«Hotel Mama ist dann vorbei!» – wie die Bundeswehr Jugendliche für den Dienst anwirbtDie Bundeswehr braucht Nachwuchs und sucht ihn auf Berufsmessen. Ein Besuch bei den Rekrutierern in Offenburg.22.07.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenAuf der Berufsmesse in Offenburg informiert die Bundeswehr (rechts) über einen Dienst in der Armee.Paul WagnerZum Glück gibt es Kevin. Sein linkes Bein wurde im Gefecht zerfetzt, übrig ist bloss der Oberschenkel, das Fleisch liegt frei. Kevin blinzelt, atmet und bewegt die Lippen. Läge er nicht auf einem Teppichboden, würde er auch bluten, zwei Liter fasst sein Tank. Er ist eine Puppe, mit der die Sanitäter der Bundeswehr eigentlich den Ernstfall üben. Doch heute soll Kevin Werbung machen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Kevin wird von einer Soldatin mit dem Tablet gesteuert. Ein Mädchen und ein Junge starren ihn an. «Kann man euch weiterhelfen?», fragt die Soldatin. «Njet!», ruft das Mädchen entsetzt auf Russisch und geht schnell weiter. «Mir geht es jetzt schon schlecht», sagt der Freund und folgt. Freitag, 10 Uhr morgens auf dem Messegelände in Offenburg, gegenüber dem Stand der Bundeswehr stehen das Rote Kreuz und die Bundespolizei, in Halle 1B weht irgendwoher der Duft von Popcorn.Die Bundeswehr muss wachsen. Putin bedroht Europa, die USA ziehen sich vom Kontinent zurück. Um die neuen Nato-Ziele zu erfüllen, braucht die Bundeswehr 75 000 zusätzliche Soldaten bis 2035, so viele wie die Einwohnerzahl einer Kleinstadt. Deutsche Politiker schauen nun auf die jungen Menschen, sprechen von Verantwortung, Dienst und Freiwilligkeit. Die Bundeswehr präsentiert sich lieber als moderner Arbeitgeber.Die Berufsmesse in Offenburg ist laut dem Veranstalter die Nummer eins in Süddeutschland. 400 Aussteller treffen auf Tausende Schüler kurz vor dem Abschluss. Sie werden von ihren Lehrern begleitet, ziehen durch die Gänge, sammeln Kugelschreiber und Gummibärchen. Pünktlich zum Mittagessen dürfen sie ins Wochenende. Hier will die Bundeswehr ihren Nachwuchs finden.Bilder Leon Igel / NZZLinks: Der Verwundetensimulator Kevin zieht die Blicke der Besucher auf sich. Rechts: Wie an jedem Messestand gibt es auch bei der Bundeswehr zahlreiche Werbegeschenke.Die Zeitenwende im KlassenzimmerFünf Jungs knien vor Kevin, wie ihn die Soldaten hier in Offenburg nennen. Kevin, weil das offizielle Wort für ihn so umständlich ist: Verwundetensimulator. Kevin ist etwa so gross wie ein durchschnittlicher deutscher Mann, der blutige Beinstumpf ist mit einem Gurt abgebunden. Die fünf Jungs berühren seine Wunden unter der Tarnkleidung, spüren die körperwarme Haut aus weichem Kunststoff. Dann lachen sie. Einer sagt: «Komm, wir machen Liegestütze.»«Beiss!», sagt wenig später ein Soldat. Neben Kevin gibt es eine Sport-Challenge. Finn trägt eine schusssichere Weste, höchste Schutzklasse SK4, mehr als 8 Kilogramm schwer. Seine Freunde machen Fotos, die sie später in den sozialen Netzwerken teilen werden. Im Hintergrund steht eine Wand in Tarnfarben, einen Link zur Website der Bundeswehr gibt es auch. Das Marketing der Bundeswehr funktioniert.Die Freunde zählen am Ende 39 Liegestütze. Sie sagen: Finn sei der stärkste unter ihnen. Finn wird in zwei Monaten 18 Jahre alt, dann bekommt er wie alle seine deutschen Altersgenossen einen Fragebogen zugeschickt. Es wird abgefragt, ob er sich einen Dienst an der Waffe vorstellen könne. Es ist eine Wehrerfassung light, welche die Bundesregierung zu Beginn des Jahres eingeführt hat. Männer müssen den Bogen ausfüllen, Frauen dürfen. Finn weiss nicht, was er ankreuzen wird. Erst sagt er: «Ich will nicht durch eine Drohne sterben.» Dann sagt er: «Es ist wichtig, etwas für die Gemeinschaft zu tun.»Die deutsche Zeitenwende findet auch im Klassenzimmer statt. Seitdem ein Krieg zwischen Russland und der Nato wieder zu einem denkbaren Szenario geworden ist, müssen sich junge Männer fragen, was sie im Ernstfall tun würden. Auch wenn die Wehrpflicht im Jahr 2011 ausgesetzt wurde, sieht das Grundgesetz weiterhin vor, dass die Männer eingezogen werden können. Die Schüler diskutieren auf den Pausenhöfen, die Lehrer sprechen im Unterricht darüber. Der Generationenforscher Rüdiger Maas fand heraus: 31 Prozent der 16- bis 30-Jährigen würden Deutschland mit einer Waffe verteidigen wollen.Ein effizientes SystemAm Stand in Offenburg taucht ein junger Mann auf und spricht Soldatin Tina an. Aus Sicherheitsgründen darf in der Zeitung nur ihr Vorname stehen.Schüler: Ich will zur Bundeswehr. Tina: Welche Truppe? Schüler: Ich habe den Namen vergessen. Tina: Willst du auf dem Boden bleiben? Schüler: Ja. Tina: Möchtest du Panzer fahren? Schüler: Ja. Tina: Dann wären die Panzergrenadiere etwas für dich. Tina schickt den Schüler zu einem Kollegen. «Die Menschen sehen das grosse Ganze: die Bundeswehr», sagt Tina. Dann müsse man herausfinden, was zu ihnen passe. Die Bundeswehr ist ein gigantisches Konstrukt, sie bietet über 50 Ausbildungsberufe und 50 Studiengänge an, es gibt Hunderte Arten, wie ein Soldat in den Krieg ziehen kann.Tina wirbt auf der Messe für den Sanitätsdienst. Sie betreut Kevin, erklärt, wie man ihn am Leben erhalten könnte, wenn er denn ein Mensch wäre. Wen es interessiert, dem zeigt sie auch das Beatmungsgerät, das mobile EKG und den Sanitätsrucksack, den sie mitgebracht hat. Interessiert sich ein Besucher für etwas anderes, leitet sie ihn weiter. Die Soldaten sprechen so vor allem mit jenen Schülern, deren Fragen sie am besten beantworten können. Geplaudert wird kaum. Es ist ein effizientes System. Und es funktioniert auch, wenn es am Stand voll wird.Zwölf Soldaten stehen an diesem Tag in Offenburg bereit. Es sind Sanitäter wie Tina, Studenten oder hauptamtliche Karriereberater der Armee. Auch einen Fregattenkapitän gibt es. Die Bundeswehr wirbt mit ihnen für das, was gebraucht wird. Deswegen auch Kevin. Er zieht die Blicke auf sich, klar. Doch er macht auch auf den Sanitätsdienst aufmerksam. Da habe die Bundeswehr momentan Bedarf.Am anderen Ende des Stands spricht Soldat Uwe mit Yella, 20 Jahre jung, glitzernde Smartwatch, roséfarbene Gelnägel, goldener Schmuck. «Ich will Soldat werden», sagt sie, «zur Jägertruppe.» Die Infanterietruppe ist auf den Kampf in Städten sowie in dichten Wäldern spezialisiert. Yella hat ihre Mutter mitgebracht.Uwe: Ganz wichtig, dass man das weiss: Man kann überallhin in Deutschland versetzt werden. Hotel Mama ist dann vorbei! Yella: Ja. Uwe: Ich wähle den Beruf des Soldaten. Ganz wichtig: Ich trage Waffen und muss vielleicht auf Menschen schiessen. Yella: Ja. Uwe: Kameradschaft ist wichtig. Ich muss mich auf meine Kameraden verlassen können. Yella: Ja. Mutter: Ich habe auch eine Frage. Wie geht das los bei der Bundeswehr? Uwe: Kommen Sie zu uns in das Karriereberatungsbüro. Dort ist eine ganz andere Atmosphäre. Mutter: Danke. Uwe: Was machst du für Sport? Yella: Laufen und Krafttraining. Uwe: Da muss man viel trinken. Ich gebe dir etwas mit. (Holt eine Flasche mit Bundeswehr-Logo hinter dem Messestand hervor.) Da geht dir die Bundeswehr nicht mehr aus dem Kopf.Karriereberater Uwe spricht in kurzen Hauptsätzen, die kaum Raum für Euphorie geben. Uwe betont die Widrigkeiten des Arbeitsalltags im Frieden, die Erbarmungslosigkeit des Krieges zeigt Verwundetensimulator Kevin in Sichtweite. Fakten statt Verlockungen.Das Gespräch zwischen Yella und Uwe dauert nur wenige Minuten, am Ende steht das Karriereberatungsbüro. Yella möchte unbedingt einen Termin dort ausmachen, sagt sie. Dann geht sie weiter zu den Ständen der Kosmetikbranche. Auch das könne sie sich beruflich vorstellen. Noch sei sie sich unsicher, sagt sie, «fifty-fifty». Immerhin.Bei Yella könnte man von einem erfolgreichen Erstkontakt sprechen. Es ist ein Wort, das an diesem Tag in Offenburg immer wieder von den Soldaten verwendet wird. Sie meinen damit Berührungspunkte mit der Truppe. Die Begegnungen sollen der Beginn eines Prozesses sein, der als nächsten Schritt einen Besuch in einem Karriereberatungsbüro vorsieht. 99 davon gibt es deutschlandweit, für ein Gespräch mit Ruhe und Zeit. Am Ende wartet die Verpflichtung in der Armee, für bis zu 17 Jahre.Bilder Leon Igel / NZZLinks: Für die jungen Leute liegen Kugelschreiber aus Holz und Flyer bereit. Rechts: Ein Sitzsack zum Teetrinken? Der Messestand der Bundeswehr ist durchdacht.Wachsen, aber erst in der ZukunftDraussen vor der Halle 1B steht Messefeldwebel Marco, er betreut einen zweiten Stand der Bundeswehr. Einen Karriere-Truck, 12 Tonnen schwer, ausgestattet mit Computer, Drucker und Bildschirmen, die freie Stellen anzeigen. Am Stand der Dachdecker nebenan schlagen ein paar Jungs Nägel in einen alten Balken, ihr Hämmern hallt durch die Luft. Es ist inzwischen 11 Uhr 45, die Sonne brennt, die ersten Schüler dürfen nach Hause. An der Pommes-Bude in Sichtweite hat sich eine lange Schlange gebildet. Marco sagt: «Jetzt können wir mal durchschnaufen.»Der Feldwebel ist mit dem bisherigen Tag zufrieden. «An manchen Tagen würde ich 80 Prozent der Besucher nicht einstellen», sagt er. Das sei heute anders. Marco war zehn Jahre in der Karriereberatung der Bundeswehr, seit 2022 kümmert er sich um die Messen. Das Auftreten, die Gespräche, sagt er, man habe mittlerweile so ein Gefühl, wer passe und wer nicht.Die Bundeswehr braucht Soldaten, doch sie nimmt deswegen längst nicht jeden. 56 000 Menschen haben sich vergangenes Jahr beworben, 25 000 Soldaten wurden eingestellt. Ist die Bundeswehr jetzt nicht auf alle Bewerber angewiesen? 2029 könnte Russland für einen weiteren Angriff auf Europa bereit sein, heisst es bei der Nato. Je schneller die deutsche Armee wächst, desto besser wäre es doch.Feldwebel Marco sagt: «Wir wachsen, so schnell wir können.» Was er damit meint: Wenn eine Armee mehr Soldaten will, braucht sie zuerst mehr Ärzte für die Musterung, dann braucht sie mehr Kasernen, mehr Uniformen, mehr Köche. Erst dann können die Soldaten kommen. Es ist eine pragmatische Denkweise, die sich auch im deutschen Aufwuchsplan widerspiegelt, Paragraf 91 des Soldatengesetzes. Er regelt, wie stark die Truppe bis 2035 wachsen soll. Bis 2030 um 20 000 Soldaten, in den vier Jahren darauf um 40 000, 2035 nochmals um 15 000. Die Wachstumskurve wird jedes Jahr steiler.Man könnte sagen, bis jetzt hätten die Soldaten auf der Messe in Offenburg bloss für den Ernstfall trainiert. Die Notwendigkeit ihres Tuns nur simuliert. Ab sofort werden sie jedes Jahr mehr Menschen von der Bundeswehr überzeugen müssen. Ihre Rekrutierungsmaschine wird noch effizienter laufen müssen. Ruckelt sie und wird der Aufwuchsplan verfehlt, wird eine Wiedereinführung der Wehrpflicht unvermeidbar sein. Es ist etwas, worüber sich in der deutschen Armee und Politik kaum jemand zu sprechen traut.Die Messehallen in Offenburg sind gross. Die Bundeswehr ist ein Aussteller unter Hunderten.Paul WagnerDie Zukunft, mal sehenFeldwebel Marco steht in seinem Karriere-Truck an einem Tresen, Flyer liegen vor ihm, die Geräusche von draussen kommen hier trotz der offenen Tür nur gedämpft an. Nächstes Jahr bekomme die Bundeswehr neue Trucks, erzählt er, die an die Erfahrungen der vergangenen Jahre angepasst worden seien. Es gebe zum Beispiel mehr Rückzugsmöglichkeiten. Wer ein längeres Gespräch mit der Bundeswehr möchte, soll es bekommen.Das Recruiting der Bundeswehr wird immer professioneller. Auf 1400 Messen war die Bundeswehr im vergangenen Jahr vertreten, 450 Menschen kümmern sich hauptamtlich um die Auftritte dort. Die deutsche Armee versucht, auf die Bedürfnisse der jungen Leute einzugehen. Die Gen Z sucht nach dem Sinn ihres Handelns, die Arbeitgeber adressieren das. Die Bundeswehr hat sich knackige Slogans überlegt.Marco sagt: «Ich weiss gar nicht, welchen Spruch ich draussen dabei habe.» Er geht die fünf Stufen des Trucks hinunter und schaut auf eine Stellwand vor dem Führerhaus. Dort steht in Weiss auf Camouflage: «Bei uns geht es ums Weiterkommen. Nicht nur ums Stillstehen.»Auf die Messeleute der Bundeswehr kommt viel Arbeit zu. Feldwebel Marco ist optimistisch. Er sagt: «Die Gesellschaft erkennt den Wert der Bundeswehr jetzt mehr an.» Sanitäterin Tina schliesst Kevin an eine Steckdose an. Es ist 13 Uhr 15, auch eine sterbende Puppe braucht einmal eine Pause.Passend zum Artikel