Für viele war Hunter Biden über die Jahre entweder Opfer oder Hassfigur. Einige sahen in dem Sohn des früheren Präsidenten Joe Biden einen glücklosen Mann, lange alkohol- und rauschgiftsüchtig, der seine persönlichen Kämpfe in der Öffentlichkeit austragen musste. Die republikanische Partei wiederum präsentierte ihn als Politikersohn, der Papas politischen Einfluss nutzte, um im Ausland Millionen zu machen, auch wenn es dafür nie strafrechtlich relevante Beweise gab. Hunter Biden selbst schrieb in einem Beitrag auf der Plattform X vor zwei Monaten: „Ich bin Hunter Biden. Sie haben noch nie wirklich von mir gehört.“Seither hat der Sechsundfünfzigjährige zu einer Medienoffensive ausgeholt, in der er sich zum ersten Mal ausführlich äußert: zu seiner Suchtvergangenheit, der Familie und auch zur amerikanischen Politik. So häufig, dass er am Montag in den sozialen Netzwerken versicherte, er habe keinerlei politische Ambitionen. Nur einen „dreifachen Doktor in Sachen Abhängigkeit und deren Bewältigung“. Das ist der Ton, den der Präsidentensohn gegenüber seinen 830.000 Followern auf der Plattform X anschlägt. Ein wenig ernst, ein wenig ironisch, dann wieder ein Troll gegenüber Kritikern, auf jeden Fall nahbar.Im Gespräch mit den „Hatern“ von damalsDas letzte Mal, dass die Vereinigten Staaten über Hunter Biden redeten, war im Dezember 2024. Damals begnadigte Joe Biden ihn kurz vor dem Ende seiner Amtszeit, auch wenn er vorher versprochen hatte, das nie zu tun. Zwei Verurteilungen wegen Steuervergehen und Verstößen gegen das Waffenrecht kamen zum Erliegen, bevor das Strafmaß verkündet wurde. Der Präsident sagte damals, es habe sich um politische Strafverfolgung gehandelt. Hunter Biden sagte in einem jüngsten Gespräch mit dem Sender NPR, der Vorwurf, das könne Donald Trumps spätere Begnadigungen von Kapitolstürmern begünstigt haben, sei ein „absurdes Argument“.Mit seiner Meinung zur aktuellen amerikanischen Regierung hält Hunter Biden nicht hinter dem Berg. Den stärkeren Fokus legt er jedoch darauf, die Gemeinsamkeiten der Amerikaner zu beschwören – in gewichtigen Worten. Er selbst, sagt Hunter Biden immer wieder, sei öffentlich an den Pranger gestellt worden, bis er keine Geheimnisse mehr gehabt habe. „Jetzt habe ich das Megafon.“ Zum Plan gehört es offenbar auch, die größten „Hater“ von damals auf die Bühne zu zerren.Eines der ersten langen öffentlichen Gespräche führte er mit der Verschwörungstheoretikerin Candace Owens, deren Eigenschaften als Mutter er später lobte. Sie habe ihn endlich als „Mensch“ betrachtet, auch wenn er mit ihr in den meisten Dingen inhaltlich uneins sei. Er wolle mit den falschen Vorstellungen voneinander, der „Desinformation“, aufräumen, hob Hunter Biden hervor. Es würde den Amerikanern nur immer erzählt, dass sie so gespalten seien. Mit Owens „das Brot zu brechen“ soll ihnen zeigen, wie das Land heilen könne. Dasselbe galt offenbar für den jungen Rechtsextremen Nick Fuentes, mit dem Hunter Biden laut Medienberichten Anfang Juli für ein Interview zusammengesessen haben soll, inklusive „hitziger Debatten“.„Ich hätte meine Drogen nie vergessen“In den Beiträgen auf X hält Biden es meistens humorvoll. So schrieb er Anfang Juli unter Verweis auf eine Zählung des Senders CNN, „unser großer Führer“ Trump habe den Krieg mit Iran nun schon mindestens achtunddreißigmal für beendet erklärt. Er werde ihn deswegen für den Friedensnobelpreis vorschlagen. Als ein Kommentator ihm unter einem anderen Beitrag vorwarf, er habe damals sein Kokstütchen im Weißen Haus vergessen, erwiderte Biden: „Ganz sicher nicht. Ich hätte meine Drogen niemals vergessen.“ Das war einer der ersten viralen Kommentare Hunter Bidens, der nach eigener Aussage inzwischen sieben Jahre ohne Rückfall ist.Ihm gelingt, was dem Rest der Familie dieser Tage nicht gelingen will. Joe Biden ist wegen aggressivem Prostatakrebs in Behandlung und tritt nur gelegentlich bei Veranstaltungen der Demokraten auf. Die Memoiren der Ehefrau Jill Biden aus dem East Wing, die im Juni erschienen, wurden weithin als beschönigt empfunden. Über den immer schlechter gewordenen Gesundheitszustand ihres Mannes, der schließlich zum Rückzug aus dem Wahlkampf geführt hatte, schrieb sie etwa, weder sie noch das Team hätten gezögert, wäre er kognitiv beeinflusst gewesen. Das sei im Sommer 2024 aber „nicht annähernd“ der Fall gewesen.Hunter Biden umging eine solche Aussage zum noch nicht vollständig verarbeiteten Trauma der demokratischen Partei in einem Interview kürzlich. Er habe seinem Vater damals gesagt, er unterstütze ihn in jeder Entscheidung. Joe Biden kommentiere seine öffentlichen Bemerkungen heute wiederum nur in einer Sache: Er solle das F-Wort („fuck“) doch etwas weniger oft benutzen. Dem früheren Präsidenten dürften allerdings auch inhaltliche Aussagen seines Sohnes missfallen. Zum Beispiel die zum Scheitern des demokratischen Establishments, das sein Vater viele Jahre anführte. Die Wähler wollten mehr, sagte Hunter Biden jüngst. Sie wollten jemanden finden, „der wirklich an etwas glaubt“.