Auf der Straße des 17. Juni zu Berlin rast der deutsche Rennradprofi Florian Lipowitz dem in die Jahre gekommenen Slowenen Tadej Pogacar davon. Zehntausende Menschen jubeln am Streckenrand, die meisten davon auf den finalen Kilometern zwischen der Siegessäule, „Goldelse“ genannt, und dem Brandenburger Tor. Neben der Straße geht es zu, wie man es hier kennt, wenn die Marathonläufer sich die Ehre geben, oder der Christopher Street Day. Auf dem Asphalt aber duellieren sich im Berliner Getümmel die weltbesten Rennfahrer dieser Zeit. So oder so ähnlich könnte es aussehen, wenn die Tour de France nach Berlin kommt.Bislang ist es eine Vision, wenngleich sich zuletzt einiges konkretisiert hat. Bereits in drei Jahren soll die Frankreich-Rundfahrt für vier Tage in Ostdeutschland gastieren, in Berlin mit der ersten Etappe starten und von dort nach Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen übersiedeln. Dresden, Leipzig, Halle an der Saale, Magdeburg, Jena und Erfurt könnten weitere Stationen sein, nebst allerlei kleinerer Ortschaften, die von den Pelotonisten der Tour de France durchquert oder gestreift werden. Falls die Visionäre für ihre Idee den Zuschlag erhalten.Hinter der Idee steckt der Verein Grand Départ Allemagne mit Sitz in Leipzig und seinem prominentesten Mitglied Rudolf ScharpingDie Bewerbungsgeschichte liest sich in aller Kürze hübsch und schlüssig: 40 Jahre nach dem Mauerfall „soll die Tour de France erstmals in Ostdeutschland beginnen – getragen von vier Bundesländern, voller Geschichte, Leidenschaft und europäischer Strahlkraft“, heißt es im Konzept. Hinter der Idee steckt der Verein Grand Départ Allemagne mit Sitz in Leipzig und seinem prominentesten Mitglied Rudolf Scharping, bekannt als ehemaliger Bundespolitiker und Sportfunktionär. Beim diesjährigen – extern vergebenen – Grand Départ in Barcelona berichtete Scharping, dass die Bewerbung Ende Juni offiziell eingereicht worden sei. Er erwarte sich „eine Riesenchance, um die Geschichte der Freiheit und des Mauerfalls zu erzählen“, sagte Scharping. Die Entscheidung liegt bei der Tour-Organisation, der ASO.Dem ostdeutschen Bewerbungsteam steht in den kommenden Monaten allerdings ein Hürdenlauf mit beachtlichen Gegnern bevor. Tschechien hatte sich bereits im November in Stellung gebracht und ASO-Chef Christian Prudhomme bei einem Empfang in Prag seine Bewerbungsunterlagen überreicht. Treibende Kraft dahinter ist dem Vernehmen nach ein tschechischer Autohersteller, der seit Jahren als Partner der Tour de France die Begleitfahrzeuge stellt. Der dritte Bewerber ist die slowenische Hauptstadt Ljubljana. Sie wartet mit dem guten Argument auf, den Tour-Dominator Pogacar in seiner Heimat empfangen zu dürfen. 2027 wurde der Tourstart bereits ins schottische Edinburgh vergeben, 2028 ist Reims und die Region Grand Est dran.2029, wenn die 116. Auflage der Tour ansteht, böte es sich dann an, einige Etappen durch Ostdeutschland und Berlin fahren zu lassen, da sich in diesem Jahr der Mauerfall zum 40. Mal jährt. Ungeklärt ist indes bislang, wer die immensen Kosten für das Projekt trägt: also für die Straßenabsperrungen, das Helferpersonal, die Sicherheitsleute, die Hotels für Fahrer und Betreuer, die Flugzeuge für den Tour-Tross, wenn es nach den vier Etappen in Ostdeutschland bei nur einem Ruhetag zurück nach Frankreich geht.Zu den Zweiflern am Vorhaben in seiner jetzigen Form zählt Jörg Werner, ein speziell im Osten der Nation gut vernetzter Radsport-Manager und in der Angelegenheit als Berater des Landes Thüringens tätig. Im Kern moniert Werner die angedachte Beteiligung der vier Länder an der Finanzierung. Insgesamt, sagte Werner der SZ, dürften für die Umsetzung 68 Millionen Euro anfallen, die nach jetzigem Kenntnisstand (ungeachtet möglicher finanzkräftiger Sponsoren) von den vier Ländern zu gleichen Anteilen übernommen werden sollen. Aus Sicht Werners ist das unausgewogen. Und er stellt zur Debatte, ob das Geld nicht besser in die Sport- und Schulsportförderung investiert wäre.Profitiert der Tourismus im Thüringer Wald langfristig von einem Tour-Besuch? Da setzen die Zweifel von Jörg Werner an„Ich rate dazu, die Kosten auch entsprechend zu teilen, wo auch der Return on Investment erfolgt“, sagte Werner. „Und der ist vor allem in Berlin.“ Er meint etwa Einnahmen durch Hotelübernachtungen, Restaurantbesuche, Fanartikelverkäufe oder Getränkestände. Zumal, wenn der Grand Départ mit der vergleichsweise deutlich prominenteren Hauptstadt Berlin beworben wird, statt mit Leipzig oder Erfurt. Nach Werners Rechnung solle Berlin entsprechend die Hälfte des Investments tragen, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen den Rest.Im Verein Grand Départ Allemagne sehen sie das anders, als Chance über die vier deutschen Tour-Tage hinaus. „Wir erwarten uns Impulse für den Handel, die Infrastruktur bis hin zu neuer Dynamik in der regionalen Entwicklung“, sagte der Vereinsvorsitzende Thomas Hofmann. Der Grand Départ werde nicht nur Begeisterung auslösen, „sondern zugleich einen wirtschaftlichen Mehrwert schaffen, der die Region langfristig stärkt und neue Chancen für Tourismus und Investitionen eröffnet“. Im Grobkonzept auf der Webseite des Vereins ist von bis zu „zwölf Millionen Besuchern vor Ort“ die Rede, von „3,5 Milliarden TV-Impressionen weltweit“ und von „150 Millionen Euro wirtschaftlichem Mehrwert“. Wenngleich nicht erläutert wird, wo in etwa dieses Geld ankommt – und ob davon auch der Tourismus im Thüringer Wald langfristig profitiert. Da wiederum setzten die Zweifel von Jörg Werner an.Viermal gab der Grand Départ der Tour de France sein Gastspiel in Deutschland, 1965 in Köln, 1980 in Frankfurt am Main, 1987 in West-Berlin, zuletzt 2017 in Düsseldorf. Und 2029? Unter den Augen der Goldelse? Dem Verein zufolge ist neben den vier Ländern inzwischen auch der Bund involviert. Eventuell gar als Mitfinanzier? Berlins Radsportinteressierte dürften darauf hoffen, denn sie wissen: Ihre Goldelse war noch nie ein Goldesel.
Kommt die Tour de France 2029 nach Berlin und Ostdeutschland? Kostenfrage ungeklärt
40 Jahre nach dem Mauerfall soll die Tour de France in Berlin starten und über Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen führen. Aber noch ist die Kostenfrage ungeklärt – und es gibt weitere Bewerber.






