Als die Beatles aus Liverpool nach Hamburg kamen, kannte sie kein Mensch. Als Kevin Keegan kam, kannte ihn die ganze Welt. Englands beliebtester und bester Fußballer hatte gerade mit dem FC Liverpool den Europacup der Landesmeister gewonnen. Und doch ging er 1977 nicht nach Madrid oder Mailand, sondern zum HSV, dem Sechsten der Bundesliga. Es wurde ein Erfolg, nicht nur in der Tabelle, auch in der Hitparade. Am Montag ist Kevin Keegan, der erste Top- und Popstar, der in die Bundesliga wechselte, mit 75 Jahren gestorben.Der Bergarbeitersohn, in Armut aufgewachsen, spielte als Junge Cricket und Rugby, boxte, machte lange Crossläufe – und gab, wie später als Fußballprofi, in jedem Training, jedem Wettkampf alles, was er hatte. Ein Sohn der Arbeiterklasse, der auch als Star ein Arbeiter und deshalb zeitlebens populär blieb. Für den Fußball entdeckte ihn Schwester Mary Oliver, die Nonne, die das Team von Keegans katholischer Grundschule trainierte. „Kevins Fußball muss weiter gefördert werden“, schrieb sie ins Zeugnis. Für seine Karriere, fand Keegan später, war sie genauso wichtig wie der legendäre Bill Shankly.Beeindruckende Leistungen in einer HobbymannschaftBei mehreren Probetrainings mit seinen 1,71 Metern als zu klein befunden, beeindruckte er mit 16 beim Sonntagskick seiner Hobbymannschaft einen Gegenspieler. Der empfahl ihn weiter, so kam Keegan zum Viertligaklub Scunthorpe United – Beginn einer Blitzkarriere, die ihn mit zwanzig beim FC Liverpool und Trainer Shankly landen ließ. Es folgten drei Meistertitel, zwei Triumphe im UEFA-Cup, der Gewinn des Europapokals, der Aufstieg zum Topstar des englischen Fußballs. Und so war man nicht nur an der Anfield Road überrascht, dass Keegan all das gegen einen Mittelklasseklub der Bundesliga eintauschen wollte.„In Liverpool hatte ich alles erreicht“, erklärte er später den Wechsel, der den HSV die englische und deutsche Rekordsumme von 2,3 Millionen D-Mark kostete. „Ich wollte eine neue Herausforderung, und Deutschland war eine.“ Auch das Geld war ein Anreiz. Keegan vervierfachte sein Gehalt und wurde auf Anhieb der bestbezahlte Spieler der Bundesliga. Er galt als guter Verhandler; der Erste auf der Insel, der in seinen Verträgen Ausstiegsklauseln durchsetzte.Die Hamburger Jahre waren ein GeschenkZu Beginn in Hamburg fühlte Keegan sich im Spiel von „neidischen“ Kollegen isoliert. Doch mit Trainer Branko Zebec und Manager Günter Netzer kam der Aufschwung. „Mighty Mouse“, die Wühlmaus im Angriff, drehte auf und überzeugte mit ständig hochtourigem Spiel Fans und Mitspieler. Und punktete auch, weil er eifrig Deutsch lernte und selbst beim Schneeschippen im Stadion mit anpackte.Mit 17 Toren schoss er den HSV zum Meistertitel 1979 und führte ihn ein Jahr später ins Europapokalfinale, das sie gegen Nottingham Forest 0:1 verloren. Zweimal in drei Jahren in Deutschland erhielt Keegan den „Ballon d’Or“ als bester Fußballer Europas. Für den HSV, die Bundesliga und Millionen junge, neue Fußballfans waren diese drei Keegan-Jahre ein Geschenk.Zum Titel geschossen: Kevin Keegan (Mitte) mit der Meisterschale neben dem jugoslawischen Trainer Branco Zebec (links) und Abwehrspieler Manfred Kaltz (rechts)dpaNach einem Konzert von Smokie in Hamburg lernte Keegan, der schon 1972 seine erste LP aufgenommen hatte, Bandleader Chris Norman kennen. Es führte zum Song „Head over Heels in Love“, eigentlich für Suzi Quattro geschrieben, dann aber von Keegan gesungen – mit einem süßen Schmelz und einem Blick, der Herzen erweichte. In den britischen Charts reichte es nur für Platz 31, in den deutschen aber für die Top Ten. Als der quirlige Dribbler und begabte Entertainer 1980 auf die Insel zurückkehrte, ließ er in Deutschland viele Fans zurück – und einen Boom des Vornamens Kevin bei männlichen Neugeborenen.Historischer AusrasterBei der Wahl der weiteren Klubs hatte Keegan weniger Glück. Nach zwei Jahren Southampton ging er nach Newcastle in die zweite Liga, wo ihn Nationaltrainer Bobby Robson nicht mehr berücksichtigte. Keegan, 31-mal Kapitän der „Three Lions“, erfuhr davon aus der Presse. „Verletzt und gedemütigt“, trat er als Nationalspieler zurück. Auch Keegans spätere Trainerkarriere endete glanzlos. Mit Newcastle stieg er bis an die Spitze der Premier League auf, verspielte dann aber zwölf Punkte Vorsprung vor Manchester United. Sein Wutausbruch im Live-TV gegen United-Trainer Alex Ferguson und dessen Psycho-Tricks ist bis heute in England eine der populärsten Szenen in der Geschichte der Premier League.Als Nationaltrainer verpasste Keegan bei der EM 2000 trotz eines Sieges gegen die noch schlechteren Deutschen die K.-o.-Runde. Ein Jahr später trat er nach der 0:1-Niederlage gegen Deutschland im letzten Spiel im alten Wembleystadion zurück. Und gestand sich selbst und der englischen Öffentlichkeit ein, dass dieser Job seine Fähigkeiten überstieg: Ihm fehle das „gewisse Extra, das du brauchst, um auf diesem Level die Siegesformel zu finden“. Jeder, der Kevin Keegan am Ball sah, weiß: Als Spieler hatte er es, das gewisse Extra.