Nach dem Tod eines Einwanderers aus Marokko bei einem brutalen Polizeieinsatz in Italien hat die Regierung in Rabat schnellstmögliche Aufklärung gefordert. Der Tod des 42-jährigen Abderrahim Fakir müsse „vollständig aufgeklärt“ werden, erklärte am Dienstagabend das marokkanische Außenministerium. Die Verantwortlichen müssten identifiziert und „die angemessenen rechtlichen Maßnahmen voll umgesetzt“ werden. Was ist über den Polizeieinsatz bekannt? Der Marokkaner war am Sonntag auf einer Straße in Bologna ums Leben gekommen. Auf einem Video, das aus einem Fenster von einem Nachbarn gemacht wurde, ist zu sehen, wie er von zwei Polizisten auf den Boden gedrückt wird. Seine Hände sind auf dem Rücken mit Handschellen gefesselt. Mehrfach ruft er: „Hilfe! Genug, genug!“Auf dem Video sieht es nicht so aus, als ob von dem Mann am Boden noch irgendwelche Gefahr ausgehen könnte. Die Beamten pressen ihn jedoch nach unten, bis er immer leiser wird, und lassen erst nach mehreren Minuten von ihm ab, als er sich bereits nicht mehr bewegt.Mehrere Rettungssanitäter sehen zu. Erst als er sich nicht mehr bewegt, nach mehr als vier Minuten, drehen sie ihn um. Zu spät. Um 12.53 Uhr stellt ein Notarzt seinen Tod fest.Der Fall sorgt in Italien für viele Schlagzeilen, weil ein Fall von exzessiver Polizeigewalt vermutet wird. Aufschluss erhoffen sich die Ermittler von der Obduktion der Leiche. Zudem wurde die Körperkamera (Bodycam) eines der beiden beteiligten Beamten der Staatsanwaltschaft übergeben. Auch das Video, das von einem Nachbarn gedreht wurde, ist in deren Besitz.In mehreren Städten war es am Dienstag zu Protesten gekommen. In der Universitätsstadt Bologna, wo der 42-Jährige am Sonntag starb, versammelten sich mehrere Tausend Menschen in der Innenstadt. Auf Plakaten waren Parolen wie „Wahrheit und Gerechtigkeit“ zu lesen. Nach dem tödlichen Polizeieinsatz kam es in Bologna zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei. © IMAGO/JNA Press/IMAGO/Leonardo Garavaglia Sprecher der Familie forderten Aufklärung. Dabei gab es Sprechchöre gegen die Polizei und Rufe nach Gerechtigkeit. Sogar von „assassinio di stato“ („staatlichem Mord“) war die Rede.Im Anschluss an die zunächst friedliche Kundgebung warfen einige Teilnehmer nach Augenzeugenberichten Flaschen und Molotow-Cocktails auf die Polizei. Nach einem Bericht der italienischen Nachrichtenagentur Ansa wurden auch die Fenstergitter von gepanzerten Polizeifahrzeugen abgerissen. Die Polizei habe daraufhin Wasserwerfer und Tränengas eingesetzt.Nach Angaben der Rettungsdienste wurden mindestens elf Menschen verletzt, davon seien sechs Polizisten und fünf Demonstranten. Zwei davon mussten demnach ins Krankenhaus. Der Anwalt der Familie des Getöteten verurteilte die Krawalle. Tausende protestieren in Bologna nach dem Tod eines Marokkaners, der bei einer Festnahme ums Leben kam. © IMAGO/JNA Press/IMAGO/Thomas Cavagna Marokkaner lebte seit Kindheit in Italien Der 42 Jahre alte Marokkaner lebte seit seiner frühen Kindheit, also seit mehr als 30 Jahren, in Italien und hatte gültige Papiere. Er war Eigentümer einer kleinen Putzfirma. Die Familie des Getöteten verlangte Aufklärung und verurteilte zugleich die Krawalle. Die Schwester des Toten sagte: „Ich werde keine Ruhe finden, bis mein Bruder gerächt ist. Sie haben ihn geschlagen und getötet.“Ein freundlicher, gut ausgebildeter, respektvoller Mensch.Barbara Spinelli, Anwältin über den VerstorbenenDie Rechtsanwältin Barbara Spinelli, die ihm bei der Verlängerung seiner Aufenthaltserlaubnis unterstützt hatte, nannte ihn einen „freundlichen, gut ausgebildeten, respektvollen Menschen“. Sie habe versucht, seine Furcht vor einer Ausweisung zu zerstreuen. „Jetzt kann ich niemandem mehr sagen, dass er keine Angst zu haben braucht“, sagte Spinelli. In Bologna stehen sich Aktivisten und Sicherheitskräfte bei Protesten nach einer Gedenkkundgebung in der Innenstadt gegenüber. © dpa/Guido Calamosca Wie kam es zu der Festnahme in Bologna? Die Hintergründe der Festnahme waren zunächst unklar. Nach italienischen Medienberichten sprachen die beteiligten Polizisten von einer psychiatrischen Krise des Mannes. Nach allem, was man weiß, wurde die Polizei am Sonntag über den Notruf 112 in den Stadtteil Pilastro gerufen, weil ein Mann dort randaliere. Der Marokkaner sei – wie häufig – zu Besuch bei Verwandten gewesen, hieß es. Angeblich gab es Streit vor einer Garage.Beim Eintreffen der Beamten soll der Marokkaner gegen den Streifenwagen geschlagen haben. Daraufhin hätten die beiden Polizisten Pfefferspray eingesetzt, ihn auf den Boden gedrückt und ihm Handschellen angelegt, berichten mehrere Augenzeugen. Die Polizisten sollen dann den Rettungsdienst herbeigerufen haben, weil der Mann angeblich Anzeichen einer psychiatrischen Krise gezeigt haben soll. Bei einer Kundgebung in Bologna am 20. Juli 2026 hält einer der Demonstranten ein Bild des Toten in die Höhe. © REUTERS/Michele Lapini Senatorin prangert Förderung von „Hass und Rassismus“ an In Rom versicherte die rechte Regierung von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni abermals, dass die Umstände des Todesfalls umfassend aufgeklärt würden – dabei sichere man „völlige Transparenz“ zu. Meloni selbst äußerte sich bislang nicht zu dem Vorfall.Innenminister Matteo Pantedosi sprach von einer „großen Tragödie“. Zugleich betonte er: „Wer sich voreilig gegen die Polizeikräfte äußert, hat weder Vertrauen in die Polizei noch in die Justiz.“ Der Rechtsaußen-Vizeregierungschef Matteo Salvini verteidigte den Polizeieinsatz. Die Beamten hätten sich „professionell verhalten“, sagte er.Sie haben ihn geschlagen und getötet.Schwester des TotenBolognas linker Bürgermeister Matteo Lepore verurteilte die Ausschreitungen. Zugleich warf er in der Tageszeitung „La Repubblica“ der Regierung in Rom vor, nicht angemessen zu reagieren. „Ich höre ein großes Schweigen“, sagte Lepore. Die Senatorin Ilaria Cucchi von den Grünen prangerte eine „unmenschliche Tat“ an und warf der Regierung vor, „Hass und Rassismus“ zu fördern. Vorermittlungen gegen Polizeibeamte Gegen die zwei Polizisten laufen inzwischen Vorermittlungen wegen fahrlässiger Tötung, ebenso wie gegen insgesamt vier Sanitäter, die die Szene dem Video zufolge zunächst nur beobachtet hatten. Für die Beamten greift eine Regelung aus Italiens neuem Sicherheitsgesetz: Anders als gewöhnliche Verdächtige werden sie nicht direkt in ein Ermittlungsregister eingetragen, sondern in ein gesondertes Vorregister.Dieses Vorregister wurde vor allem für Fälle geschaffen, in denen Polizisten oder andere Amtsträger bei der Ausübung ihres Dienstes Gewalt anwenden und auf den ersten Blick ein Rechtfertigungsgrund dafür vorzuliegen scheint. Erst wenn sich später zeigt, dass dieser Rechtfertigungsgrund doch nicht greift, wird ein reguläres Ermittlungsverfahren eingeleitet. (dpa, AFP, Reuters, Tsp)