Diese Frau will mit künstlicher Intelligenz Hollywood neu erfindenMit 25 Jahren führt Cecilia Shen eines der ersten KI-Filmstudios der Welt. Sie glaubt mit vollem Optimismus, dass künstliche Intelligenz die Filmproduktion radikal beschleunigen wird – und die spannendsten Geschichten künftig nicht mehr aus Hollywood kommen.22.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenGründete mit Anfang zwanzig ihre erste Firma: Cecilia Shen.Utopai StudiosDie künstliche Intelligenz rollt unaufhaltsam auf Hollywood zu, und Cecilia Shen gehört zu denjenigen, die diese Entwicklung antreiben. Die 25-Jährige ist Mitgründerin und CEO der Utopai Studios. Der Firmenname kombiniert das Ideal von Utopia mit AI. Ursprünglich entwickelte das Unternehmen KI-Technologie für dreidimensionale Umgebungen von Videospielen, heute ist es eines der ersten Filmstudios, die sich aufmachen, mittels KI die Traumfabrik zu revolutionieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Aufstieg der in China geborenen und in Kanada aufgewachsenen Shen verlief rasant: Von der University of Waterloo ging es direkt zur Forschungsabteilung von Google, wo nicht weniger als der Anspruch herrscht, die Welt zu verändern. Von dort aus war der Weg zur eigenen Firmengründung konsequenterweise nicht mehr weit. Ein Leben voller Versprechen und Visionen für die Dauerbaustelle Zukunft.20 Millionen statt 200Der entscheidende Schritt, aus einer reinen Tech-Firma auch ein kreatives Studio zu machen, führte zu einigem Aufsehen in der Branche. Im Mai dieses Jahres widmete das renommierte Wirtschaftsmagazin «Forbes» Shen ein grosses Porträt. Im Video-Call erklärt die Unternehmerin, nur Technologien zu verkaufen, hätte nicht das Wesen der Entertainment-Industrie beeinflusst: «Durch diese Verbindung konnten wir deutlich wachsen, grössere Kontrolle und Einfluss in der Branche erlangen und am Ende viel mehr bewegen.»Hollywood befindet sich laut dem Filmhistoriker Peter Decherny in einem konstanten Zustand von Krise und Veränderung, von der Erfindung des Tonfilms bis zu Computeranimationen. KI könnte die umwälzendste Entwicklung von allen werden. Das glaubt auch Shen, schiebt jedoch gleich beschwichtigend hinterher: «Im Kern ist KI ein Werkzeug, das Produktionsprozesse deutlich schneller macht.» Die Gründerin nennt drei Bausteine, die für Utopai wichtig seien: die besten Talente, eigene Technologie und starke Intellectual Properties (IP) – Geschichten, Figuren und Marken mit Franchise-Potenzial.Content und IP sind zwei zentrale Schlagworte, die Shen ständig gebraucht. Früher habe der Aufbau erfolgreicher IP wie bei Disney Jahre benötigt: «Es reicht nicht, einfach nur eine gute Geschichte zu erzählen. Man muss auch eine emotionale Verbindung zu den Menschen schaffen. Mit den neuen Technologien verändert sich das: Kreative können heute viel mehr Geschichten ausprobieren und viel schneller herausfinden, welche wirklich die Menschen berühren», sagt Shen.Es waren prominente amerikanische Athleten, die auf Utopai aufmerksam wurden. Zuerst ging der ehemalige Basketballspieler Carmelo Anthony eine strategische Partnerschaft mit dem Unternehmen ein, dann produzierte der NBA-Star James Harden den animierten Kurzfilm «Red and White». Von dem Studio geplante Projekte sind das aufwendige Historienepos «Cortés» über den Fall des aztekischen Reichs und die Science-Fiction-Serie «Space Nation», an der Roland Emmerich («Independence Day») beteiligt ist.Im März veröffentlichte Utopai sein KI-Tool PAI, im Juli erschien das Update 2.0. Mit dieser «cinematic storytelling engine» lassen sich komplette Storyboards erstellen, mit KI-kreierten Figuren, Effekten und Kameraeinstellungen – sogar und besonders für Langfilme. Seine Trainingsdaten erhält das Tool aus firmeninternen Quellen. In ersten User-Tests wird die noch etwas umständliche, Geld fressende Handhabung bemängelt, aber auch die professionellen Möglichkeiten gelobt. PAI ist quasi ein Filmstudio auf dem heimischen Bildschirm.Wo sieht Shen die Filmbranche in drei Jahren? Zum einen sei die Aufmerksamkeitsspanne des Publikums geringer geworden; es könnte also künftig gut möglich sein, dass ein Spielfilm nur noch eine Stunde dauere. «Zudem werden wir abseits von Hollywood grossartige Geschichten aus Südamerika, Europa oder Asien sehen, die weltweit Anklang finden. Es werden neue Genres entstehen, etwa Mischformen aus Musik und Live-Action. Und unabhängige Filmemacherinnen und Filmemacher werden viel stärker herausstechen, da eine höhere Zahl von Menschen die Möglichkeit hat, eine gute Geschichte zu erzählen.»Dass dieser Wandel auch Widerstand hervorruft, sah man letzten Herbst. Im Rahmen des Zurich Film Festival wurde Tilly Norwood präsentiert, eine KI-Schauspielerin. Die Aufregung war gross: Schauspielerinnen wie Emily Blunt empörten sich, die Gewerkschaften warnten vor geistigem Diebstahl. Cecilia Shen versucht zu beschwichtigen: «Viele Schauspieler haben Angst, dass die Seele und die echten Emotionen eines Films verlorengehen. Wenn wir Technologie jedoch so nutzen, dass sie menschliche Qualitäten einfängt und unterstützt, sieht die Situation ganz anders aus.»Vor allem die Möglichkeit, einen Film in kürzerer Zeit und mit deutlich geringerem Budget zu realisieren, hebt Shen hervor. Der Blockbuster der Zukunft koste womöglich keine 200 Millionen Dollar mehr, sondern 20. Entgegen der landläufigen Meinung glaubt Shen nicht, dass KI unzählige Jobs vernichten werde. Gerade die Branche der Spezialeffekte schrumpfe so oder so. Langfristig soll KI sogar neue Arbeitsplätze schaffen, da neue Berufsbilder und Produktionsformen entstehen.Alles nur eine Blase?Doch reicht das als Argument? Und könnte es sich nicht als Albtraum erweisen, wenn plötzlich jede Geschichte Content wird und der Markt davon überschwemmt wird? Wer macht dann noch Kunst? Wie bei vielen solcher Kritikpunkte bleibt Shen ungebrochen optimistisch: «Ja, es existieren Tonnen von KI-generiertem Einheitsbrei. Doch wenn man ständig mit mittelmässigem, maschinell erzeugtem Content konfrontiert wird, wächst der Wunsch nach Geschichten, hinter denen echte Menschen stehen. Genau darauf setzen wir.»Inzwischen wird der Wert von Utopai auf eine Milliarde Dollar beziffert. Das ist insofern bemerkenswert, als noch kein einziger KI-Langfilm das Licht der Kino- oder Streamingwelt erblickt hat. KI-Firmen sind in letzter Zeit wie Pilze aus dem Boden geschossen, zugleich wächst unter Investoren die Skepsis, ob der KI-Boom die hohen Erwartungen erfüllen kann. Und wie lange es dauert, bis die KI wirklich täuschend echt wirkt, darüber gehen die Ansichten ohnehin weit auseinander.Wäre es möglich, dass KI die nächste grosse Blase ist? «Ich glaube, die hohe Bewertung unseres Unternehmens hängt nicht nur mit unseren Inhalten zusammen, sondern vor allem mit unserem Potenzial. Viele erwarten, dass wir eine führende Rolle bei der Entwicklung des KI-Studios der Zukunft übernehmen. Das doppelte Geschäftsmodell – Einnahmen aus Content und aus Technologie – macht unser Unternehmen deutlich attraktiver als ein klassisches Studio», sagt Shen.Passend zum Artikel