Die Generation der Hochbetagten: wie die Babyboomer die Pflegeheime verändernAb dem Jahr 2030 steigt die Zahl der pflegebedürftigen alten Menschen stark an. Eine Analyse des Alterssoziologen François Höpflinger zeigt, was das für die Gesellschaft und die Heime bedeutet.22.07.2026, 05.29 Uhr4 LeseminutenDie Menschen leben länger und bleiben zu Hause wohnen, so lange es geht. Wenn sie ins Heim kommen, haben viele keinen Partner und keine gleichaltrigen Freunde mehr.Yaraslau Saulevich / GettyEine Tochter besucht ihre neunzigjährige Mutter im Pflegeheim. Sie möchte den ganzen Nachmittag mit ihr verbringen. Die Mutter freue sich bestimmt, denkt sie sich. Doch nach einer halben Stunde ist die hochbetagte Mutter bereits so müde, dass sie sich hinlegen muss.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.So spielte sich eine Situation in einem Innerschweizer Pflegeheim ab, die der Alterssoziologe François Höpflinger beobachtet hatte. Er sagt: «Wir haben das hohe Alter weder gesellschaftlich noch sozial richtig begriffen.» Noch nie habe es so viele hochaltrige Menschen gegeben wie heute, und die Zahl steige weiter.Für das Qualitätslabel Leading Nursing Homes (LNH) hat Höpflinger analysiert, was das für Alters- und Pflegeheime in der Schweiz bedeutet.Mehr Pflegebetten nötigHeute wohnen alte Menschen länger zu Hause. Angehörige und die Spitex übernehmen mittlerweile Aufgaben vom Einkauf übers Putzen bis zur Pflege. Das hat laut Höpflingers Analyse in den letzten Jahrzehnten dazu geführt, dass weniger alte Menschen stationär in Pflegeheimen betreut werden. Trotzdem rechnet der Alterssoziologe damit, dass es künftig wieder mehr Pflegebetten braucht.François HöpflingerPDDie geburtenstarken Babyboomer treten ins hohe Lebensalter ein. Die Zahl der stationär gepflegten alten Menschen wird daher ab dem Jahr 2030 auf 118 000 bis 121 000 Personen ansteigen. Zum Vergleich: Im Jahr 2023 waren es noch 86 000.Zudem leben die Menschen aufgrund des medizinischen Fortschritts heute länger, was die Zahl der Heimbewohner zusätzlich erhöht. Der Eintritt in eine Pflegeeinrichtung erfolgt aber später. Im Jahr 2023 waren neu eingetretene Bewohner im Schnitt 85 Jahre alt. Höpflinger schätzt, dass das Eintrittsalter im Jahr 2030 sogar auf 86 bis 87 Jahre steigen wird.Ein höheres Eintrittsalter wirkt sich auf die Zusammensetzung der Bewohner in Pflegeheimen aus. Es gibt mehr stark pflegebedürftige Menschen, wodurch es wiederum mehr Personal braucht. Doch an Pflegefachkräften mangelt es vor allem auch in der Altenpflege.Zudem steigt die Altersdifferenz zwischen den Pflegenden und den Bewohnern. Das kann zu Konflikten und Missverständnissen führen. «Es gibt alte Menschen, die noch sehr stark religiös geprägt sind und Angst vor dem Teufel haben. Einer zwanzigjährigen Pflegefachfrau, die in einer säkularen Welt aufgewachsen ist, kann es schwerfallen, eine solche Angst einzuordnen», sagt Höpflinger.Durch das höhere Eintrittsalter verringert sich die Aufenthaltsdauer. Sie beträgt im Durchschnitt nur noch 2,6 Jahre. Gleichzeitig hat sich der Anteil der Menschen, die in einer Alters- und Pflegeeinrichtung sterben, deutlich erhöht. Waren es 1969 noch 6 Prozent der Todesfälle, sind es heute 51 Prozent. «Die meisten Menschen würden am liebsten zu Hause sterben», sagt Höpflinger. Mit dem Ausbau der ambulanten Palliativpflege wäre dies wieder vermehrt möglich.Mehr AlleinstehendeDemenz ist die häufigste Ursache dafür, dass alte Menschen in ein Heim eintreten. 16 Prozent der 80- bis 89-Jährigen haben eine Demenzerkrankung und mehr als 40 Prozent der 90-Jährigen. Weil es immer mehr alte Menschen gibt, gibt es auch mehr Fälle demenzieller Erkrankungen. Gleichzeitig nimmt aber das Risiko ab, an einer Demenz zu erkranken. Das hängt laut Höpflinger damit zusammen, dass die Menschen heute besser gebildet sind und weniger Herzinfarkte und Schlaganfälle haben. «Bildung und regelmässiges Hirntraining wirken präventiv gegen Demenz», sagt er. Das sehe man daran, dass Akademiker von Demenz weit weniger betroffen seien.Künftig spielt auch Einsamkeit eine grössere Rolle bei den Heimeintritten. Weil es mehr alte Menschen gibt, wird es in der Gesellschaft auch mehr Menschen geben, die im Alter einsam sein werden. Je älter ein Mensch wird, desto wahrscheinlicher ist es, dass der Partner und die Freunde bereits gestorben sind. «Auch Kinder sind kein Garant gegen Einsamkeit im Alter», sagt Höpflinger. Die Forschung zeige, dass Menschen mit Kindern kein geringeres Risiko hätten, im Alter einsam zu sein. Da die Mobilität zudem zugenommen habe, wohnten die Kinder heute oft weiter weg von den Eltern. Je grösser die Distanz sei, desto schwieriger seien spontane Besuche.Viele Menschen leben also nicht nur länger daheim, sondern auch lange allein. «Wenn Alleinstehende in eine Pflegeeinrichtung kommen, haben sie mehr Mühe, sich zu integrieren», sagt Höpflinger. Solche Übertritte müssten eng durch Angehörige begleitet werden. Es gebe Pflegeheime, die den Angehörigen sogar Gästebetten für die Eingewöhnungszeit anböten und eine Ansprechperson aus der Pflege definierten. Doch viele dieser Massnahmen würden vermehrt eingespart.Zwischen 2030 und 2040 werden also sehr viele hochbetagte Menschen einen Platz in einem Alters- und Pflegeheim benötigen, deren Pflege in der Summe aufwendiger sein wird als bisher. Daher ist ein Ausbau der Alters- und Pflegeheime vielerorts notwendig – zumindest bis die Zahl der hochaltrigen Menschen wieder abnimmt.Passend zum Artikel