Erinnerungen an George Floyd werden wach: Ein Todesfall wühlt Italien aufBei einem Polizeieinsatz in Bologna wird ein Mann minutenlang am Boden fixiert und stirbt. Der Vorfall löst Proteste aus. Es sind angespannte Tage in Italien.21.07.2026, 14.29 Uhr4 LeseminutenPolizisten bringen sich am Montagabend in den historischen Portici von Bologna in Stellung im Kampf gegen gewaltbereite Demonstranten.MAX CAVALLARI / EPA ANSAEs ist nur drei Minuten kurz – und doch von quälender Länge: Das Video, das seit Sonntag in Italien kursiert und für Schlagzeilen sorgt. Es dokumentiert einen Polizeieinsatz in einem Aussenquartier von Bologna.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ein Mann wird von zwei Polizisten am Boden festgehalten. Einer der Polizisten sitzt rittlings auf seinem Rücken, ein zweiter auf seinen Beinen. Eine weitere Person hält seine Knöchel fest. Man hört, wie der Mann über zwei Minuten lang schreit, um Hilfe ruft, bis er schliesslich regungslos liegen bleibt – und stirbt.Merkwürdig verstörend wirkt auf den Aufnahmen die Tatsache, dass Sanitäter vor Ort sind, dem Geschehen aber scheinbar teilnahmslos zusehen und erst eingreifen, als die Polizisten von dem Mann lassen.Ausgerastet?Der Fall hat in Italien ein riesiges Echo ausgelöst. Am Montagabend ist es in Bologna zu schweren Ausschreitungen gekommen, es gab mehrere Verletzte auf beiden Seiten, bei den Ordnungskräften wie bei den Manifestanten. Die Staatsanwaltschaft von Bologna ermittelt und hat unter anderem die Bodycam eines der beiden beteiligten Polizisten und weitere Videoaufnahmen eingezogen.Unter anderem gilt es abzuklären, ob der Einsatz regelkonform war oder ob die Polizisten unverhältnismässig agiert haben. Der späte Beizug der Sanitäter, so viel scheint festzustehen, entspricht offenbar den Einsatzregeln, wie die Medien darlegen. Danach darf das Sanitätspersonal bei solchen Festnahmen erst eingreifen, wenn die Polizei die entsprechende Freigabe erteilt.Nach allem, was man bisher weiss, wurde die Polizei aufgeboten, weil das Verhalten des Mannes im Quartier für Besorgnis sorgte. Er habe erst seinen Kopf gegen Garagentore gerammt, heisst es, dann herumgeschrien, die Rolltore mit Tritten traktiert, um Hilfe gerufen und gesagt, man wolle ihn umbringen. In der Folge sind die entsprechenden Prozeduren der Polizei in Gang gekommen: Aufgebot einer Streife, Einsatz von Pfefferspray, Versuche, den Mann ruhigzustellen, Aufgebot einer Ambulanz.Irgendwann ist die Sache aus dem Ruder gelaufen. Dass sogleich eine Analogie zum Fall von George Floyd hergestellt wurde, kann angesichts der Bilder nicht verwundern. Der Afroamerikaner George Floyd kam am 25. Mai 2020 in Minnesota bei einem Polizeieinsatz ums Leben, nachdem ihm von einem Polizeibeamten, der minutenlang auf seinem Hals kniete, die Atemwege abgedrückt worden waren. Der Fall löste eine lange und hitzige Debatte um Polizeiwillkür und Rassismus in den USA aus.Ob sich die Polizeiaktion von Bologna wirklich damit vergleichen lässt, werden die Untersuchungen und die Reaktionen der Politik zeigen. Nach Medienangaben gilt der nun ums Leben gekommene 40-jährige Mann als unbescholten. Von marokkanischer Herkunft, lebte er seit dem Alter von fünf Jahren regulär in Italien. In Bologna führte er eine kleine Reinigungs- und Transportfirma.Zum Zeitpunkt des Vorfalls weilte er in Pilastro, einem Quartier an der Peripherie von Bologna, das er öfters aufsuchte, um dort Freunde und Verwandte zu treffen. Pilastro wurde in den sechziger Jahren hochgezogen, um die Zuwanderer aus Süditalien und entlegenen Gebieten anderer italienischer Regionen aufzunehmen, die auf der Suche nach Arbeit nach Bologna kamen. Heute wohnen in dem Quartier, das rund 7000 Einwohner zählt, auch zahlreiche Tunesier, Marokkaner und Pakistaner.Eine junge Frau als LichtblickDer Fall hat sogleich die Politiker auf den Plan gerufen. Es sind unruhige Zeiten in Italien. In einem Jahr wird gewählt, und es zeichnet sich schon jetzt ab, dass die Sicherheit eines der zentralen Themen sein wird.Das rechte Lager ist derzeit besonders nervös, weil seit kurzem mit Futuro Nazionale eine neue Rechtsaussen-Partei vor allem die Lega von Matteo Salvini hart bedrängt. Dieser hat sich denn auch sofort demonstrativ auf die Seite der Polizeikräfte gestellt und das Opfer mit keinem Wort erwähnt. Bologna, la «Rossa», rote Hochburg seit Ewigkeiten, ist ohnehin ein bevorzugtes Ziel seiner Attacken.Der Bürgermeister der Stadt, Matteo Lepore, hat am Montag seinerseits zu einer Solidaritätskundgebung aufgerufen. «Unsere Stadt ist verletzt», sagte Lepore. Allerdings hat die anfängliche friedliche Demonstration am Abend und in der Nacht mit einem wüsten Katz- und Maus-Spiel geendet. Und Lepore sieht sich nun mit dem Vorwurf konfrontiert, verantwortungslos gehandelt und die Ausschreitungen in Kauf genommen zu haben.Die Familie des Opfers hat sich bemerkenswert zurückhaltend geäussert. Sie fordere Wahrheit und Gerechtigkeit, ohne dem Hass nachzugeben, sagte die Nichte des Getöteten an der Kundgebung vom Montag. «Die Worte der jungen Frau waren der einzige Lichtblick in diesen zwei sehr traurigen und dunklen Tagen», meinte Michele de Pascale, der Präsident der Region Emilia-Romagna.Passend zum Artikel