Der Boom der Startups in London kann nicht über die Misere der britischen Wirtschaft hinwegtäuschenNirgendwo in Europa gibt es eine solche Dichte an jungen, erfolgreichen Tech- und KI-Firmen wie in London. Ein Indiz für den Erfolg des Brexits sind sie allerdings nicht. Vielmehr kontrastieren sie mit der stagnierenden Industrie im Rest des Landes. Dort liegen jetzt die Hoffnungen auf Premierminister Andy Burnham.21.07.2026, 14.12 Uhr4 LeseminutenDas Finanzzentrum Canary Wharf in London.Kevin Coombs / ReutersIn Grossbritannien gibt es achtzig Einhörner, also Startups, deren Wert auf über eine Milliarde Dollar beziffert wird. Damit steht das Land im internationalen «Unicorn-Ranking» des Hurun Research Institute nach den USA und China auf dem dritten Platz. Insgesamt sind die britischen Milliarden-Startups umgerechnet 263 Milliarden Franken wert. Damit hat Grossbritannien mehr Einhörner als Deutschland, Frankreich und die Niederlande zusammen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das lukrativste Startup-Unternehmen ist die Digital-Bank Revolut mit einem Wert von umgerechnet 62 Milliarden Franken. Darauf folgt das AI-Infrastruktur-Unternehmen Nscale, das mit umgerechnet 12,6 Milliarden Franken bewertet wird. In der Tat sind ein Drittel der Einhörner Fintech-Unternehmen, während neun der achtzig Firmen im AI-Bereich angesiedelt sind, dem am schnellsten wachsenden Segment. Nur zehn der achtzig Unternehmen stellen keine Software oder Dienstleistungen sondern physische Produkte her.Immaterielle Güter vom Brexit nicht betroffenEindrücklich ist, wie rasch die Startups wachsen. Im Schnitt brauchten sie von der Gründung bis zum Erreichen der Milliarden-Grenze lediglich 3,6 Jahre. Die Gründe für den britischen Erfolg liegen an der Verfügbarkeit von Risikokapital, am Rechtssystem und an der englischen Sprache, die das Land auch für Ausländer attraktiv macht. Über die Hälfte der britischen Einhörner wurde von Personen gegründet, die ausserhalb von Grossbritannien geboren wurden.Oft wird die Dichte an Startups als Zeichen einer dynamischen, innovationsfähigen Wirtschaft betrachtet. Die Situation in Grossbritannien ist hingegen speziell. Es gibt eine Kluft zwischen den jungen, erfolgreichen Unternehmen im IT- und Finanz-Sektor, die vor allem in London und in kleinerem Masse in Manchester konzentriert sind, und der restlichen «Realwirtschaft», die stagniert und wenig lukrativ ist.Das hat auch mit dem Brexit zu tun. Dieser setzte den klassischen Industrien, die auf den Handel mit der EU angewiesen sind, stark zu. Lieferketten wurden wegen der Zölle teurer, die Abläufe wegen der Bürokratie komplizierter und langsamer. Immaterielle Güter hingegen sind von solchen Bremsen kaum betroffen. Ein Algorithmus wird am Zoll von Dover nicht gestoppt.Der KI-Boom verstärkt die KluftDer Glanz der bei Investoren so beliebten Startups kann also leicht über die britische Misere hinwegtäuschen. Das Land verzeichnet die niedrigste Investitionsquote der G7-Länder, und sie sinkt weiterhin massiv. Die Anzahl der ausländischen Direktinvestitionsprojekte ist im Vergleich zum Vorjahr um 26 Prozent eingebrochen. Das ist der tiefste Stand seit über einem Jahrzehnt. Besonders dramatisch sind die Rückgänge in zukunftsweisenden Sektoren wie Maschinenbau, erneuerbare Energien sowie Forschung und Entwicklung.Experten sprechen in diesem Zusammenhang auch vom «London Paradoxon» oder vom «Great Divide». So wie die Politik des Landes zentralistisch auf London ausgerichtet ist, so ist die Hauptstadt auch in wirtschaftlicher Hinsicht ein Wasserkopf. Die Ökonomie ist geteilt zwischen der Oase London beziehungsweise deren City und dem Rest des Landes. London war 2025 die einzige Region, die ein Wachstum bei den Investitionsprojekten verzeichnen konnte. In den «abgehängten» Regionen Nordenglands hingegen brachen die Investitionsprojekte um 44 Prozent ein. Das Bruttosozialprodukt des Landes dümpelt seit zehn Jahren mit einem durchschnittlichen Wachstum von 1,3 Prozent vor sich hin.Wenn also der Erfolg der Startups als Beleg dafür verwendet wird, dass der Brexit allen Unkenrufen zum Trotz ein Erfolg gewesen sei, so ist das irreführend. London ist ein Startup-Hub nicht wegen, sondern trotz dem Brexit. Und die Startups sind nicht repräsentativ für die britische Ökonomie. Es gibt in kaum einem anderen westlichen Land eine solches wirtschaftliches Ungleichgewicht, das sich durch den EU-Austritt noch verschärft hat.Auch der KI-Boom verstärkt die Kluft zwischen der Profitabilität von immateriellen und materiellen Gütern. Das produzierende Gewerbe, zum Beispiel die Autoherstellung in den Midlands, die Chemie-Industrie im Norden oder die Landwirtschaft profitieren von diesem einseitigen Aufschwung nicht. Der oft beschworen Trickle-Down-Effekt ist bis jetzt ausgeblieben. Die einfachen Bürger in heruntergekommenen Kleinstädten wie Grimsby oder Boston merken nichts von den Milliarden in der Londoner City.Brain-drain, Arbeitskräftemangel und ImmigrationNach London geht mehr Risikokapital von internationalen Investoren als ins ganze restliche Europa. Die traditionellen Gewerbe hingegen sind weiterhin auf klassische Bankkredite mit hohen Zinsen angewiesen. Das bremst auch die dringend notwendigen Investitionen in die Modernisierung der Betriebe. Abgesehen davon leidet die Industrie in den Provinzen auch unter der maroden Infrastruktur. Aber die hohe Verschuldung des Staates setzt der Sanierung enge Grenzen, während sich der Mittelstand mit seinen stagnierenden Reallöhnen angesichts der hohen Steuern fragt, wohin sein Geld eigentlich geht.Ein weiteres Problem der klassischen Industriebetriebe ist der Arbeitskräftemangel. Gerade infolge der stockenden Modernisierung herrscht in vielen Betrieben ein hoher Personalbedarf. Vor dem Brexit wurde dieser durch Immigranten aus Osteuropa gedeckt. Inzwischen wurden die Polen und Rumänen durch Einwanderer aus Asien und Afrika ersetzt, was vielerorts zu Widerstand in der Bevölkerung führt. Umgekehrt wandern die gut Ausgebildeten aus der Peripherie nach London, was den Fachkräftemangel in den kleineren Städten verschärft.Premier Burnham verspricht VeränderungMit dem neuen Premierminister Andy Burnham kann man immerhin ein grösseres Bewusstsein für diese Probleme in der Regierung erwarten. Als Bürgermeister von Gross-Manchester ist es ihm gelungen, die Stadt im Norden neben London zu einem zweiten Tech-Hub zu machen und sowohl Talente wie auch Kapital von auswärts anzuziehen. Auch politisch hat er die Dezentralisierung zu einer Priorität erklärt.Zu guter Letzt hat er in Manchester die duale Ausbildung eingeführt, mit Berufslehren ganz ähnlich wie in der Schweiz. Das ist ein wichtiger Schritt, um weniger abhängig von ausländischen Fachkräften zu werden und die Kluft zwischen den Grossverdienern im Dienstleistungssektor und den unqualifizierten Arbeitern, die ohne staatliche Zuschüsse kaum über die Runden kommen, zu schliessen.Denn obwohl seit vielen Jahren von «Levelling up», also einem Ausgleich zwischen London und den ärmeren Regionen, die Rede ist, konnte die Spaltung nicht verringert werden. Die Labour-Regierung hat das Stichwort mittlerweile aus allen offiziellen Dokumenten gestrichen. Die Bevölkerung mag es schon gar nicht mehr hören.Passend zum Artikel
Londons Startup-Boom ist kein Beweis für den Brexit-Erfolg
Nirgendwo in Europa gibt es eine solche Dichte an jungen, erfolgreichen Tech- und KI-Firmen wie in London. Ein Indiz für den Erfolg des Brexits sind sie allerdings nicht. Vielmehr kontrastieren sie mit der stagnierenden Industrie im Rest des Landes. Dort liegen jetzt die Hoffnungen auf Premierminister Andy Burnham.







