Spinnennetze sind raffinierte Fallen, die Beutetiere so lange festhalten, bis die Spinne zugreift. Dabei ist längst nicht jedes Spinnennetz wie das andere: Kreuzspinnen beispielsweise bauen radförmige Netze, wobei sie zweierlei Seidenfäden nutzen: Die radial verlaufenden, recht stabilen Speichen halten eine klebrige, äußerst dehnbare Spirale, an der Fliegen und andere Insekten hängen bleiben. Kräuselradnetzspinnen hingegen verwenden statt klebriger Tröpfchen ein dichtes Gewirr extrem dünner Fäden, in dem sich die Beute verfängt.Gewöhnlich warten Spinnen geduldig, bis ein Beutetier ins Netz gegangen ist. Mit speziellen Sinnesorganen auf ihren Beinen spüren sie, wenn ein zappelndes Insekt die Seidenfäden in Schwingungen versetzt, und eilen dann blitzschnell herbei. Kescherspinnen hingegen nutzen eine andere Methode: Sie werfen aktiv ein Netz über die erspähte Beute, ganz wie es Menschen machen, die mit Keschern Insekten oder Fische fangen. Kescherspinnen gibt es in allen warmen Regionen der Erde, nur nicht im Mittelmeerraum. Sie sind eng mit den Kräuselradnetzspinnen verwandt. Ihr Gespinst besteht aus einer dreieckigen Konstruktion mit drei Speichenfäden. Zwei davon begrenzen einen speziellen Abschnitt mit Kräuselfäden. Dieser Bereich wird von den beiden vorderen Beinpaaren gehalten und dient als Fangnetz: Sobald ein Beutetier in Reichweite kommt, spreizt die Kescherspinne ihre Beine derart, dass sich das dazwischenliegende Netz plötzlich in einen geräumigen Kescher verwandelt. Dass sich seine Fläche dabei um ein Vielfaches vergrößert, ist für die Kräuselfäden kein Problem. Sie können sich um mehr als 150 Prozent dehnen, ohne zu reißen.Außergewöhnlich dehnbar müssen allerdings auch die Speichenfäden sein, zwischen denen die Kescherspinnen ihr Fangnetz ausspannen. Die Speichen gängiger Radnetze wären auf jeden Fall überfordert. Schließlich sind sie vor allem auf große Belastbarkeit ausgelegt. Schon bei einer Dehnung um mehr als fünf Prozent würden sie sich irreversibel verformen. Mit entsprechend viel Kraft um mehr als zwanzig Prozent in die Länge gezogen, zerreißen sie.Wie also gelingt es den Kescherspinnen, Seidenfäden mit großer Dehnbarkeit zu spinnen, die sich trotzdem als ziemlich belastbar erweisen? Wissenschaftler um Jonas O. Wolff von der Universität Greifswald, Daniela C. Rößler von der Universität Bonn und Anna-Christin Joel von der Macquarie University in Sydney haben herausgefunden, dass die fraglichen Speichenfäden, anders als bei Netzspinnen üblich, aus zwei verschiedenen Komponenten bestehen. Als Forschungsobjekt diente die in Australien heimische Großaugenspinne (Asianopis subrufa). Von ihren insgesamt acht Augen sind zwei so groß und leistungsfähig, dass sie damit auch nachts Beute erkennen kann.Wie Filmaufnahmen mit mehr als tausend Bildern pro Sekunde bezeugen, dehnen sich die oberen Speichenfäden am Fangnetz der Großaugenspinne in rund einer Zehntelsekunde um etwa 24 Prozent, die unteren um bis zu 200 Prozent. Der Sicherungsfaden, mit dem sich die Kescherspinne im Netz verankert, ist als Faden, der zum Abseilen taugt, dagegen kaum dehnbar. Die Spinne kann ihr Netz deshalb nur so lange abwärts bewegen, bis der ursprünglich schlaffe Sicherungsfaden straff gespannt ist. Auf diese Weise vermeidet sie eine Überlastung. Wenn die elastische Energie, die beim Dehnen des Fangnetzes gespeichert wurde, wieder freigesetzt wird, hilft sie der Spinne, samt gefangener Beute in ihre Ruheposition zurückzukehren.Entsprechend getestet, zeigten Speichenfäden, die direkt im oder am Fangnetz der Großaugenspinne sitzen, außergewöhnliche mechanische Eigenschaften: Im Vergleich mit den Kräuselfäden des Keschers waren sie zwar ähnlich oder sogar noch stärker dehnbar. Zugleich waren sie jedoch um ein Mehrfaches belastbarer als diese Fäden, in denen sich die Beute verstricken soll. Unter dem Rasterelektronenmikroskop erweisen sich die Speichenfäden im und am Fangnetz als mehr oder minder üppig geschmückt mit dichten Schleifen aus sehr viel dünneren Fäden. Während die Speichenfäden ebenso wie der Sicherungsfaden und der äußere Rahmen des Netzes aus den vorderen Spinnwarzen stammen, wird der Belag aus hauchdünnen Seidenschleifen von hinteren Spinnwarzen produziert.Wie Wolff und Kollegen in den „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften berichten, entpuppte sich der Schleifenschmuck als Ursache für die überraschend große Belastbarkeit: Die so verzierten Fäden lassen sich zwar zunächst mit minimalem Kraftaufwand dehnen. Doch wenn sich die Schleifen durch Dehnung gestreckt haben, machen sie die Speichenfäden weniger nachgiebig und damit erheblich belastbarer. Während des Produktionsprozesses dürften sich die extravaganten Speichenfäden mit mehr oder minder vielen zu Schleifen gelegten Seidenfädchen bestücken lassen, um ihre mechanischen Eigenschaften nach Bedarf zu variieren.Die Kombination von leicht dehnbaren dicken mit unnachgiebigen dünnen Fäden liefert den Kescherspinnen ein Gespinst, das zwar höchst elastisch, zugleich aber reißfest genug ist, um zappelnden Beutetieren standzuhalten. Im Laufe der Spinnen-Evolution entstanden, kann dieses bemerkenswerte Verbundmaterial aus verschiedenen Seidenfäden womöglich technischen Erfindergeist wecken. Nach dem Vorbild der Kescherspinnen sollten sich auch künstliche Fasern entwickeln lassen, die gleichzeitig dehnbar und belastbar sind.
Wenn Spinnen mit ihren Netzen werfen
Um Beute zu fangen, spannen viele Spinnen ein Netz auf. Kescherspinnen haben eine andere Methode gefunden. Sie könnte für Ingenieure interessant sein.






