PfadnavigationHomeWissenschaftRekord-PopulationKaputte Autos, blockierte Strommasten – in Deutschland droht ein Storchen-ProblemStand: 07:20 UhrLesedauer: 4 MinutenEin Storch verursacht mit seinem Schnabel lange Kratzspuren im Lack eines geparkten AutosQuelle: ZDF/Screenshot WELTNoch vor wenigen Jahrzehnten war der Weißstorch in Deutschland beinahe verschwunden. Inzwischen hat sich sein Bestand so sehr erholt, dass die Tiere zum Problem werden. Experten sehen sogar die Stromversorgung gefährdet.Er ist groß, weiß und gilt als Glücksbote: der Weißstorch. Der Vogel brütet derzeit so viel wie noch nie in Deutschland. Das teilte der Naturschutzbund (Nabu) mit. Diesen Sommer rechnet der Nabu mit rund 15.000 Brutpaaren. „Selbst vor 100 Jahren gab es nicht so viele Störche“, sagte Bernd Petri von der Nabu-Bundesarbeitsgruppe Weißstorch. In den 1980er Jahren habe es in den beiden deutschen Staaten weniger als 3000 Brutpaare gegeben. Aus vielen Regionen seien die Tiere sogar vollständig verschwunden gewesen. Die Zahl der Störche hat sich seitdem mehr als verfünffacht.Der Rückgang hatte mehrere Ursachen. Den Störchen brachen Nahrungsräume weg: Zahlreiche Moore wurden trockengelegt und in landwirtschaftliche Flächen umgewandelt. Damit verschwanden auch seichte Gewässer, in denen der Storch nach Fröschen, Insekten, Fischen und Würmern sucht. Immerhin verspeist ein ausgewachsener Storch bis zu 700 Gramm tierische Nahrung jeden Tag. Lesen Sie auchAußerdem wurden die Zugrouten für die Störche immer gefährlicher. Stromleitungen oder Windenergieanlagen etwa wurden vielen Störchen zum Verhängnis. Mittlerweile hat sich der Bestand jedoch deutlich erholt. Der Nabu spricht von einem „guten Erhaltungszustand“.Was hat sich verändert? Mittlerweile werden immer mehr Moore renaturiert. Die im Jahr 2022 beschlossene Moorschutzstrategie sieht die weitere Wiedervernässung von trockengelegten Mooren vor. Zudem wird auch Grünlandbewirtschaftung gefördert, die auf den Weißstorch abgestimmt sei. Aber auch die Störche passten sich an. Immer mehr Tiere verkürzen ihren Zug im Herbst – und erhöhen so ihre Überlebensrate. Die meisten Weißstörche sind ausgeprägte Zugvögel, die ihre Brutplätze zwischen Mitte August und Anfang September verlassen. „Durch Deutschland verläuft eine sogenannte Zugscheide. Östlich davon ziehen die Störche im Winter wie eh und je über den Balkan und den Nahen Osten nach Afrika. Westlich der Zugscheide dagegen geht es nur noch bis Spanien“, erklärte Petri. Lesen Sie auchDort fänden die Störche auf Reisfeldern und Mülldeponien reichlich Nahrung. Störche beginnen Ende August ihre Reise. Und dabei sind sie wahre Vielflieger: In den zwei bis vier Zugmonaten legen sie im Durchschnitt 150 bis 300 Kilometer pro Tag zurück. Mittlerweile bleibt ein steigender Anteil auch im Winter in Deutschland, deutlich beeinflusst von ausgesetzten Vögeln und Winterfütterungen.Lesen Sie auch„Vor 30 Jahren waren drei Viertel unserer Störche Ostzieher, heute ist das Verhältnis umgekehrt: Drei Viertel ziehen nach Westen. Der Schwerpunkt der Storchenvorkommen hat sich grob gesagt von der Elbe an den Rhein verlagert“, erläutert Petri. Wann die Störche in ihre Heimat zurückkehren, hängt von ihrer Route ab.Aufgrund des Klimawandels und der verkürzten Zugwege treffen viele Störche bereits ab Mitte Februar bis Ende März wieder in ihren heimischen Nestern ein. Die klassischen „Ostzieher“, die bis nach Afrika fliegen, kommen meist erst im April an. Dann beginnt die Brutzeit.Storch hämmert mit Schnabel auf Auto einWeißstörche brüten in allen Bundesländern; die meisten Brutpaare gab es im vergangenen Jahr in Niedersachsen (2737) und Baden-Württemberg (2602). Sechs bis sieben Paare je 100 Quadratkilometer gelten laut Nabu als eine gute Dichte. In Hessen gebe es die höchste Dichte: So habe etwa der Kreis Groß-Gerau 90 Storchenpaare je 100 Quadratkilometer. Weitere Hotspots liegen demnach in Mittelfranken und Oberschwaben.Der Erfolg des Artenschutzes bringt jedoch auch neue Konflikte mit sich. Im niedersächsischen Burgdorf sorgt der Weißstorch „Hans-Werner“ regelmäßig für Unmut: Aufnahmen zeigen, wie das Tier mit seinem großen Schnabel auf Autos und Fensterscheiben einhackt. Möglicherweise hält er sein Spiegelbild für einen Rivalen und versucht, ihn so zu beseitigen, wie es in regionalen Medien heißt. Einige Bewohner äußerten gegenüber dem „ZDF“ ihre Sorge: „Jeder sagt: Ach, ist der niedlich. Aber wenn der hier die Autos demoliert und gegen die Fenster klopft, ist das schon heftig.“ Eine Bewohnerin Burgdorfs veröffentlicht ein Video auf Facebook, auf dem der Storch „Hans-Werner“ in Aktion zu beobachten ist. Immer wieder „klopft“ das Tier mit seinem Schnabel an der Fensterscheibe. Grundsätzlich gelten Störche als friedliche Tiere. Allerdings können ihre Nester Probleme verursachen. Weißstörche, die ein Alter von über 35 Jahren erreichen können, nisten auf Schornsteinen, Dächern oder Kirchtürmen. Dabei geben sich die Vögel alle Mühe: Ein mehrjähriger Storchenhorst kann ein Gewicht von bis zu einer Tonne erreichen. Der Vogel selbst wiegt lediglich bis zu 4,5 Kilogramm. Werden die Nester auf Strommasten gebaut, drohen zudem Betriebsstörungen und Brände. Petri warnt in der ZDF-Doku „Stadtvogel. Störche – vom Glücksbringer zum Störenfried“ vor weiteren Schäden: „Wenn man nichts tut und die Störche hier immer weiter brüten, gefährdet das die Stromversorgung. Dann sind bald nicht mehr 20, sondern 40 Masten mit Nestern besetzt und irgendwann dann das gesamte Netz“, so der Nabu-Sprecher. „Das wäre eine Katastrophe.“mit dpa