geführt hatten. Spieler, die, wie die Brasilianer dos Santos und Caboclo, danach eine erfolgreiche Euroleague-Karriere starteten. Nun darf das Duo mit einem ungleich „praller gefüllten Portemonnaie“ nach tauglichen Profis fahnden, wie Leibenath erfreut mitteilte.Zu diesem Zwecke etwa hatte er sich kürzlich in Las Vegas aufgehalten, wo sich in der sogenannten Summer League Spieler ohne Vertrag für die NBA empfehlen können. Mitteilenswerte Ergebnisse wollte er nicht verraten, allerdings gab er eine kurze Expertise zu den bereits bekannten München Neuerwerbungen ab: Weltmeister Johannes Thiemann, 32, sei ein Spieler „der jeder Mannschaft gut zu Gesicht steht“. In Tobias Jensen, 22, brachte Leibenath ein „junges aufstrebendes Talent“ aus Ulm mit, und in US-Center Austin Wiley, 27, komme ein Akteur, der zwar keine Euroleague-Erfahrung habe, aber „in allen Ligen, in denen er bisher spielte, im Rebounding Rekorde brach“.Spielmacher Duane Washington Jr., erst 26 Jahre alt, hat indes sowohl Euroleague- als auch NBA-Erfahrung, diese Mischung der Zugänge verdeutlicht den neuen Stil der Bayern-Basketballer. Der Kader der vergangenen Spielzeit war laut Leibenath „zu alt“, zu viel Erfahrung, zu wenig Tempo und Athletik. Daher werde man fortan auch den Bereich der Spielerentwicklung forcieren, Leibenath beschrieb dies als „unkonventionellen Weg“. Man müsse sich nicht nur an „Euroleague-erfahrenen Spielern orientieren“, er halte nichts vom „Recyceln“ alter Euroleague-Kempen, sondern werde die Märkte nach unverbrauchten, neuen und talentierten Gesichtern durchforsten, auch Märkte wie „Asien oder Südamerika“.Ein Euroleague-Routinier wie Mike James ist nicht finanzierbar, sagt Präsident Hainer: „Das wären für uns 6,5 Millionen brutto, unser halber Teametat.“Ein Konzept, das beim FC Bayern auf fruchtbaren Boden fällt, wie Präsident Hainer erklärte. Denn besonders die Basketballer seien bei aller nationalen Überlegenheit in Europa „finanziell im hinteren Drittel anzusiedeln“. Leibenath und Gavel hätten bewiesen, dass sie „mit bescheidenen Mitteln maximalen Erfolg hatten“, ähnlich sei ihre Arbeit nun definiert – nur auf einem deutlich höheren Level. Das ist zugleich reizvoll wie gefährlich, das weiß Leibenath selbstredend, in Ulm hatte niemand den Meistertitel erwartet, in München könnte ihn das Verpassen desselben in arge Bedrängnis bringen. Den schnöden Erwerb teurer Euroleague-Routiniers jedenfalls schließe das neue Konzept aus, das stellte Hainer klar: „Einen Mike James kann ich selbst verpflichten, dazu brauche ich keinen Thorsten Leibenath.“ Der angesprochene US-Spielmacher wurde gerade von Monaco zu Efes Istanbul transferiert, wo er drei Millionen Euro verdienen soll: „Das wären für uns 6,5 Millionen brutto, unser halber Teametat“, so Hainer.Und damit das Duo Leibenath und Gavel zukünftig optimale Arbeitsbedingungen vorfindet, um Spieler in die Reichweite des Formats eines Mike James entwickeln können, wird ihnen eine neue Infrastruktur zur Verfügung gestellt. Im Herbst soll Spatenstich des neuen „Basketball-Performance-Centers“ sein, gab Hainer bekannt, das in direkter Nachbarschaft zum FC Bayern Campus entstehen wird, also ein Nachwuchsleistungszentrum der Basketballer direkt neben dem der Fußballer.Zwei, drei Ergänzungen werde es noch im Kader geben, schloss Leibenath seine Ausführungen, der zudem erklärte, dass ein wichtiger Akteur gerade nebenan trainiere: Rokas Jokubaitis, 25, ist Spielmacher der litauischen Nationalmannschaft, hatte sich bei der EM vor einem Jahr das Kreuzband gerissen und war die gesamte Saison ausgefallen. „Ich gehe davon aus, dass Rokas vollumfänglich zur Vorbereitung zur Verfügung steht.“ Davon, wie sich Leibenath das Stiften einer Teamidentität vorstellt, hatte er bereits einen Vorgeschmack gegeben. Aus Las Vegas schickte der Sportdirektor ein Video an die Fans, in dem er sich vorstellte und über seine Arbeit informierte. Derlei werde es zukünftig mehr geben, von Spielern, vom Trainerteam und ihrer Arbeit, damit die Beziehung zum Verein und Team enger werde. Ob es in diesem Bereich Versäumnisse gab? „Ich werde die vergangene Arbeit nicht bewerten“, sagte Leibenath. Ein Satz, ganz nach dem Geschmack des FC Bayern.