Hin und wieder findet sich im Streamingfernsehen eine Perle, und die zehnteilige Serie „Widow’s Bay“ bei Apple TV ist ein solcher Schatz: eine Horrorkomödie mit Retro-Feeling, die von John Carpenter, Stephen King und „The Office“ gleichermaßen inspiriert scheint und in der man das erzählerische Vergnügen der Autoren und Regisseure ebenso spürt wie die Spiellaune der Darsteller.Es geht um eine einsame Insel und ihre schrulligen Bewohner, um einen geheimnisvollen Fluch, den hier fast alle fürchten, und um einen Bürgermeister, der allen Aberglauben von sich weist und das Eiland zur Touristenattraktion ummodeln möchte.Das könnte altbacken sein oder langweilig oder sogar albern. Aber die Schöpferin dieses Zehnteilers, Katie Dippold, hat bereits mit der liebenswerten Beamtenserie „Parks and Recreation“ und dem Film „The Heat“ mit Melissa McCarthy und Sandra Bullock bewiesen, was sie kann, und ihren Hang zu Absurditäten und schrägen Charakteren ausgestellt. Hier erzählt sie mit einem hinreißenden Figurenensemble und inspiriertem Witz eine große Gruselgeschichte.Das Kaff vor der Küste soll zu einem zweiten Martha’s Vineyard werdenTom Loftis (Matthew Rhys), alleinerziehender Vater des gelangweilten Teenagers Evan (Kingston Rumi Southwick), hat als Bürgermeister des Inselörtchens Widow’s Bay große Pläne: Er möchte das Kaff vor der Küste Neuenglands in ein angesagtes Touristenziel à la Martha’s Vineyard verwandeln, und die bevorstehende Anreise eines Reporters von der „New York Times“ (Bashir Salahuddin) scheint den Plan zu befördern.Toms hektische Vorbereitungen für den hohen Besuch fächern in der Auftaktepisode ein Who-is-who der Inselbevölkerung auf. Darunter sind Toms uralte Sekretärin Ruth (K Callan), die oft ihre eigene Handschrift im Notizblock nicht lesen kann; seine überempfindliche Assistentin, die Außenseiterin Patricia (Kate O’Flynn); die Kellnerin Cathy, die verlässlich etwas anderes als bestellt serviert; und der Inselarzt Dr. Morgan (Christian Clemenson), der dauernd seine Kompetenz infrage gestellt sieht.Ein Sturm kündigt neues Unheil anDie Leute von Widow’s Bay – ein so kauziger Haufen, dass man hier glatt mal gern urlauben würde – halten überhaupt nichts von Toms Plänen. Denn auf dem Eiland, so meinen viele, lastet ein jahrhundertealter Fluch, der dort Geborenen den Weggang verweigert und die Insel immer wieder dem Wahnsinn anheimfallen lässt. Tom dagegen, ein Zugereister, bemüht sich, die Horrorgeschichten, die Touristen zu vergraulen drohen, als Seemannsgarn zu verniedlichen.Besprechung im Dunkeln: Kate O'Flynn, Stephen Root und Matthew Rhys (v.l.) in „Widow's Bay“.Apple TV+/dpaDie guten Leute von Widow’s Bay werten einen bevorstehenden Sturm als Anzeichen neuen Unheils und stellen sich Toms Plänen nach Kräften in den Weg. Gerrie (Nancy Lenehan), Hobbyhistorikerin und Betreiberin der örtlichen Gerüchteküche, verstört den „Times“-Reporter zu Toms Entsetzen mit salopp eingestreuten, grauenhaften Details aus der Inselgeschichte, und der brummige alte Seebär Wyck (Stephen Root) fordert Tom zu allerlei Mutproben in den vermeintlich verfluchten Ecken der Insel heraus.Unterdessen schälen sich tatsächlich unerklärliche Ereignisse aus den Schatten, und Tom beschleichen erst Zweifel, dann bekommt er die nackte Panik. Als Bürgermeister sieht er sich bald gezwungen – ein schönes Bild der Bedrängnisse moderner Politik –, anstatt die Wirtschaft anzukurbeln, eine drohende Katastrophe abzuwenden.Es ist ein großes Vergnügen, Matthew Rhys dabei zuzuschauen, wie sein Mienenspiel den wachsenden Druck spiegelt, unter dem Tom zielsicher die falschen (oder zumindest fragwürdige) Entscheidungen trifft – nicht zuletzt deswegen, weil Wyck ihn vor versammelter Mannschaft als Feigling bezeichnet hat und er fest entschlossen ist, diesen Makel abzustreifen.Dippold erdet ihr Potpourri von Horror-Versatzstücken mit dem lakonischen Witz ihrer Figuren, während sie die Dinge langsam zuspitzt. Ein seltsamer Spuk nach dem anderen befällt die Insel, bald häufen sich die Leichen. Ein Rückblick fast 400 Jahre in die Vergangenheit webt einige Fäden der Geschichte zusammen, in der Gegenwart sollen unter anderem ein psychedelischer Trip und ein selbst ernannter Schamane ergründen helfen, wie dem Fluch Einhalt zu gebieten ist. Dippold fügt all dies und noch viel mehr mit leichter Hand zu einem genreübergreifenden Abenteuer zusammen. Eine Szene, in der die kettenrauchende Klatschbase Gerrie ein uraltes Geheimnis mit zahllosen Verzögerungen sozusagen in Zeitlupe enthüllt, zählt nicht nur zu den erzählerischen, sondern auch zu den darstellerischen Highlights dieser Story.Am Ende der ersten Staffel (eine zweite ist bei Apple TV bereits bestellt) ist in der Welt von Tom Loftis nichts mehr wie zu Beginn, und die Story erreicht ihren Höhepunkt damit, dass er eine unmögliche Entscheidung treffen muss, was der Regisseur Hiro Murai beseelt inszeniert. Beseelt ist man auch als Zuschauer. Von dieser seltsamen Insel gibt es kein Entkommen.Widow’s Bay läuft bei Apple TV+.