Auf dem Schützenfest in Hilchenbach musste André Jung am Wochenende öfter mal über Jens Spahn reden. Jung ist Fraktionsvorsitzender der CDU im Rat der Stadt Hilchenbach. Seine Fraktion ist dort die zweitstärkste nach der SPD, politisch bekannt ist die Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen überregional am ehesten noch wegen des Ratsmitglieds aus der rechtsextremen Kleinstpartei Der III. Weg. Doch in den Gesprächen auf dem Schützenfest ging es um die Bundespolitik: Der Rücktritt Spahns vom Amt des Fraktionsvorsitzenden der Union im Bundestag bewegt die Gemüter. „Ich habe niemanden gefunden, der den Rücktritt bedauert hat. Alle halten das für unabdingbar und folgerichtig“, sagt Jung.Wichtigster Punkt: Es sei nicht in Ordnung, dass Spahn sich gegen die Leihmutterschaft positioniert habe und dann die deutschen Gesetze in den USA umgehe. „Da haben viele gesagt: Das ist Wasser predigen und Wein trinken“, sagt Jung der F.A.Z. am Telefon. Dieses Bild benutzen fast alle Kommunal- und Landespolitiker, mit denen die F.A.Z. gesprochen hat. Und es ist ein Satz, der den Wahlkämpfern im Osten um die Ohren gehauen wird.„Ich zolle Spahn Respekt für seine Entscheidung“Jung erklärt: Ein Spitzenpolitiker der CDU müsse auch den Leitsätzen Folge tragen, die auf Parteitagen gefasst würden. Damit spielt er auf den Beschluss der CDU zur Ablehnung der Leihmutterschaft aus dem Februar an. „Die Doppelmoral, die sich da aufgetan hat, die ist nicht mehr tragbar und nicht vermittelbar mit den Grundwerten der CDU.“Dass Spahns Rücktritt folgerichtig war, sieht auch Albrecht Kochsiek so. Er ist Stadtverordneter in Frankfurt am Main, hat im Ortsbeirat und in seinem Stadtbezirksverband der CDU viele Jahre politische Basisarbeit gemacht. Insgesamt schlägt er aber etwas versöhnlichere Töne an: „Ich zolle Spahn Respekt für seine konsequente Entscheidung“, sagt er der F.A.Z.Das Thema Leihmutterschaft sei komplex, der Kinderwunsch, die Gefühle der Leihmütter – vieles sei zu berücksichtigen. Natürlich auch die rechtliche Situation. Dass Spahn nach außen die CDU-Linie vertreten hat, für sein persönliches Glück aber anders gehandelt habe, das habe viele an der Basis gestört, berichtet Kochsiek aus Gesprächen, die er in den vergangenen Tagen geführt habe. „Manche Leute waren sehr erbost, Spahn hätte sich wahrscheinlich nicht mehr lang im Amt gehalten.“Im Juni bei einer Fraktionssitzung: Jens Spahn trat am Samstag als Fraktionsvorsitzender zurück.dpaAndré Jung aus Hilchenbach glaubt, Spahn habe sich verkalkuliert. „Ich nehme an, dass Herr Spahn selber nicht damit gerechnet hat, dass so eine große Welle der Empörung und des Nichtverstehens durch Deutschland und die Basis der CDU geschwappt ist.“ Doch der Kommunalpolitiker ist froh, dass Spahn dies nach kurzer Bedenkzeit verstanden zu haben schien und schnell zurückgetreten ist. Doch längst nicht alle an der Basis sind der Meinung, dass Spahn sein Amt schnell niedergelegt habe.„Wir kämpfen für die Glaubwürdigkeit der Partei“Für Veikko Hackendahl etwa, Kreistagspräsident des Landkreises Rostock und Direktkandidat für die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern, kommt der Rücktritt zu spät. Er habe sich mehr Offenheit und Transparenz von seinem Parteikollegen gewünscht, sagt Hackendahl. Spätestens auf dem entscheidenden Parteitag Anfang des Jahres hätte Spahn erklären müssen, seine Position sei hier unvereinbar mit der Position der Partei, und sein Amt zur Verfügung stellen müssen, so der Rechtsanwalt.Wenige Wochen vor den Landtagswahlen kommt die Debatte um Spahn und die Glaubwürdigkeit der CDU für die Wahlkämpfer in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern zur Unzeit. „Wir kämpfen für die Glaubwürdigkeit der Partei, für die Glaubwürdigkeit der Leute, die hier vor Ort für die Werte der CDU einstehen, und dann passiert so was – da gehen einem die Argumente schon ein bisschen aus“, sagt Hackendahl.Dabei geht es ihm nicht um die Leihmutterschaft an sich. „Nur weil man in einer Partei ist, muss man nicht alle Positionen kompromisslos mittragen“, sagt er, „man kann auch abweichende Positionen und Meinungen vertreten – und genau das hätte Spahn tun müssen.“ Dann, da ist Hackendahl sicher, wäre das Thema auch nicht so hochgekocht. So aber habe Spahn mit seinem Handeln die Erzählung befeuert, Politiker seien nur auf ihren eigenen Vorteil aus. Eine Erzählung, die gerade mehr und mehr verfängt.Angesichts der Lage, in der sich die CDU in Ostdeutschland befindet, hat er dafür wenig Verständnis: „Wir kämpfen, gerade hier in Mecklenburg, um die Daseinsberechtigung“, Tausende Wahlkämpfer seien auf der Straße und versuchten, die Landtagswahlkämpfe noch positiv zu gestalten – „das scheint jemandem wie Jens Spahn offensichtlich egal zu sein“.Hackendahls Parteikollege Marc Reinhardt, Landtagsabgeordneter aus dem Landkreis Mecklenburgische Seenplatte, hofft, dass der schnelle Rücktritt Spahns den Schaden begrenzen kann. Dieser sei „alternativlos gewesen“, um „überhaupt einen Rest Glaubwürdigkeit zu erhalten“, sagt er. Der Wechsel in Berlin könnte aber auch „ein Aufbruchsignal“ erzeugen, so Reinhardt.„Vertrauen schnellstmöglich zurückholen“Weniger scharf, aber nicht weniger deutlich äußern sich auch die Parteikollegen aus Sachsen-Anhalt, wo bereits am 6. September ein neuer Landtag gewählt wird. Daniel Sturm, CDU-Kreisvorsitzender aus dem Burgenland und seit 2006 im Landtag, drückt es so aus: „Wir haben nicht gerade Rückenwind aus Berlin.“Wie sehr bundespolitische Themen die Stimmung in den Wahlkreisen bestimmen, merke Sturm im täglichen Gespräch. Er könne den Menschen, die Spahn Doppelmoral vorwerfen, nichts entgegensetzen – „im Endeffekt haben die Leute ja recht“. Er hoffe, dass nun ein „guter personeller Wechsel“ folgt, sodass man „das Vertrauen schnellstmöglich zurückholen“ könne.Auch Marco Tullner, CDU-Kreisvorsitzender und Landtagsabgeordneter aus Halle an der Saale, sagt, die Debatte habe dem Wahlkampf geschadet. Dementsprechend seien auch die Reaktionen ausgefallen. „Es gab bei uns niemanden, der Jens Spahns verteidigt hat.“ Man müsse natürlich differenzieren, sagt Tullner, „auch wenn es am Ende natürlich eine private Entscheidung gewesen ist – Jens Spahn ist eben keine Privatperson“.Anders als die meisten seiner Parteikollegen, mit denen die F.A.Z. gesprochen hat, hofft Tullner nun aber auf eine Auseinandersetzung mit der Leihmutterschaft als einen „konstruktiven Ausweg“ aus der Debatte. Angesichts der demographischen Herausforderungen, vor denen Deutschland stehe, und angesichts der vielen Paare mit unerfülltem Kinderwunsch, sagt Tullner, würde er sich eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema wünschen – in der Gesellschaft, aber auch in der CDU.