Günstige und immer bessere KI aus China? Klingt verlockend, doch Schweizer Firmen sind skeptischEin neues chinesisches KI-Modell holt Claude und Chat-GPT ein. Eine Schweizer Firma erzählt, wie sie die chinesische KI einsetzt. Und damit 40 Prozent ihrer KI-Kosten spart.22.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenChinesische Open-Weight-KI-Modelle lassen sich gut auf spezifische Anwendungen anpassen. Doch ihre Trainingsdaten sind meist durch chinesisches Gedankengut gefärbt.Illustration Simon Tanner / NZZManuel Winter staunte, als sein Entwicklungschef Anfang Mai zu ihm kam und sagte: Er und sein Team wollten von nun an mit einem chinesischen KI-Modell arbeiten. Winter war zuerst skeptisch. Eine chinesische KI? Ist das wirklich eine gute Idee? Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Er dachte an den Datenschutz, an durch China manipulierte Trainingsdaten, an mögliche Reputationsschäden, wenn seine Firma ein chinesisches Modell einführen würde. An den Aufwand, es so zu betreiben, dass die Bedenken ausgemerzt würden. Dann sagte er Ja.Denn: Das chinesische Modell arbeitet zuverlässig, es ist leistungsfähig, es lässt sich flexibler auf gewisse Anwendungen zuschneiden als die Modelle aus den USA wie Claude oder Chat-GPT. Und es ist günstiger.Das neue Top-KI-Modell heisst Kimi K3Manuel WinterPDManuel Winters Firma, Oxygen at Work, beschäftigt in der Schweiz und in Deutschland 75 Personen. Sie stattet Büros mit Zimmerpflanzen aus und installiert Sensoren, die das Raumklima messen. Durch das KI-Modell aus China spart sie rund 40 Prozent ihrer KI-Kosten.Das Modell heisst Kimi und stammt von der chinesischen Firma Moonshot AI. Als Winter dessen Einsatz Mitte Juni erlaubte, war dieser Name noch unbekannt. Heute kennt ihn fast die ganze Welt. Denn Kimi K3, das neuste Modell der Reihe, hat in den anerkannten Vergleichstests die jetzigen Topmodelle von Open AI oder Anthropic eingeholt.Das Spezielle am neuen chinesischen Topmodell: Es wurde aufgrund der amerikanischen Exportrestriktionen gegenüber China mit weniger leistungsfähigen KI-Chips trainiert. Es ist kostengünstiger, und es soll sich um ein Open-Weight-Modell handeln.Das bedeutet: Im Gegensatz zu geschlossenen KI-Modellen wie Chat-GPT oder Claude legt die Firma die Parameter offen, auf denen das Modell basiert. Diese können heruntergeladen, auf lokalen Servern betrieben und auf spezifische Anwendungen angepasst werden. Dadurch liessen sich theoretisch auch Datenabflüsse nach China verhindern.Leandro von Werra, Forschungschef der Open-Source-KI-Plattform Hugging Face, sagt auf Anfrage, bisher habe es keine Fälle gegeben, in denen in chinesischen Open-Weight-Modellen Hintertüren eingebaut gewesen seien. Er rät aber im Allgemeinen, den Internetzugriff von Modellen mit Zugriff auf heikle Daten zu beschränken und etwa nur die Internetsuche zu erlauben. Sonst bestehe ein Restrisiko, dass das Modell Daten abgreife und ins Internet hochlade.Moonshot AI hat angekündigt, die vollständigen Parameter bis zum 27. Juli zu veröffentlichen.Kimi K3 scores 57 on the Artificial Analysis Intelligence Index. Its intelligence is comparable to Opus 4.8 and GPT-5.5 but remains behind Fable 5 and GPT-5.6 Sol. Moonshot AI has expressed plans to release the 2.8T parameter model's weights, which would make it the leading open… pic.twitter.com/wGUDiq4H34— Artificial Analysis (@ArtificialAnlys) July 16, 2026 «Es heizt den Markt an»Chris Beyeler ist Präsident des Verbands Swiss AI, bei dem zwanzig Schweizer Firmen Mitglied sind. Von diesen weiss er, dass einzelne die chinesischen KI-Modelle testen. Aber die meisten seien skeptisch. Sie hielten sich stark damit zurück, die chinesischen Alternativen einzusetzen. Denn es gibt Vorbehalte.Chris BeyelerVor anderthalb Jahren, als das chinesische Modell Deepseek auf den Markt kam und für Panik unter den amerikanischen KI-Firmen sorgte – weil es zeigte, dass gute KI-Modelle günstiger trainiert und betrieben werden konnten, als bisher gedacht –, testeten auch einige Schweizer Firmen das Modell. Doch schnell war klar, dass Deepseek durch chinesisches Gedankengut gefärbt ist.Das KI-Modell gab etwa an, Taiwan gehöre zu China und weigerte sich, sich zum Massaker auf dem Tiananmen-Platz zu äussern. Im Gegensatz zu völlig offenen KI-Modellen, sogenannten Open-Source-Modellen, ist bei Open-Weight-Modellen nicht einsehbar, mit welchen Daten die KI trainiert wurde. So kann etwa Propaganda in die Modelle einfliessen.Beyeler ist dennoch überzeugt davon, dass man die chinesischen Modelle testen sollte. «Wir sollten eine Alternative zu den amerikanischen Modellen haben, die wir selber hosten und nutzen können, anstatt alle unsere Daten wegzugeben», sagt er. Im Moment sei China führend bei der Entwicklung solcher Open-Weight-Modelle. Es brauche jedoch Alternativen aus Europa.Raphael ToblerPDFür Raphael Tobler, Präsident der Swiss Startup Association, ist die Veröffentlichung von Kimi K3 eine gute Nachricht. «Sie heizt den Markt an und zwingt andere KI-Firmen, auch günstigere Modelle zu bauen.» Das sei gerade für Startups ein Vorteil.Dass nun viele Startups auf chinesische KI-Modelle wechselten, erwartet Tobler aber nicht. Er selbst hatte mit seinem Bildungs-Startup Eduwo damals Deepseek ausprobiert. Sein Unternehmen vermittelt Nutzerinnen und Nutzern für sie geeignete Lehrgänge und Weiterbildungen. Er und sein Team liessen ihren Matching-Prozess über Deepseek laufen. Schnell hörten sie aber wieder damit auf.Der Aufwand, die Voreingenommenheit des Modells auszumerzen, es aufzusetzen und auf einem eigenen Server in der Schweiz laufen zu lassen, wäre für ihre Anwendung unverhältnismässig gewesen. Tobler sagt: «Am Ende hätten wir mit Deepseek vielleicht hundert Franken im Monat einsparen können. Das hätte sich nicht gelohnt.»Drei grosse Red Flags für die KI-ModelleFür Manuel Winter, CEO von Oxygen at Work, und sein Entwicklungsteam lohnt sich Kimi. Man stehe bei der Anwendung aber noch am Anfang und sei entsprechend noch besonders vorsichtig und restriktiv.Sie liessen derzeit Code für die Website schreiben. Darauf können ihre Kunden etwa Informationen darüber abrufen, wie es um das Raumklima in ihren Büros steht und welche Auswirkungen die Pflanzen von Oxygen at Work darauf haben. Auch interne Software, mit der sie Projekte planten und das Lager mit den Pflanzen bewirtschafteten, werde von den Kimi-Modellen geschrieben, sagt Winter. Sie setzten sie ausserdem dazu ein, Fehler im Code zu identifizieren, ihn zu testen und zu dokumentieren.Für alle Backend-Bereiche, also dort, wo sich die Software mit internen Datenbanken verbindet, dürfe Kimi jedoch nicht zum Einsatz kommen. Winter sagt: «Es gibt drei grosse Red Flags, also Bereiche, in denen wir Kimi verbieten.»Zum einen: alle personenbezogenen Daten. Diese dürften niemals mit Kimi geteilt werden. Auch Daten über die Luftqualität der Büros, Adressen der Firmen oder ihr eigenes Inventar der Pflanzen und Sensoren seien tabu. Ausserdem jegliche Passwörter oder Schlüssel, die man brauche, um sich in einer Datenbank einzuloggen. Die Nutzung von Kimi habe man innerhalb der Firma strikt auf die sechs Personen begrenzt, die im Entwicklungsteam arbeiteten, sagt Winter.Um einen Datenabfluss nach China zu verhindern, arbeitet Winters Firma mit einem sogenannten Inferenzanbieter aus den USA zusammen. Also einer Firma, welche das Modell auf lokalen Servern laufen lässt und garantieren soll, dass zwischen der KI-Firma in China und dem Anwender in der Schweiz eine Art «Barriere» hergestellt wird und keine geteilten Inhalte gespeichert oder wieder zurück ans chinesische Modell geliefert und von diesem fürs Training verwendet werden.Die ETH lässt Modelle aus China auf Schweizer Servern laufen«Entscheiden Sie sich für einen Inferenzanbieter, dem Sie vertrauen und bei dem Sie davon ausgehen, dass Ihre Daten geschützt sind», rät Valentina Pyatkin. Sie forscht am Allen Institute for AI in Washington und arbeitet zusätzlich am ETH AI Center am Training von KI-Modellen. Seit über einem Jahr benutzt sie dort für ihre Forschung ebenfalls chinesische KI-Modelle, darunter Kimi, Deepseek oder Qwen. Die ETH betreibt die chinesischen Modelle auf Servern in der Schweiz, sagt Pyatkin. So könne man verhindern, dass Daten nach China abflössen.Valentina PyatkinPDBezüglich der politischen Verzerrungen durch die Trainingsdaten ist Pyatkin skeptisch. Es sei schwierig, ein solch grosses Modell dazu zu bringen, etwas Gelerntes zu vergessen oder nachträglich umzulernen. Dessen müsse man sich als Anwender einfach bewusst sein. Und die Modelle ausschliesslich für etwas nutzen, bei dem solche Voreingenommenheit keine Rolle spiele.Dem Oxygen-at-Work-Gründer Winter zeigt der Erfolg des neusten Kimi-Modells, dass er bei dessen Erlaubnis damals die richtige Entscheidung getroffen hat. «Ich bin grundsätzlich nicht dagegen, nur weil eine Technologie aus China stammt», sagt er.Klar, man müsse vorsichtiger sein und strengere Regeln festlegen, welche Daten man mit dem Modell teile. Danach gehe es eher um die Frage, wie es sicher betrieben werden könne. Wenn Moonshot AI die Parameter seiner neusten Version, des Topmodells Kimi K3, Ende dieses Monats tatsächlich offenlegt, werde sein Team diese sicher testen.Passend zum Artikel