Sechs Tage nach der Räumung des von selbst erklärten Antifaschisten und anderen Linken besetzten Hauses der Justus-Liebig-Universität in Gießen haben Demonstranten ihre Mahnwache vor der Immobilie beendet. Zuvor hielten sie vor dem von ihnen so benannten Haus der Solidarität unter anderem noch den Workshop „Provokante Aktionen“ ab und beschäftigten sich mit der Frage „Wie geht es weiter?“. Auf Instagram teilte eine mit der Hausbesetzung in Erscheinung getretene „Freitraum“-Gruppe mit, viel Zuspruch erhalten zu haben. Unter anderem aus der Nachbarschaft des Gebäudes und „außerhalb unserer typischen Bubbles“. Genau da werde die Aktionsgruppe ansetzen, um ihren Traum eines konsumfreien, selbstverwalteten und offenen Austausch- und Lernortes zu verwirklichen, statt Gebäude verrotten zu lassen. „Als erzieherische Maßnahme haben Menschen weitere Besetzungen von Uni-Gebäuden angekündigt, friedlich, aber bestimmt, bis Kanzlerin und Präsidentin lernen, dass Gewalt kein Mittel zur Lösung von Konflikten im städtischen Raum ist.“Die Hochschule hob dazu hervor, alle Beteiligten müssten sich an die gemeinsamen Regeln des demokratischen Miteinanders halten. Sie kündigte für Ende August ein Treffen des Uni-Präsidiums mit Vertretern des Allgemeinen Studierenden-Ausschusses an. „Die Sorgen unserer Studierenden hinsichtlich bezahlbaren Wohnraums und studentischer Freiräume in Gießen sind sehr nachvollziehbar“, wird Präsidentin Katharina Lorenz zitiert.Am Samstag vor einer Woche hatte eine Gruppe junger Menschen unvermittelt das seit Jahren leer stehende Gebäude an der Hein-Heckroth-Straße in Beschlag genommen und als „Freitraumhaus“ deklariert. Es ist eines von insgesamt 19 früher von der Hochschule genutzten und seit geraumer Zeit leer stehenden Häusern, wie eine Sprecherin mitteilte. Die Hochschulleitung um Lorenz stellte daraufhin Strafantrag wegen Hausfriedensbruchs und unterbreitete den Hausbesetzern gleichzeitig ein Gesprächsangebot. Sie setzte den Hausbesetzern drei Fristen, die Immobilie zu verlassen, und machte auch in persönlichen Gesprächen deutlich, den Rechtsbruch der Hausbesetzung nicht dulden zu können. Die Polizei vollstreckte letztlich den Strafantrag.„B49 stoppen – Info und Vernetzung“ war Thema bei MahnwacheWem sie und die Kanzlerin gegenübersaßen, weiß Lorenz aber bis heute nicht: Dies sagte sie in einem am Samstag veröffentlichten Interview der „Gießener Allgemeinen“, und auch zu Wochenbeginn galt dies noch, wie eine Sprecherin der Universität auf Anfrage sagte. Teilweise hätten sich die Gesprächspartner nicht einmal mit Klarnamen vorgestellt. Auch sei unklar, ob es sich bei den Hausbesetzern um Studenten gehandelt habe. „Freitraum“ erklärte dagegen: „In den Gesprächen mit ihr haben sich alle namentlich vorgestellt als mandatierte Repräsentanten der Menschen im Haus und des Aktionskollektivs.“Klar ist: Im Verlauf der Woche befassten sich Teilnehmer der Mahnwache nicht nur mit den Leerständen unter den Häusern der Universität und damit verbundenen studentischen Interessen. So gab es diesen Samstag bei der Mahnwache auch den Tagesordnungspunkt „B49 stoppen – Info und Vernetzung“. Dabei ging es um den umstrittenen und vor einigen Tagen begonnenen Ausbau der Bundesstraße 49 östlich von Gießen. Zugegen war dem Vernehmen nach auch Jörg Bergstedt, der Strafanzeige wegen des Ausbaus gestellt hat und seit Jahrzehnten an einer Vielzahl von Aktionen in und um Gießen beteiligt gewesen war, etwa an Protesten gegen die Aussaat gentechnisch veränderten Saatguts.Zu den 19 leer stehenden Immobilien gehören die Backsteinhäuser im sogenannten Siesmayer-Karree, dem denkmalgeschützten, parkähnlichen und gut drei Hektar großen Gelände der ehemaligen psychiatrischen Universitätsklinik. Die elf Häuser dort sind etwa 130 Jahre alt und vorwiegend aus Backstein gebaut. Die Uni-Klinik nutzt sie seit zehn Jahren nicht mehr. Die Hochschule wird sie nach eigenen Angaben ebenso an den Landesbetrieb Bau und Immobilien übergeben, wie das kurzzeitig besetzte Haus an der Hein-Heckroth-Straße und ein schon seit 2012 nicht mehr genutztes Gebäude an der Frankfurter Straße. Sechs weitere Liegenschaften will die Hochschule demnach „mittelfristig für eigene Zwecke entwickeln oder an Dritte abgeben, damit diese die Gebäude für universitätsnahe Zwecke nutzen können“.„Kein ,Freitraum-Haus‘ für alle“Schon seit 2009 und damit am längsten leer steht ein großer Klinkerbau in Nachbarschaft des Botanischen Gartens in der Stadtmitte. Nach Angaben des Liegenschaftsdezernats der Universität ist für dieses Haus aber „jetzt eine hochschulaffine Nutzung in Aussicht“. Einzelheiten stehen aus. Präsidentin Lorenz hob in dem Interview der Lokalzeitung hervor: „Wir können keiner anonymen Gruppe eine Liegenschaft der JLU überlassen.“ Sie wolle den Prozess für studentische Begegnungsräume wieder aufgreifen. „Da geht es aber nicht um ein ,Freitraum-Haus‘ für alle, sondern um einen Ort für unsere Studierenden“, ergänzte Katharina Lorenz.Die Dauer der Prozesse bei Leerständen begründet sich nach Angaben der Universität aus den Verfahrensschritten des Landes. So werde geprüft, dass keine andere Landesdienststelle aus dem Ressort des Wissenschaftsministeriums die Immobilie übernehmen möchte. Im Anschluss gehe die jeweilige Liegenschaft in das Grundvermögen des Landes über. Dies bedürfe einer Übereinkunft. „Dann wird auf Ebene aller Dienststellen geprüft, ob eine andere Einrichtung des Landes die Immobilie nutzen möchte. Zu diesen Prüfungen gehört auch, dass die Interessenten umfangreiche baufachliche Eignungsprüfungen vornehmen müssen, um Entscheidungsgrundlagen zu haben.“ Diese Verfahren seien sehr aufwendig und benötigten Zeit. Erst wenn das Land keinen Bedarf an einem Uni-Gebäude habe, könne der Landesbetrieb Bau und Immobilien sie verwerten.
Gießen: 19 Gebäude der Universität stehen schon seit Jahren leer
Auch eine Woche nach der Räumung eines besetzten Uni-Hauses in Gießen weiß die Leitung der Hochschule nicht, mit wem sie es zu tun hat. Die Präsidentin zeigt sich offen für neue Begegnungsräume – aber nur für ein bestimmtes Publikum.






