Die Befragung der Washingtoner Museumsdirektorin Anthea Hartig vor einem Kongressausschuss markierte die jüngste Eskalation in dem seit Monaten schwelenden Konflikt über die amerikanische Geschichtsschreibung. Das National Museum of American History, so hieß es Anfang Juli in dem Bericht eines innenpolitischen Beratergremiums des Präsidenten, betreibe „extremen politischen Aktivismus“. Nun sollte Direktorin Hartig am Dienstag vor dem republikanisch kontrollierten „Unterausschuss für Regierungseffizienz“ Rede und Antwort stehen.Donald Trumps Regierung wirft dem unabhängigen, aber größtenteils staatlich finanzierten Museumsverbund Smithsonian Institution politische Färbung vor. Kritiker wiederum sagen, der Präsident sei darauf aus, ihm unliebsame Inhalte zu streichen. Der Titel der Kongressanhörung ließ darauf schließen, man wolle die Bemühungen der Smithsonian Institution untersuchen, „die Vergangenheit umzuschreiben“. Aber die Fragen an Hartig spiegelten viele Facetten des amerikanischen Kulturkampfs wider.Ob sie glaube, dass Männer Frauen werden könnten, rief die MAGA-Republikanerin Nancy Mace der Museumsdirektorin zu. „Was ist eine Frau?“, „Wie viele Geschlechter gibt es?“, „Sexualisieren Sie Kinder?“, ging es weiter. Mace hatte Hartig schon nach deren „Guten Morgen“ angeblafft, sie solle einfach ihre Fragen beantworten. Wie mehrere andere Republikaner an diesem Tag nahm die Abgeordnete aus South Carolina Bezug auf einige Ausstellungsstücke, die auf einem Plakat gezeigt wurden: Fotos von Dragqueens und ein schwarzer Plastikrumpf mit Bondage-Gurten etwa, die offenbar aus einer Ausstellung zum amerikanischen Entertainment-Sektor stammen.„Historiker erfinden Geschichte nicht neu“Diese sechs Beispiele aus mehr als zwei Millionen Exponaten des Museums nahmen die Abgeordneten zum Anlass, Hartig einen fahrlässigen Umgang mit minderjährigen Museumsbesuchern vorzuwerfen. Das sei „widerlich“, sagte Mace, und brachte Dragqueens in Verbindung mit Kinderschändern. Ob die Direktorin überhaupt wisse, wie viele Kinder in Amerika jedes Jahr vergewaltigt würden. Derartige Ausstellungsstücke machten Kinder „verwundbar“ gegenüber Erwachsenen, die sie missbrauchen wollten.Hartig, seit 2019 Direktorin des Nationalen Geschichtsmuseums, umging direkte Antworten auf Fragen wie die, ob sie derlei „sexuelle Fetische“ angemessen für Kinder finde. Sie hatte gleich zu Beginn gesagt, die Ausstellungsstücke des Museums unterlägen einer rigorosen, faktenbasierten Prüfung und verdeutlichten, „wie wir uns mit Demokratie, Staatsbürgerschaft, Freiheit und nationaler Identität auseinandersetzen“. Jeder Besucher solle sich in diesen Inhalten wiederfinden können. Historiker erfänden Geschichte nicht neu, sondern fügten Beweisstücke und neue Stimmen hinzu, die früher ausgelassen worden seien.Hartig hob dabei auch hervor, je nach eigener Position gebe es „sicherlich einige Exponate“ im Museum, die manchen Leuten ein gewisses Maß an Unbehagen bereiten könnten. Anstoß nahm der Ausschussvorsitzende Tim Burchett etwa auch an dem Tagebucheintrag eines 13 Jahre alten Mädchens, der in einer zuletzt 2023 gezeigten Ausstellung mit dem Titel „Girlhood“ zu lesen war. Darin schrieb sie, sie wolle gern ein Junge sein. Museumsdirektorin Hartig sagte dazu, die Ausstellung sei nicht für Kinder konzipiert gewesen und habe außerdem Hinweistafeln für Eltern zu bestimmten Themen enthalten.In dem Bericht zur angeblichen Einflussnahme auf die amerikanische Geschichtserzählung warf das Gremium dem Museum vielerlei vor: Aktivismus gegen Weiße zum Beispiel, für illegale Migration und Transgender. Die Erzählungen trügen zu einem Gefühl der nationalen Scham bei, die Amerikas Erfolge und Einfluss in der Welt kleinredeten. Das Museum hat die Einschätzungen entschieden zurückgewiesen.Der Ausschussvorsitzende Burchett wollte am Dienstag von Hartig wissen, warum sie noch als Museumsdirektorin weitermachen wolle – schließlich habe sie ja 2022 einmal gesagt, es sei schwierig, Amerika zu lieben. Hartig versicherte mehrfach, der Posten sei ihr eine große Ehre und sie liebe ihr Land „bedingungslos“. Dazu gedrängt, ob sie dann auch sagen würde, die USA seien das großartigste Land auf der Welt, verweigerte sie eine Antwort. Derlei Bewertungen treffe sie als Historikerin lieber nicht. Auch das Museum, hob sie hervor, schlage sich in politischen Debatten auf keine Seite.