Die Geschichte reicht gut 900 Jahre zurück. Schon für die Mönche des Zisterzienserordens, die sich Anfang des 12. Jahrhunderts im Rheingau niederließen und das Kloster Eberbach gründeten, war der Weinbau eine ihrer wichtigsten Beschäftigungen – und bald auch eine ihrer lukrativsten Einnahmequellen. Die Hessischen Staatsweingüter, die aus dem klösterlichen Betrieb in Kloster Eberbach hervorgegangen sind, sind somit nicht nur das größte Weingut Deutschlands, sondern auch eines der traditionsreichsten. Die insgesamt rund 200 Hektar Weinberge erstrecken sich heute von Assmannshausen im Rheingau bis nach Heppenheim an der Bergstraße. Und die Bestände an Weinen, die in den Kellern lagern, suchen auch international ihresgleichen.In der Schatzkammer in den Gewölben von Kloster Eberbach stammt die älteste Flasche aus dem Jahr 1706. Wie viele Flaschen dort insgesamt lagern, ist ein gut gehütetes Geheimnis, aber es dürften Zehntausende sein, und Jahr für Jahr kommen etwa tausend bis 1500 weitere des aktuellen Jahrgangs hinzu.Wenn die AfD nun im Landtag eine Kleine Anfrage an die Landesregierung zum Verkauf von Weinen aus der Schatzkammer stellt und einen Zusammenhang zwischen den zuletzt defizitären Jahresbilanzen der Staatsweingüter und dem angeblichen „Ausdünnen“ von historischen Beständen herstellt, dann wittert sie einen Skandal, wo keiner ist.Die Staatsweingüter haben schon immer regelmäßig Weine aus der Schatzkammer für Verkostungen und Versteigerungen entnommen. Es gehört zum Selbstverständnis des Landesbetriebs, die Schätze dieser einzigartigen Sammlung und damit einen Teil der Weingeschichte nicht nur einem kleinen, geschlossenen Kreis von Experten, sondern auch der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dass die neue Geschäftsführerin der Staatsweingüter, Christine Müller, jetzt mit ihrem Kellermeisterteam eine Kollektion von historischen Weinen zusammengestellt hat, um sie online Liebhabern, Kennern und Sammlern zum Kauf anzubieten, ist also nur konsequent.Von einem Ausverkauf der historischen Bestände kann dabei keine Rede sein. Die Liste im Onlineshop der Staatsweingüter umfasst gerade einmal knapp 40 Tropfen. Kein Jahrgang und kein spezifischer Wein werden gänzlich aus der Schatzkammer verschwinden. Vielmehr wird mit dem Onlineverkauf einem weinhistorisch interessierten Publikum die Möglichkeit gegeben, am Erbe des Klosters teilzuhaben – zu Preisen, die im internationalen Vergleich äußerst moderat erscheinen. Ein Skandal ist das nicht. Ganz im Gegenteil.